Allgemeine Berichte | 08.11.2021

Hospiz im Ahrtal gGmbH schließt Versorgungslücke

Nicht die Krankheit, sondern der leidende Mensch steht im Vordergrund

Hospiz im Ahrtal gGmbH baut multiprofessionelles SAPV-Team auf, das rund um die Uhr im Kreis Ahrweiler Einsatz ist

Dr. med. Heide Brumhard Foto: privat

Kreis Ahrweiler. Seit 2007 haben Menschen mit einer unheilbaren, weit fortgeschrittenen Erkrankung, die eine spezialisierte oder besonders aufwendige Versorgung benötigen, Anspruch auf eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung, kurz SAPV. Das ist im fünften Sozialgesetzbuch verankert. Im Kreis Ahrweiler hat es aber bisher keine SAPV gegeben. Die Hospiz im Ahrtal gGmbh, die auch Träger des stationären Hospizes in Bad Neuenahr-Ahrweiler ist, will das nun ändern. Darüber freuen sich auch die Mitgesellschafter vom Hospiz-Vereins Rhein-Ahr, Ulrike Dobrowolny, von der Marienhaus Holding, Maria Heine, und von den Bodelschwingh’schen Stiftungen Bethel, Dr. Johanna Will-Armstrong. Was das genau bedeutet, erklärt Heide Brumhard, ärztliche Leiterin des im Aufbau befindlichen SAPV-Teams.

Bisher hat es im Kreis Ahrweiler keine SAPV gegeben. Warum braucht man diese jetzt?

Heide Brumhard: Mit dem Aufbau des SAPV-Teams möchten wir die im Kreis Ahrweiler bestehende Versorgungslücke für SAPV schließen und den schwerkranken Menschen hier diese besondere Form der ambulanten Begleitung zur Verfügung stellen. Die SAPV bildet sozusagen die vierte Säule der Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen im Kreis Ahrweiler - neben dem Hospiz-Verein Rhein-Ahr mit seinem ambulanten palliativen Beratungsdienst, neben der Palliativstation im Remagener Krankenhaus und neben dem stationären Hospiz im Ahrtal. Zentral für die SAPV ist eine 24-Stunden-Kriseninterventionsbereitschaft durch ein multiprofessionelles Team, das zu den Menschen kommt.

Was will SAPV – und was vielleicht nicht?

Ein Hauptanliegen der SAPV ist es, Schwerkranken möglichst lange oder sogar bis zuletzt den Verbleib in ihrer vertrauten, zumeist häuslich-familiären Umgebung zu ermöglichen. Durch eine gezielte Kontrolle körperlicher Symptome, durch die Stärkung von Ressourcen, die der Patient mitbringt, sowie durch psychosoziale Unterstützung werden die Lebensqualität und Autonomie des betroffenen Menschen erhalten oder verbessert. Dass sie rund um die Uhr auf unsere Kriseninterventionsbereitschaft zurückgreifen können, gibt den Patienten und ihren Zugehörigen ein großes Stück Sicherheit und hilft, wiederholte Krankenhauseinweisungen zu vermeiden. Die SAPV ersetzt nicht den Dienst der Haus- und Fachärzte oder Pflegedienste, sondern sieht sich als ein ergänzendes Angebot zu bestehenden Versorgungsstrukturen.

Wer kann diese Art der Versorgung in Anspruch nehmen?

Die SAPV richtet den Fokus auf Menschen mit einer nicht heilbaren, fortschreitenden Erkrankung und voraussichtlich begrenzter Lebenserwartung, die oft unter einem komplexen Symptomgeschehen leiden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt bei Tumorerkrankungen. Ebenso gehören Menschen mit einer chronisch neurologischen Erkrankung, wie Schlaganfall oder Hirnblutung, oder mit einer internistischen Erkrankung im Endstadium zu unserer Zielgruppe. Anspruch auf SAPV besteht zu Hause, in stationären Einrichtungen der Pflege und der Eingliederungshilfe und auch im stationären Hospiz.

Wie sieht Ihre Arbeit ganz praktisch aus?

Individuell abgestimmt kommen Pfleger und Ärzte zu den Patienten und sind 7 Tage die Woche, 24 Stunden bei Akutsituationen erreichbar. Zu unseren Aufgaben gehört unter anderem die medikamentöse Einstellung zur Linderung von Schmerzen. Wir prüfen zudem, ob zusätzliche Hilfsmittel oder Physiotherapie die häusliche Situation der Patienten verbessern. In Gesprächen mit den Patienten und deren Zugehörigen finden neben medizinischen auch psychosoziale und spirituelle Aspekte Platz.

Es geht also nicht nur um medizinische Aspekte…

Nein. Die palliativmedizinische und hospizliche Arbeit ist mit einer besonderen inneren Haltung verbunden, die sich vielleicht mit den Begriffen menschliche Nähe, Wertschätzung und Demut ein Stück weit fassen lässt. Bei der Betreuung durch das Team aus Palliativmedizinern und Palliativpflegefachkräften wird jeder Patient in seiner Ganzheitlichkeit und Individualität wahr- und ernstgenommen. Im Zentrum steht nicht die Krankheit an sich, sondern der Mensch, der an ihr leidet, mit allem, was er über diese Erkrankung und die Beschwerden hinaus mitbringt: seine Biographie, seine Familie und Nahestehenden, seine „Lebensinhalte“, sowie sein soziokultureller und spiritueller Hintergrund. Maßstab für die Gestaltung der Therapie ist die Autonomie der Patienten und ihrer Zugehörigen.

Wie und warum sind Sie persönlich zur Palliativmedizin gekommen?

Ich bin in einer Großfamilie mit mehreren Generationen unter einem Dach aufgewachsen. Das Sterben im häuslichen Umfeld habe ich daher schon früh als etwas Natürliches und Tröstliches kennengelernt. Leider musste ich dann später auch erleben, wie eine mir sehr nahestehende Tante im Krankenhaus unter stärksten Schmerzen und mit vielen anderen Beschwerden elend an ihrem Krebs verstorben ist. Die Bilder gehen mir bis heute nach und haben mich für meinen Weg als Ärztin sensibilisiert. Bereits im Medizinstudium wurde mir klar, dass die Palliativmedizin und die damit verbundene „Haltung“ dem Menschen gegenüber zum Grundrüstzeug des ärztlichen Handelns gehört.

Wie wird die SAPV finanziert? Was kostet das für Bürger, die diesen Dienst in Anspruch nehmen möchten?

Die Kosten tragen die Krankenkassen. Die Patienten benötigen nur eine ärztliche Verordnung. Die Indikation für eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung wird durch Ärzte der stationären oder ambulanten Versorgung gestellt, also Hausärzte, niedergelassene Onkologen und Fachärzte, sowie Krankenhausärzte aller Fachdisziplinen.

Und wann werden Sie loslegen?

Wir erwarten die finale Zusage des Kostenträgers, sobald alle Voraussetzungen für den Aufbau erfüllt sind. Seit Anfang Oktober stehen Heike Pelzer, unsere Geschäftsführerin, und ich für den Aufbau der SAPV zur Verfügung. Laut Plan beziehen wir im Januar 2022 unseren Stützpunkt im Bethel-Hotel am Bahnhof in Bad Neuenahr und starten im April 2022 mit der Patienten-Versorgung. Derzeit stellen wir unser Team aus Pflegekräften und Ärzten zusammen und nehmen gerne noch weitere Bewerbungen an, insbesondere für den ärztlichen Dienst. Außerdem suchen wir noch eine Verwaltungskraft für die Abrechnung mit den Kostenträgern.

Kontakt per E-Mail an heike.pelzer@hospizimahrtal.de.

Zur Person:

Dr. med. Heide Brumhard ist Fachärztin für Anästhesie mit den Zusatzbezeichnungen Palliativmedizin, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Naturheilverfahren sowie außerdem zertifizierte klinische Ethikberaterin. Seit 2008 ist sie eingebunden in die stationäre palliativmedizinische Patientenversorgung. In den vergangenen fünf Jahren war die 54-Jährige als Oberärztin der Palliativstation des Marienhaus Klinikums Sankt Elisabeth in Neuwied tätig. Sie hat eine erwachsene Tochter und lebt seit 30 Jahren in der Grafschaft.

Pressemitteilung

Hospiz im Ahrtal gGmbH

Dr. med. Heide Brumhard Foto: privat

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