Allgemeine Berichte | 22.08.2016

Sehenswerte Impressionen

Wo einst Zeitungen in Druck gingen, gewähren die Fotografen Anna und Roman Küffner berückende Einblick in verlassene Orte

Sehenswerte Impressionen

Sinzig. „Ausgestorben“ lautet lakonisch der Titel eines Fotos. Die Liedzeile „die Dinosaurier wer‘n immer trauriger“ würde ebenfalls passen, kracht dem Betrachter doch ein riesiges Dino-Ungetüm eines aufgegebenen Vergnügungsparks vors Auge. Sicher, es ist nur Kunststoff, aber so ein gefällter Titan unter wolkenschwerem Himmel, das kann schon melancholisch stimmen. Tiere kommen sonst keine vor in der Ausstellung „Verwunschen“ von Anna und Roman Küffner in den ehemaligen Produktionsräumen des Krupp Verlages. Doch sind die von ihnen abgelichteten verwunschenen Orte allesamt vom Leben verwaist, ausgestorben eben. Menschenleer die Säle, ohne Geschrei und Planschen die Schwimmbäder. Nicht das leiseste Knarzen dringt aus den Dielen und dem vielen verbauten Holz an Wänden und Decken der Herrensitze.

Marode bis gut erhalten

2012 starteten Anna und Roman Küffner ihr gemeinsames Foto-Projekt „Blackbird Street“. Seither spüren sie verlassene Orte auf, Wohn- und Krankenhäuser, Kinos und Theater, Sportstätten, Kasernen und Schlösser. Sie dokumentieren mit der Kamera Tanz-, Schul- und Schlafsäle, blicken in feudale Gemächer, geflieste Flure und Klostergänge, Villen und Industrieanlagen. Und sie versuchen, die Geschichten hinter den Gebäuden in Erfahrung zu bringen. Nicht nur in Deutschland spüren sie die Objekte auf. Dort aber vor allem im Osten. Auch im Kreis Ahrweiler wurde das Fotografen-Ehepaar fündig. Es hielt fest, wie im Remagener Wald langsam aber sicher die 1898 vom „Localverschönerungsverein“ erbaute Waldburg zusammenbricht. Beeindruckend erhalten scheint dagegen ein in Hellgelb, Blau und Rot gehaltener Barocksaal, der im Bad Neuenahrer „Westend“, einem Vorzeigehotel der Kaiserzeit, als Speisehalle diente. „Filigraner Stuck, Messing-Kronleuchter und ein unglaublicher Detailreichtum raubten uns beinahe den Atem“, schreiben die Küffners in ihrem Blackbirdstreet-Portfolio über die denkmalgeschützte Preziose des inzwischen renovierten Hotels.

Fantasienamen schützen

Die genaue Verortung der Foto-Objekte kann unter den Ausstellungsbesuchern nur Ortskundigen gelingen. Küffner und Küffner jedenfalls geben zumeist nur Fantasienamen an, um die Standorte nicht preiszugeben. Denn nicht alle „Urban Explorers“, wie sich die Erkunder unbelebter Orte nennen, verhalten sich angemessen. Leider kommt es vor, dass Leute auf der Suche nach Abenteuern solche verlassenen Terrains nicht nur betrachten und die Atmosphäre inhalieren, sondern etwas zerstören, mitgehen lassen oder überhaupt die Situation verändern. Schon Ersteres ist nicht zulässig und erfüllt den Tatbestand des Hausfriedensbruchs.

Das illegale Eindringen und Vergreifen an fremdem Eigentum ist für die Fotografen schlichtweg tabu. Sie holen stets Erlaubnisse zur Besichtigung ein, nehmen Kontakt mit den Besitzern und Verwaltern auf, auch um die Hintergründe der vergessenen Orte zu erfahren.

Der Respekt vor den alten Wohnsitzen und Funktionsstätten und ihrer Historie motiviert sie zu diesem Vorgehen.

„Wir verändern nichts. Wir treten nirgendwo gewaltsam ein. Wie machen nur Fotos“, betonen Anna und Roman Küffner.

Frau Walterscheids Hüte

Schon 2013 zeigten sie im ehemaligen Druckhaus ihre Einzelpräsentation „Die Ästhetik der Abwesenheit“. Im Gegensatz dazu geht ihre Ausstellung diesmal über Fotos, von denen allein 52 große Dibonds gezeigt werden, noch hinaus.

Mit der Installation eines Schlafzimmers, „extrahiert aus den Orten, die wir besucht haben“, wollen die Foto-Künstler den Besuchern aufzeigen, wie es ist, in Räume zu gelangen, die lange niemand mehr betreten hat, wo aber gelebtes Leben noch spürbar ist.

Das Bettzeug des Doppelbetts ist eingedrückt, wie wenn jemand, der die Toilette aufsucht, gleich wieder zurückkommt.

Aber nein, die alte „Hör Zu“ auf dem Nachtskommödchen spricht dagegen, vielleicht auch die aus der Mode gekommenen offenen Frauenschuhe, vor allem aber das Stroh auf dem Teppich. Die ehemaligen Räume der Krupp Druckerei, selbst objektwürdig für eine Dokumentation der „Lost Places“, kommen den Künstlern mit ihrer ramponierten Optik entgegen. Die transportiert sogar Verschwundenes: „Erst als alles fertig war, haben wir den Kreuzschatten an der Wand über dem Bett gesehen und daraufhin auch wieder ein Kreuz hingehängt“, sagt Roman Küffner.

Die Möbel, die nun im einstigen Produktionsbereich Druckvorstufe ein Schlafzimmer nachstellen, besorgten die Küffners beim Trödler. Allerdings liegen im Schrank zwischen anonymen Kleidungsstücken auch ein paar Hüte der alten Frau Walterscheid.

Sie stammen vom Dachboden des Hauses Mühlenbachstraße 40, Sitz der Buchhandlung Walterscheid und Urzelle der Druckerei. Eine weitere Inszenierung bot sich rund um ein in der Druckerei vorhandenes Klavier an. Nicht von ungefähr - da ja die Tage des Gebäudes gezählt sind - liegen nun auf den Tasten „Zapfenstreich“-Noten. Und wie vom Winde verweht, bedecken weitere Blätter den Boden.

In der Geisterstadt

Von einem Besuch der verstrahlten ukrainischen Geisterstadt Prypjat bei Tschernobyl, die vor 30 Jahren in Folge des Reaktorunglücks in Tschernobyl geräumt wurde, zeugt eine Bilderabfolge auf einer Videoleinwand. Mit einem zertifizierten Führer und einer kleinen Gruppe ging es für die Fotografen zwei Tage lang zur Erkundung vom Autoskooter bis ins Innere der Gebäude, in verlassene Schul- und Sporträume als auch zu den Gitterbettchen einer Säuglingsstation. Roman Küffner staunte, „wie sich die Natur alles zurückholt; man steht im 13. Stock und man hört nur Vogelgezwitscher und Wind“.

Um alle Eindrücke aufzunehmen, empfiehlt sich ein Wiederholungsbesuch in der Ausstellung. Jeder Einsatzort einer Fotodokumentation hat seine ureigene Geschichte und erzählt vom Selbstverständnis ihrer Nutzer.

Da geht der Blick in ein noch eingerichtetes Herrenhaus in Belgien, das wohlhabende Deutsche 1912 erbauten. Das Foto „The Plenty of Days are numbered“ zeigt dessen repräsentativen Prunksaal mit Holzschnitzereien im Erdgeschoss, ein anderes den „Beobachtungsposten“ einer höheren Etage: Von der Sitzecke aus ließen sich alle Bewegungen zwischen den umgebenden Räumen verfolgen.

Ungeahnter Zauber

„Heilstätte grün“, so benannt nach der abblätternden Wandbemalung eines langen Flures des Beelitzer Männersanatoriums, führt ins 19. Jahrhundert, als gegen die Volkskrankheit Tuberkulose in ganz Europa Heilstätten entstanden, so auch ab 1898 in Beelitz bei Berlin.

Ein Erdbeben brachte die Rundkuppel eines noblen italienischen Sommersitzes aus dem 15. Jahrhundert zum Einsturz.

„Man konnte“, so Anna Küffner, „den Himmel sehen“ in dem riesigen Raum, wo wie verloren noch eine Sitzgruppe stand, über der sich die Konterfeis von Familienmitgliedern versammelten.

Das Faszinosum derartiger Baulichkeiten bemisst sich aber nicht allein an einer schillernden Historie oder den Dimensionen des Besitzes. Die Gunst des Augenblicks kann ungeahnten Zauber entfalten. Das erlebten Anna und Roman Küffner etwa im „Rainbow Room“: Der Regenbogenraum zeigt die bezaubernde Lichtsituation in einer kleinen Villa. Durch geöffnete Innentüren schaut man in einen Rundbogenerker. Von der Sonne im richtigen Winkel bestrahlt, erzeugen orangefarbene Übergardinen zusammen mit der draußen wuchernden Vegetation ein warmes Leuchten von Ockergelb und Grün.

Die Ausstellung „Verwunschen“ ist bis Sonntag, 4. September, samstags von 10 bis 14 Uhr und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

HG

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