Philosophie aktuell
Philosophische Matinee zu Heideggers Sein und Zeit in Bad Ems
aus Höhr-Grenzhausen
Bad Ems. Philosophie beim Frühstück – und das vor ausgebuchtem Haus: Die Veranstaltungsreihe DENKBARES hatte zu einer besonderen Matinee in das Foyer des Russischen Hofs eingeladen. In entspannter Atmosphäre, bei einem gemeinsamen Frühstück und musikalischen Intermezzi von Aaron Takahashi Jordan, nahm der Philosoph Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski seine Zuhörer mit auf eine gedankliche Reise durch Martin Heideggers berühmtes Hauptwerk „Sein und Zeit“. Die Veranstaltung war überbucht, die Stimmung ausgezeichnet.
Unter dem Titel „Philosophie neu denken. Martin Heideggers Sein und Zeit als Antwortversuch in unsicheren Zeiten“ erschloss Zaborowski, Professor an der Universität Erfurt und Präsident der Martin-Heidegger-Gesellschaft, eines der einflussreichsten und zugleich schwierigsten Werke der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Martin W. Ramb, Mitbegründer von DENKBARES, begrüßte die Gäste, auch im Namen des Festivals „Gegen den Strom“, und führte in den Vormittag ein.
Ein Jahrhundertwerk über das menschliche Leben
Als Heidegger 1927 „Sein und Zeit“ veröffentlichte, stand Europa noch unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs. Überkommene Gewissheiten waren erschüttert, die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz stellte sich mit neuer Dringlichkeit. Heidegger wollte die Philosophie deshalb radikal erneuern.
Zaborowski erläuterte zentrale Begriffe wie „Dasein“, „Sorge“ und „Geworfenheit“. Der Mensch, so Heideggers Gedanke, ist nicht einfach vorhanden wie ein Gegenstand. Er findet sich in einer Welt vor, deren Bedingungen er nicht selbst gewählt hat, und muss dennoch sein Leben gestalten. Dabei spielt die Zeit eine entscheidende Rolle: Wir leben aus unserer Vergangenheit, entwerfen unsere Zukunft und wissen zugleich um die Endlichkeit unseres Daseins.
Besonders anschaulich wurde dies bei Heideggers Gedanken zum Tod. Die Einsicht in die eigene Endlichkeit müsse keineswegs bedrückend sein. Vielmehr könne sie dazu beitragen, bewusster zu leben und Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen.
Denken mit und gegen Heidegger
Zaborowski zeigte auch, wie weit Heideggers Denken über die Philosophie hinausgewirkt hat – von der Theologie über Literatur und Psychotherapie bis zur Architektur. Zugleich verschwieg er die dunklen Seiten seiner Biografie nicht. Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus und die Debatte um seinen Antisemitismus müssten kritisch aufgearbeitet werden. Es gehe darum, mit Heidegger, aber auch gegen ihn zu denken.
Die anschließende Diskussion zeigte, wie aktuell die Fragen des Philosophen geblieben sind. Das Publikum interessierte sich unter anderem für Heideggers Verhältnis zum christlichen Glauben, seine Gedanken über Angst und Tod sowie die internationale Wirkung seines Werkes.
Philosophie in besonderer Atmosphäre
Das historische Foyer des Russischen Hofs erwies sich als idealer Ort für dieses ungewöhnliche Veranstaltungsformat. Die Verbindung von anspruchsvoller Philosophie, gemeinsamem Frühstück und persönlichen Begegnungen sorgte für eine ebenso anregende wie gesellige Atmosphäre. Gastgeberin Anja Borsch und die Organisatoren hatten einen Rahmen geschaffen, in dem sich konzentriertes Zuhören und lebendiger Austausch auf angenehme Weise verbanden.
Die große Resonanz zeigte einmal mehr, dass philosophische Themen auch jenseits akademischer Hörsäle ein breites Publikum erreichen können. Mit der Matinee setzte DENKBARES einen gelungenen Schlusspunkt unter seinen diesjährigen Kultursommer.
Ein Ausblick auf das kommende Jahr wurde ebenfalls gegeben: Dann werden Ironie, Humor und tiefere Bedeutung im Mittelpunkt stehen – unter anderem mit einer Veranstaltung über die sokratische Ironie.
Weitere Themen
v. l. Aaron Takashi Johrden, Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski, Martin W. Ramb, Cornelia Meyer Foto: Timo Kessler