Premiere im Schlosstheater Neuwied
So fern und doch so nah?
Comedian Harmonists - ein Stück von Gottfried Greiffenhagen und Franz Wittenbrink in der Inszenierung von Lajos Wenzel – eine Kooperation mit der Kammeroper Köln
Neuwied. Nach einem rauschenden Theaterfest, das das Gelände rund um und die Räumlichkeiten im Schlosstheater Neuwied fast platzen ließ vor lauter Besuchern, Theater und Temperament zeigte die Bühne am Abend die Premiere des Stückes „Comedian Harmonists“, die allseits bekannte Geschichte eines Mänersextetts außergewöhnlicher Stimmen in den „wilden“ 1920er Jahren und ihr Schicksal in den frühen Dreißigern. Intendant Lajos Wenzel hat das Stück inszeniert, eine Kooperation mit der Kammeroper Köln. „Ich habe das Stück im Frühjahr diesen Jahres inszeniert und nehme es jetzt mit nach Neuwied“, so Wenzel.
Gefeierte „Boy Group“
Harry Frommerman (Lukas Eder) gründet in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, kurz nach dem Ersten Weltkrieg das Gesangsensemble, indem er per Zeitungsanzeige Mitstreiter sucht. Zunächst meldet sich Robert Biberti (Daniel Pastewski), der nach anfänglichem Zweifel seine Gesangskollegen Ari Leschnikoff (Bagdasar Khachikyan), Erich Collin (Oliver Polenz) und Roman Cykowski (Tyler Steele) mitbringt. Komplettiert wird die Gruppe von Erwin Bootz (Thomas Aydintan). Nach einer holprigen Anfangszeit kann das Ensemble schließlich die Bühnen Deutschlands und der Welt erobern, bis zur Machtergreifung der Nazis. Dann entscheidet eine totalitäre Macht über das weitere Schicksal der Gruppe, nicht aus künstlerischen Aspekten, sondern aus rassistischem Aberwitz. Denn drei von sechs Harmonists sind Juden…
Eschreckende Aktualität
Wundervolle Stimmen prägen das Stück, die Akteure sind allesamt ausgebildete Sänger und ziehen das Publikum von der ersten Minute an in ihren Bann. Ihr Gesang zaubert abwechselnd ein Lächeln ins Gesicht oder lässt Tränen fließen. Lieder wie „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder „Veronika, der Lenz ist da“ haben die Zeit überdauert und sind auch heute noch beliebte Arrangements für Chöre und Ensembles. Leise Töne wie „In einem kühlen Grunde“ und „Irgendwo auf der Welt“, an der richtigen Stelle eingesetzt, unterstreichen die Dramatik und die eigentliche Geschichte. Die Geschichte einer Freundschaft, die die Kunst geprägt hat, die Jahrzehnte hätte überdauern und sich weiterentwickeln können, wenn da nicht die politische Entwicklung des Nazideutschlands gewesen wäre.
Und das schlägt auch den Bogen zur Gegenwart, erinnert an die Begrüßungsworte von Lajos Wenzel, der betonte, dass es der Aufmerksamkeit aller bedürfe, solches auch nicht mit anderen oder ähnlichen politischen Ideologien möglich werden zu lassen. Die Kunst ist frei, und das soll sie auch bleiben. Stehende Ovationen belohnten die Künstler für ihre herausragende Leistung, und auch das eine oder andere nachdenkliche und betroffene Gesicht zeigte, das auch die Botschaft der Geschichte angekommen ist. Bravo. Das Stück wird noch bis zum 19. September im Schlosstheater gspielt. Karten gibt es unter www.schlosstheater.de, dort kann auch das gesamte Programm eingesehen werden. Die Theaterkasse ist im Schlosstheater Theaterplatz 3, Neuwied, tel. 02631-22288.
Zu Beginn müssen die Sänger viel Überzeugungsarbeit leisten. Foto: Schlosstheater
In den 1930 er Jahren wird es schwierig für die Gruppe. Foto: Schlosstheater
Die „Comedian Harmonists“ auf dem Gipfel ihres Erfolgs. Foto:Schlosstheater