Allgemeine Berichte | 25.11.2019

Kleinkunstbühne Mons-Tabor und die Stadt Montabaur organisierten gemeinsam

Nichts für Wochenendrevoluzzer

29. Westerwälder „Folk & Fools“ bot politkritische Unterhaltung und mitreißende internationale Klangerlebnisse

Das Publikum kam voll auf seine Kosten.Fotos: NC

Montabaur. Zum Wochenende hatte die Kleinkunstbühne Mons-Tabor gemeinsam mit der Stadt Montabaur nun bereits zur 29. Ausgabe des wäller Kleinkunstfestival „Folk & Fools“ in die Stadthalle der Kreisstadt geladen. Und dieser Einladung sind zahlreiche Fans und Kulturbegeisterte gefolgt – aus berechtigtem Grund. Denn mit jeweils zwei abwechslungsreichen Programmpunkten am Freitag und am Samstag wurde es nicht nur lebendiger und außergewöhnlicher, lustiger und unterhaltsamer, sondern auch politischer und gesellschaftskritischer denn je. Wo der Samstag für ein explosives, internationales und lautstarkes Spektakel mit den Gruppen „World Percussion Ensemble“ und „Drums United“ stand, verfolgte der freitägige, traditionelle Kleinkunstabend besonders sein geglücktes Ziel, das Publikum in Gesellschafts- wie Selbstkritik zu üben und mit Witz und Humor, aber auch durch schwermütige Musikalität und Vergangenheitsgedenken kritische Verhältnisse und Lebensbedingungen zu hinterfragen.

Eingeleitet wurde dieser besagte Freitagabend von Uli Schmidt, dem Vorsitzenden der Kleinkunstbühne Mons-Tabor, der mit Spaß und Selbstironie auch durch das weitere Programm des Abends führte. Gedankt wurde dem Land Rheinland-Pfalz sowie der Stadt Montabaur, der Sparkasse Westerwald-Sieg sowie EVM, die finanziell erheblich zu dem Abend beigetragen hatten. Besonders wurde auch die Arbeit der 15 aktiven ehrenamtlichen Mitarbeiter der Kleinkunstbühne honoriert, die über das Jahr die wichtigen Vorbereitungen hinter den Kulissen übernommen hatten.

Im Anschluss stellte sich dann der Berliner Frank Lüdecke, der bereits in seiner Jugend sein Talent für humoristische Kleinkunst entdeckt hatte und mittlerweile preisgekrönt zur ersten Riege des deutschen Kabaretts gehört, musikalisch vor. In den Refrain seiner mit eigenem Text ausgestatteten Interpretation des Stücks „The Boxer“ von Simon und Garfunkel stimmte das Publikum sogleich mit ein, was laut Lüdecke an der Gitarre den Altersdurchschnitt seiner Zuhörer schlagartig enttarnt habe. So fühlten sich auch viele Besucher angesprochen, als er von „seiner Generation“, der sogenannten Baby Boomer, sprach, die einst für die Friedensbewegung gestanden hätten und nun als Unwucht im Rentensystem devalviert würden. Der Kabarettist arbeitete sich mit Auszügen aus seinem aktuellen Programm „Über die Verhältnisse“ kritisch, aber meist doch noch recht verträglich an aktuellen Themen wie VW-Skandal, Bildung, der EU und Digitalisierung ab.

Mit witzigen Anekdoten, überraschendem Detailwissen und Zitaten sorgte der Künstler dennoch immer wieder für Szenenapplaus und Lacher. So gäbe es auf dem Lande im Vergleich zur Stadt einen erweiterten Kulturbegriff, so Lüdecke in Richtung des Montabäurer Publikums, denn dort liefe die Sperrmüllabfuhr noch unter Veranstaltungen. Deutsche Schulen seien noch in der Kreidezeit. Und in Finnland habe jede Bushaltestelle W-Lan, aber dies sei in Deutschland schon allein deswegen unmöglich zu realisieren, da es auf dem Lande gar keine Haltestellen mehr gäbe.

Beim Thema Klimawandel und den Ursachen für die ökologische Krise wurde der Berliner dann entsprechend bissiger und schärfer. Er prangerte die Augenwischerei von Werbung an und beschrieb, wie Wirtschaftsunternehmen die Gutgläubigkeit und das „etwas Gutes bewirken wollen“ des Käufers schamlos ausnützten. So suggeriere wahnwitzigerweise der Kauf einer Kiste Bier, dass ein Stück des Regenwalds gerettet würde. Und was sei letztlich heute eigentlich politischer: das Wählen gehen oder der Kauf eines Apfels aus der Region? Aber sei mit Demokratie ursprünglich denn wirklich gemeint, dass der Boskop die Zweitstimme ersetzen könne?

Und nun kam dann auch der Veggie Day auf den Tisch, eine eigentlich sehr vorsichtige Anregung der Partei „Die Grünen“, doch wenigstens einen Tag in der Woche aus ökologischen und klimafreundlichen Gründen fleischlos zu überleben. Eindrücklich empörte sich der 58-Jährige darüber, wie bereits ein solch niedrigschwelliger Vorschlag zu einem klimafreundlicheren Sein auf eine unsagbare Art und Weise medial zerrissen werden könne.

Deutlich sprach sich der Kulturschaffende gegen die Individualisierung und für eine Politisierung sozialer Verhältnisse aus. Das Plädoyer, es sei nicht Aufgabe der sogenannten Konsumenten, Missstände zu beheben, sondern die der Politik, sorgte für großen Beifall und beinahe hörbares, befreites Aufatmen im Publikum.

Nach einer Pause, bei der sich mit Getränken versorgt werden konnte, folgte im Anschluss dann noch etwas sehr Besonderes und Einzigartiges – die Möglichkeit der historischen Auseinandersetzung, einem Hineinfühlen und -hören in die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, der Novemberevolution, dem Ende des Ersten Weltkriegs, der Weimarer Republik. „Die Grenzgänger“, ein renommiertes Bremer Quartett, spürte anhand zahlreicher, beinahe vergessener Stücke aus ihrem aktuellen Programm „Revolution“ vergangenen Zeiten nach, die doch auch für die deutsche Geschichte und das Alltagsverständnis bis heute eine Rolle spielen. Das politisch-historische Liedgut wurde von den vier Künstlern Michael Zachcial (Gesang, Rhythmusgitarre), Frederic Drobnjak (Sologitarre), Felix Kroll (Akkordeon) und Annette Rettich (Cello) authentisch und modern in die Neuzeit gebracht. Mit einer Mischung aus Volkslied, Chanson, Jazz und Musikkabarett wurden politisch-historische Stücke beispielsweise von Karl Marx oder Bertolt Brecht, aber auch Rio Reiser und Ton Steine Scherben umgesetzt. Die kaum mehr bekannten Volkslieder wie „Mein Michel was willst du noch mehr“ oder „Vom Baume der Großstadt ein welkendes Blatt“ wurden im Vor- wie Nachgang von Michael Zachcial mit teils messerscharfen Kommentaren und treffendem Humor samt interessanten Hintergrundinformationen geschichtlich eingeordnet. Und auch das Publikum kam zu seinen Einsätzen und durfte vokal unterstützen.

Rückblickend wurde Kulturfreunden vergangenes Wochenende ein internationales und hochwertiges Programm geboten. Das jährlich stattfindende „Folk & Fools“ trug durchaus zu einem anspruchsvollen und gut ausgewogenen, politkritischen Kulturangebot im Westerwald bei, denn glücklicherweise ist es einfach nicht kaputt zu kriegen. So steht auch bereits Thema und Termin für das nächste Jahr fest. Es soll um die Flower-Power-Zeit gehen und die Woodstock-Generation in den Blick genommen werden, so dass Cover-Bands von Pink Floyd sowie Simon und Garfunkel auftreten werden. Das 30. Festival of Folk & Fools am 20. und 21. November 2020, abermals in der Stadthalle Montabaur, darf also schon oder wieder im Terminkalender vermerkt werden.

Die Grenzgänger versetzten das Publikum authentisch in die Zeit des frühen 20. Jahrhunderts.

Die Grenzgänger versetzten das Publikum authentisch in die Zeit des frühen 20. Jahrhunderts.

Frank Lüdecke gehört zur ersten Riege des deutschen Kabaretts.

Frank Lüdecke gehört zur ersten Riege des deutschen Kabaretts.

Das Publikum kam voll auf seine Kosten.Fotos: NC

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