Prunksitzung der Karnevalsgesellschaft Me haalen et us/ Rheinbreitbach
Prunksitzung in Rheinbreitbach: Über die Magie von König Karnveal
Rheinbreitbach. Von Büttenredner-Krise war zuletzt in Köln die Rede, oder Prunksitzungen stünden vor dem Aussterben. Der traditionelle Saalkarneval tot? Nein! Die Karnevalisten aus Rheinbreitbach haben mit ihrer Prunksitzung in der Hans-Dahmen-Halle (30.1.2026) eindrucksvoll gezeigt, dass Tradition und Moderne kein Widerspruch sein müssen, dass enthusiastisches Feiern und gebanntes Zuhören zusammengehen – wenn…. ja, wenn das Kunststück gelingt, das hier gelungen ist. Mehr als 600 Jecken feierten geeint in dem Wunsch, sich von König Karneval verzaubern zu lassen. Und das vermag er, wenn ihm die Bühne bereitet wird wie hier.
„In Zeiten wie diesen sind Spaß und Freude nicht einfach nur Spaß. Da brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen!“ Schon diese Begrüßungsworte des Moderatoren-Duos wiesen in Richtung dessen, was Karneval so besonders macht: „Atmen wir heute ganz tief durch und tanken eine kräftige Prise Spaß und Freude!“ So hießen Sitzungspräsident Andreas Frings und sein Co-Moderator die Gäste willkommen. Und sie versäumten es nicht ihren Dank auszusprechen an die vielen Helfer und Helferinnen, die den Saal (der sonst eine eher glanzlose Mehrzweckhalle ist) wieder mal in einen bunt geschmückten Karnevalspalast verwandelt hatten.
„Das Gürzenich von Rheinbreitbach“ – ein fast schon geflügeltes Wort, das mittlerweile selbst Bühnenstars wie JP Weber verwenden, aber dazu gleich mehr. Das Erfolgsgeheimnis der Rheinbreitbacher Saalkarnevals, es liegt eben genau darin, dass nicht nur eine einzelne Karnevalsgesellschaft verantwortlich zeichnet für das Gelingen. Es sind viele Vereine gemeinsam: vom Männerballett Koppelelfen über die Tänzer und Tänzerinnen der Burggarde, über die Burgbläser als Saalkapelle bis hin zu Junggesellen, Weckmöhnen und Stammtisch-Gemeinschaften. Als Schlag 19:11 Uhr der größte Teil von ihnen unter dem Banner der Siebengebirgs-Eule, die auf dem geleerten Weinglas sitzt, in den Saal einzogen, standen allein von der Burggarde 102 tanzende Kinder auf der Bühne. Was für ein Bild!
Mittendrin ein selbstbewusst auftretendes Kinderprinzenpaar: Jonathan I. (aus dem Hause Klein, jener Familie, die am Rhein den Biergarten Salmenfang betreibt) und Isabel I. (aus dem Hause Koslowski, vielen bekannt für ihr vielseitiges, ehrenamtliches Engagement an Kindergarten und Schule) nebst Pagen Carla Schmitz und Anton Voigt sowie Prinzenführerin Jessica Tjaden. Mit ihrer Bagage traten sie als „Jecki-Ritter – Hüter der bunten Macht“ auf – eine Anspielung auf das Star Wars Epos. Überhaupt gehörte die erste Hälfte dieses mehr als fünfstündigen Abends fast ausschließlich den lokalen Kräften. Da traten ein Asterix und Obelix im Zwiegespräch auf über die Wildschweinplage im Ort (seit Jahren treiben die Tiere in Rheinbreitbach ihr Unwesen, sodass sie es nun sogar zum diesjährigen Motto des Sessionsordens geschafft haben: „Schweinbreitbach - Die Säu sinn los!“). Dann wurde es politisch und mit Stefan Heck aus Erpel als Horst Schlemmer-Parodie trat der erste Büttenredner vor´s Publikum.
Für das Männerballett Koppelelfen, Rheinbreitbachs jüngsten Exportschlager, war es ein Heimspiel. Gekonnt wirbelten sie ihre muskel- und auch sonst recht gut bepackten Körper in luftige Höhen zu Hebefiguren und allerlei graziösen Tanzeinlagen – lautes Gejohle war ihnen gewiss. Ihr Verein, der nicht nur die letzte Dorfkneipe betreibt (und damit vor der Schließung gerettet hat) wird demnächst auch das brach liegende Tennisgelände samt Clubhäuschen (künftig: Elfenstube) übernehmen, wie ein Mitglied der Truppe ankündigte. Geplant ist eine Wiederinstandsetzung, um das Gebäude der Allgemeinheit für Festivitäten aller Art zur Verfügung zu stellen. Applaus!
Aber kommen wir nun zu den anderen „Stars“ des Abends, jenen, die berufsmäßig für den Karneval von Köln bis Koblenz (und manchmal sogar in die Düsseldorfer Provinz) touren. Musikalisch sorgten die Bands Fiasko, King Loui und Kaschämm (Kompliment für gleich drei Mal Zugabe!) für großartige Feierlaune, und jede von ihnen trieb das Publikum von den Sitzen in die Höhe zum Tanzen oder Schunkeln. Doch immer wieder gelang es auch ruhigere, besinnliche Momente zu schaffen, und damit eine Atmosphäre, in der Raum für Witz und Charme bis hin zu großen Emotionen entstand.
Das galt zunächst für Kai Kramosta aus dem Eifelörtchen Nickenich, der als Handwerker Peters mit Blaumann und Bauarbeiterhelm in die Bütt stieg, um sich Gedanken über den „Lachkräftemangel“ im Lande machen. Kramosta, der immer wieder auch spontan mit Handwerkern im Publikum flachste) fühlte sich sichtlich wohl, sodass sein Vortrag fast zehn Minuten länger geriet als eigentlich gedacht. Vor allem aber galt dies für den vielleicht begnadetsten Krätzchensänger unserer Zeit, Träger der Willi-Ostermann-Medaille: JP Weber, der mit der ihm eigenen Mischung aus Wortwitz, Spontanität und Musikalität den ganzen Saal vom ersten Moment an in seinen Bann zog.
Es war 23 Uhr, und gerade erst hatten King Loui, eine der vielversprechendsten Nachwuchsbands im Kölner Karnevalsbetrieb, dem Saal gehörig eingeheizt. Die Sorge, ob der Auftritt des großen Stargastes mit seinem feinen Humor, seinen Spitzen, Seitenhieben und der mitunter messerscharfen Zunge so gut gelingen würde, war also einigermaßen berechtigt. Zuletzt hatte in Köln einen seiner Auftritte eine Frau gestört, die lauthals vor der Bühne mit dem Handy telefoniert hatte, was eine Debatte um Anstand und Respekt gegenüber Büttenrednern auslöste.
Man war also vorgewarnt, hatte auf den Tischen extra Kärtchen verteilt, die um „Respekt für Bühnenkünstler“ warben, und Sitzungspräsident Andreas Frings moderierte Weber entsprechend als jemanden an, dem ein aufmerksam lauschendes Publikum gebühre. Und der zeigte sich tief beeindruckt: „Im Jözenich en Kölle, da künnt´ sich mänch ener n Schiev vun eurem Ort avschnigge.“ Es folgte der absolute Gänsehaut-Moment des Abends: Weber mit Ukulele auf den Treppenstufen vor der Bühne sitzend, hautnah bei seinem Publikum, eins mit ihm, den Klassiker der Bläck Föös „In unserem Veedel“ anstimmend, und Hunderte Jecken stimmten ein.
Doch Rheinbreitbach wäre nicht Rheinbreitbach, hätte sich das Orgateam um Literatin Nadine Fassbender (übrigens eine gebürtige Hamburgerin, die einen Selhofer geheiratet hat!) nicht noch ein ganz besonderes Sahnehäubchen ausgedacht: den Auftritt des Bonner Prinzenpaares 2025/26 – mit Prinz Roland I. und Bonna Stephanie III. (Stepahnie begann ihre karnevalistische Karriere als Kinderprinzessin von Rheinbreitbach in der Session 1998/99). Als Mitglied der „Wiesse Müüs“ ist sie in diesem Jahr zum 200. Jubiläum des Bonner Karnevals nun Bonna. Als sie zu vorgerückter Stunde mit kleinem Gefolge den Saal betrat und zu einer Rede über den Wert von Verbundenheit und Heimat anhob, rührte sie den Saal (und sich selbst) beinahe zu Tränen.
Die Magie von König Karneval… sie kommt in unterschiedlichster Gestalt daher. Sie trägt verschiedene Gewänder, Gesichter und Namen. Doch eines ist gewiss: in Rheinbreitbach hat sie bis heute ein warmes Zuhause. Eines, das mit Leidenschaft behütet und vom Engagement zahlloser karnevalsverdötschter Jecken getragen wird. Fest steht: Kurz vor ihrem 125-jährigen Jubiläum steht die KG Me haalen et us unter dem 1. Vorsitzenden Michael Frings und Geschäftsführer Andreas Nagel so erfolgreich da wie zu ihren Glanzzeiten der Ära „Vier Asse und ein Joker“.
Für das Männerballett Koppelelfen, Rheinbreitbachs jüngsten Exportschlager, war es ein Heimspiel.
Das Kinderprinzenpaar mit der Band King Loui.
