Unternehmer- und Wirtschaftsexperten einig: Ethisches Handeln und Ökonomie gehören zusammen
„Ohne Moral in der Wirtschaft zerbricht die Gesellschaft“
Montabaur. Im Westerwald gibt es fünf Lions-Clubs und zwei Rotary-Clubs. Bei gemeinsamen Veranstaltungen wie der Podiumsdiskussion „Ökonomie und Ethik – ist in der Wirtschaft alles erlaubt?“ vorige Woche Dienstag in der Stadthalle von Montabaur treten diese sieben Vereinigungen als „Westerwälder Serviceclubs“ in Erscheinung. Dazu gehören: die Lions-Clubs Altenkirchen/Friedrich-Wilhelm Raiffeisen, Bad Marienberg, Montabaur/Mons Tabor, Montabaur/Hachenburg und Westerwald sowie die Rotary-Clubs Montabaur und Westerwald. In jedem Club haben sich die Einzelmitglieder dem uneigennützigen Handeln zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse verpflichtet.
Feierliche Preisverleihung
Als „Ortsansässiger“ begrüßte Jürgen Götz, Präsident des Lions-Clubs Montabaur/Mons Tabor die Gäste in der nahezu vollen Stadthalle. Der Abend diente neben der Podiumsdiskussion auch der Verleihung des Kulturpreises der Service-Clubs. Dieser Preis wird alle zwei Jahre an besondere Kulturschaffende verliehen. In diesem Jahr ging der Preis an die Montabaurer Künstlerin Eva Zöllner und ihre Musikinitiative „Lauschvisite“. Das Kulturbüro „Haus Felsenkeller“ in Altenkirchen wurde mit einem Ehrenpreis bedacht.
Der Fernseh-Journalist Hans-Ulrich Stelter stellte die Teilnehmer der Podiumsdiskussion vor und ergründete ihre Haltung zur Frage der Ethik in der Ökonomie. Auf dem Podium saßen: Die Unternehmerin Susanne Szczesny-Oßing (EWM Industry GmbH in Mündersbach), die auch Präsidentin der IHK Koblenz ist, der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Volker Wissing, Pfarrer Michael Klein (Hamm/Sieg), Pater George Augustin (Kardinal Walter Kasper-Institut in Vallendar), Wolfgang Kirsch (Vorstandsvorsitzender DZ Bank Frankfurt) und Viktoria Schäfer vom Forschungsinstitut der Akademie Deutscher Genossenschaften in Montabaur.
Überhaupt nicht in Verlegenheit brachte Moderator Stelter die Mündersbacher Unternehmerin Szczesny-Oßing mit der Frage: „Geht Ethik im Konkurrenzkampf?“. Sie antwortete: „Es geht, wir handeln auch so. Sowohl im Umgang mit Mitarbeitern und Wettbewerbern wie auch innerhalb der Familie. Wir sind schon mal in den Strudel von Dingen gekommen, die sich sehr negativ ausgewirkt haben, und da war es mit der Ethik nicht so weit her. Daraus haben wir gelernt und sind gestärkt daraus hervorgegangen.“ Szczesny-Oßing berichtete, dass ihre Familie Teile des Unternehmens an „einen größeren Spieler“ abgegeben hatte. Es kam ein CEO aus Amerika und – so Szczesny-Oßing – „wir waren Spielball in einem Wirtschaftskrimi, den wir nur überlebt haben, weil wir ehrlich waren.“
Orientierung an der Netzwerkidee
Ähnlich sieht es Wolfgang Kirch: „Die genossenschaftliche Finanzgruppe hat sich in den letzten Jahren wertemäßig an dem orientiert, was durch Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch vorgelebt wurde: die Gemeinschaftlichkeit, die Netzwerkidee, die Mitbestimmung und die Unterstützung der heimischen Wirtschaft.“
Von Hans-Ulrich Stelter auf die Diskussion um exorbitante Boni für Bank-Manager angesprochen sagte Kirsch: „Das ist eine schwierige Diskussion in Zeiten, wo der wirtschaftliche Erfolg sich nicht einstellt. Als wir in der Finanzkrise 2008/2009 Verluste gemacht haben, haben wir im Vorstand auf unsere Boni verzichtet. Bei fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz sind hohe Boni unerträglich, sonst geht der Konnex zur Gesellschaft verloren.“
So sieht es auch Pfarrer Michael Klein, der auch Professor für Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg ist: „Ohne Ethik fahren die Wirtschaft und die Gesellschaft gegen die Wand.“ Die Kirche könne „Leitplanken“ für den gesellschaftlichen Diskurs setzen.
Pater Augustin aus Vallendar gab den Rat: „Man muss die Ungleichzeitigkeit in der Welt berücksichtigen. Überall gibt es verschiedene Situationen und Grundlagen.“ Eine Lanze für die Ökonomie brach er mit dem Satz: „Ohne gute Wirtschaft gibt es kein gutes Zusammenleben!“ Auf die Frage, wie man die Menschen erreiche, sagte er: „Ich gehe zu den Familienunternehmern und rede mit ihnen. Ich möchte sie auch verstehen. Es ist nicht leicht ein paar hundert oder tausend Menschen Arbeit zu geben. Kommunikation ist alles! Wir müssen aufeinander zugehen und im Gespräch bleiben!“ Wirtschaftsminister Volker Wissing mahnte: „Freiheit ist nicht grenzenlos, sondern eine Freiheit zur Verantwortung. Das Maß der Verantwortung kann vom Unternehmer alleine nicht gestaltet werden. Dafür braucht es das Modell der sozialen Marktwirtschaft, das Zuwiderhandeln auch sanktionieren kann.“ Als schlecht bis unmöglich bezeichnete Wissing die Möglichkeiten, unmoralisches Handeln in der internationalen Finanzwirtschaft zu sanktionieren. Wissing: „Selbst nach der Finanzkrise haben wir es nicht geschafft, Regeln für die globale Finanzwirtschaft zu schaffen.“ Kritik übte der Wirtschaftsminister auch an den kapitalmarktfinanzierten Unternehmen. Sie stünden noch wesentlich mehr unter Druck und seien spekulativer unterwegs als familiengeführte Unternehmen. Wissing: „Manager mit hohen Gehältern begründen das manchmal mit ihrer Verantwortung für so viele Menschen. Aber wenn eine Krise kommt, ist keiner mehr da, der die Verantwortung übernimmt. Das ist unethisches Handeln. In den USA kann man dafür strafrechtlich belangt werden. Es ist in Deutschland nicht alles besser geregelt, als in anderen Ländern. Das ist für die Politik eine große Herausforderung. Wir müssen die Übernahme von Verantwortung einfordern und erzwingen, wo man versucht, sich ihr zu entziehen.“ Für den Satz bekam der Wirtschaftsminister Applaus aus dem Auditorium. Später konnten anwesende Zuhörer Fragen stellen. Warum Krankenhäuser und Pflegeheime privatwirtschaftlich geführt werden müssten, wollte ein Anwesender wissen. Volker Wissing sagte: „Das ist eine spannende Frage! Wieviel marktwirtschaftliche Freiheit muss es in der Sozialwirtschaft geben? Die Kirchen mit Caritas und Diakonie sind ein gutes Vorbild, wie man ein Unternehmen mit ethischer Verantwortung führt. In der Sozialwirtschaft brauchen wir keine Unternehmen mit maximaler Gewinnorientierung der Shareholder. Aber wir brauchen wirtschaftlich stabile Unternehmen. Wirtschaftlicher Erfolg ist nicht unethisch, wenn er zur Heilung von Menschen führt.“
Vernachlässigung von ethischen Grundsätzen
Angesprochen wurde auch die größtenteils zu beobachtende Vernachlässigung von ethischen Grundsätzen in den betriebswirtschaftlichen Studiengängen. Viktoria Schäfer sagte: „In den Theorien hängen Ethik und Wirtschaft eher nicht zusammen. Man muss sich als Student anstrengen, wenn man damit in Berührung kommen möchte. Die klassische Business-School vermittelt Moral eher nicht.“ Dem stimmte DZ-Mann Kirch zu: „Wir sollten bei der Mitarbeitersuche nach Leuten Ausschau halten, die eine bürgerliche Erziehung genossen haben und gesellschaftlich integriert waren, zum Beispiel im Sport oder bei der Feuerwehr. Sozialität kann man nicht auf der Universität lernen.“
Der Westerwälder Kulturpreis will kulturelle Kleinodien fördern. Die Laudatio hielt Dr. Ulrike Fuchs. 20 Bewerber gab es in diesem Jahr. Nur zwei waren aus früheren Bewerbungen bekannt. Darunter das Kulturbüro Haus Felsenkeller in Altenkirchen. Dieser Einrichtung wurde ein Ehrenpreis verliehen, weil sie zum dritten Mal knapp den ersten Preis verfehlt hatte. Als „Neuentdeckung“ stellte Ulrike Fuchs die „Lauschvisite“ von Eva Zöllner vor. Ihr Instrument ist das Akkordeon. Sie spielt zeitgenössische klassische Musik und holt experimentell arbeitende Musiker in den Westerwald. Dabei kommen auch außergewöhnliche Instrumente zum Einsatz wie ein elektrifizierter Pinienzapfen.
Eva Zöllner bedankte sich für den Preis. Er spreche für die Offenheit und den Sinn der Serviceclubs für die Kunst jenseits des Mainstreams. Zöllner spielte ein Stück einer mexikanischen Komponistin mit einem Bezug zu einem Stück Hildegard von Bingens aus dem 13. Jahrhundert.
Zwei Stunden lang verfolgten die Zuhörer eine spannende Diskussion über Erfolgszwänge und moralisches Handeln in der Wirtschaft.
