Innovative Kooperation am Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein
Schlaganfall - wenn jede Minute zählt
Träger wagen Schulterschluss bei regionaler Schlaganfallversorgung – telemedizinisches Netzwerk startet am 1. Juli
Region. Mittlerweile sollte es jeder schon einmal gehört oder gelesen haben: Im Falle des Verdachtes auf einen Schlaganfall zählt jede Minute. Es gilt, so schnell wie möglich eine Klinik, besser noch eine sogenannte „Stroke Unit“ (zu deutsch: Schlaganfall-Einheit) aufzusuchen. Allgemein wird von einem Zeitfenster von etwa einer Stunde gesprochen, innerhalb derer der Patient bei rechtzeitiger Behandlung gute Chancen auf Genesung oder gar vollständige Rehabilitation hat. Eine Stunde Zeitgewinn kann über ein halbes Hirn entscheiden. Außerhalb dieses Zeitfensters könnte das jedoch kritisch werden. Vollständige Heilung oder gute Rehabilitationschancen werden danach immer weniger wahrscheinlich. Zwar gibt es seit einigen Jahren die sogenannten „Stroke Units“ an etlichen deutschen Krankenhäusern. Dies allein reicht nach neuesten Studien und Stand der Wissenschaft jedoch nicht. Wie in den letzten Jahren bekannt wurde, ist bei einem klassischen Schlaganfall viel mehr möglich, als nur die reine medikamentöse, meist intravenöse, Therapie.
Eine für den Schlaganfall augenscheinliche auftretende Hemiparese (Halbseitenlähmung) deutet jedoch nicht immer auf einen Schlaganfall hin. Um aber einen möglichen Schlaganfall möglichst schnell und gut zu diagnostizieren, und entsprechend behandeln zu können, gehen Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein (mit seinen fünf Standorten Kemperhof, Evangelisches Stift Koblenz, St. Elisabeth Mayen, Boppard und Nastätten) sowie Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach neue und gemeinsame Wege. Die Träger der beiden Klinikverbunde wagen einen Schulterschluss, den es bislang so nicht gibt. An allen Standorten wird künftig die mechanische Therapie einer Thrombose durchgeführt werden können. Machbar wird das durch eine Kooperation zwischen den Klinikträgern und den leitenden Chefärzten Prof. Dr. Stephan Felber sowie wie Dr. Christian Bamberg.
Wie bei "Emergency Room"
„Sobald ein Blutgerinsel eine bestimmte Größe erreicht hat, ist die rein medikamentöse Behandlung seit einiger Zeit nicht mehr das Mittel der Wahl. Stattdessen ist es seit einigen Jahren („Schuld" war die Sendung „Emergency Room“ in Amerika, in der sich ein Patient eine Thrombose spektakulär selbst entfernte) möglich, diese Blutansammlung mittels eines Katheters zu entfernen. Dies war bis dato eher eine experimentelle Sache. Bei einer sogenannten Thrombektomie wird über einen Zugang die Blutstauung minimiert bis komplett extrahiert. Im besten Fall kann der so behandelte Patient am nächsten Tag bereits die Klinik wieder verlassen. Und das mit keinen oder nur ganz geringen Ausfallerscheinungen. „Die Sterblichkeit sinkt dank dieser Katheterisierung, es können doppelt so viele Patienten wie zuvor anschließend nach Hause gehen“, so das medizinische Credo zu dieser Operationsform.
Dank der Telemedizin (videogestützte Untersuchung) und den dazu gereichten CT- und MRT-Bildern gelingt es, beim Erstkontakt eines Patienten mit Verdacht auf Schlaganfall eine Ferndiagnose präzise zu stellen und sofort die notwendigen Maßnahmen einzuleiten. Egal, in welchem Krankenhaus er sich befindet. Wird vom zentralen Fachteam eine Operation für notwendig und zielführend gehalten, entfällt künftig der Transport in eine spezialisierte Klinik (seither Andernach oder Koblenz). Das Prinzip wird jetzt einfach umgedreht. Statt zeitaufwändiger Verlegung mittels Krankentransportwagen ist es nun Stephan Felber, der sich auf den Weg zum Patienten macht. „Das hat den Vorteil, dass die aufnehmende Klinik, beispielsweise Mayen, den Patienten bereits für den Eingriff vorbereiten kann und ich dann nach meinem Eintreffen direkt mit der Thrombektomie anfangen kann“.
Georg Schmitz, Kaufmännischer Direktor St. Elisabeth Mayen schwärmt, dass dadurch „die Schlaganfallversorgung flächendeckend von Nastätten im Taunus bis in die Rheinschiene erheblich verbessert wird“. Gemeinsam mit seinem Pendant Werner Schmitt, Geschäftsführer und Kaufmännischer Direktor der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, zeigt sich Georg Schmitz stolz darüber, „etwas eigenes auf die Beine gestellt zu haben“. Man verstehe sich als wichtigen Versorger für die Region Mayen-Koblenz. Dabei muss „das Rad nicht neu erfunden werden“. Genutzt wird, was ohnehin schon vorhanden ist. Durch Vernetzung aller beteiligten Kliniken kann medizinisch kompetent versorgt werden. Ein Computertomograph zur notwendigen Angiographie, also zur genauen Untersuchung der Gefäße, ist mittlerweile an allen Standorten beider Klinikverbunde vorhanden.
Je früher die Behandlung, desto niedriger die Folgekosten
Ein weiterer Aspekt, der auch für Krankenkassen und andere Kostenträger wichtig ist: Je früher und besser ein Schlaganfall in die richtige Behandlung kommt, desto geringer sind die Folgekosten wie etwa für Rehabilitation oder gar Pflegebedürftigkeit. „Time is brain“ - der Unterschied zum landesweiten Projekt, das seit dem 1. April an den Start gegangen ist, liegt laut den beiden Experten auf der Hand: „Wir ergänzen das regionale Angebot um den therapeutischen Effekt.“ Dabei wollen die Verantwortlichen die neue Vernetzung nicht als Konkurrenz zum eigentlichen Gedanken der strukturierten Schlaganfallversorgung wissen – "vielmehr ist dies ein Zusatznutzen, in den wir investieren, zum Wohle der Patienten".
Die neue Kooperation soll daher schon bald starten. Die Genehmigung des Ministeriums liegt vor, der Datenschutz ist abgesegnet, ab dem 1. Juli kann es losgehen. Derzeit werden noch die technischen Voraussetzungen installiert und geprüft. Und zusätzlich wird eine neue Oberarzt-Stelle eingerichtet, „um den Rhythmus erträglicher zu machen“. Insgesamt blicken die Beteiligten optimistisch auf den Start. Aufgrund der Vorreiterrolle fehlen zwar Erfahrungswerte, die Beteiligten sind jedoch hoffnungsvoll, denn die strukturierte Weiterentwicklung der medizinischen Infrastruktur wie auch die eigene fachliche Qualifikation werden damit erheblich aufgewertet.
Die Verantwortlichen blicken dem Projektstart zuversichtlich entgegen.
