23. Koblenzer Mendelssohn-Tage im Görreshaus
„Teile dich Nacht“ begeisterte das Publikum
Koblenz. Mit dem sehr besonderen Konzert „Teile dich Nacht“ machten die 23. Koblenzer Mendelssohn-Tage im Görreshaus auf sich aufmerksam. In der Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Freundschaftskreis „Koblenz-Petah Tikva“ wurden das Streichquartett Es-Dur, op. 44 Nr. 3 von Felix Mendelssohn Bartholdy sowie drei weitere Werke aufgeführt, die einen Bezug zur Verfolgung jüdischer Komponisten in der Nazi-Zeit hatten. Der Koblenzer Mendelssohn-Tage-Verein will mit der Aufnahme jüdischer Komponisten in das Festival-Programm daran erinnern, dass Felix der jüdischen Familie Mendelssohn entstammte, weswegen seine Musik in der Nazizeit gänzlich verboten war.
Johannes Stein, Dramaturg der Mendelssohn-Tage, führte in das Konzert ein, indem er zum besseren Verständnis die Situation der Komponisten und die Begleitumstände der Entstehung der Stücke darlegte. Viktor Ullmann und Rudolf Karel wurden beide zu Opfern der NS-Zeit. Ihre Werke „Drei Gesänge nach Friedrich Hölderlin“ (Ullmann) und „Nonett, op. 43“ komponierten sie während ihres Aufenthaltes im Gestapo-Gefängnis beziehungsweise im Konzentrationslager.
Isang Yun (1917-1995), deutscher Komponist koreanischer Abstammung, war selbst nicht vom Holocaust betroffen. Er vertonte lediglich den Gedichtband „Teile dich Nacht“ der jüdischen Dichterin Nelly Sachs, die im schwedischen Exil den Holocaust überlebte. Die Komposition gilt als Yuns Versuch, die Verfolgung der Juden aufzuarbeiten. Kaum vorstellbar, dass Musik entstehen konnte aus der Reflexion oder im Erleben derart schlimmer, todesnaher Lebenssituationen. Noten, aus der Gefangenschaft hinausgeschmuggelt, werden heute als musikalische Meisterleistungen gefeiert. Meisterleistungen, die beim Konzert der Mendelssohn-Tage allen Musikern in hohem Maße Kunstfertigkeit, Konzentration und Einfühlungsvermögen abverlangten.
Gedichte voll tiefer Melancholie und Sehnsucht
Besonders hervorzuheben ist die Leistung der Sopranistin Hana Lee, die es bravourös verstand, die avantgardistisch komponierten Lieder zu interpretieren. Karsten Huschke, bei den „Hölderlin-Gesängen“ am Klavier, ansonsten als Dirigent im Ensemble, hatte es nicht minder schwer, diese experimentell anmutenden Klanggebilde als großes Ganzes zusammenzuhalten. In Ullmanns Gesängen spielte er die einzelnen, monoton vor sich hin tröpfelnden Töne. Sie unterlegten den von tiefer Melancholie und Sehnsucht erfüllten, rezitativähnlich von Hana Lee vorgetragenen Liedtext. Wer bei den mit „Sonnenuntergang“, „Der Frühling“ und „Abendphantasie“ betitelten Gedichten romantische, melodiebetonte und harmonische Klänge zu hören erwartete, wurde enttäuscht. Kräftige Einflüsse der „Neuen Musik“ lassen Ullmanns Werk ziemlich schräg klingen.
Ebenso anspruchsvoll, aber noch intensiver kam die elfminütige Komposition „Teile Dich Nacht“ von Isang Yun daher. Das aus 13 Musikern bestehende Instrumentalensemble machte sich gemeinsam mit Hana Lee engagiert ans Werk und vollbrachte eine Glanzleistung. Johannes Stein, der das Stück selbst als „schwer zu hören, fast als gewöhnungsbedürftig“ charakterisierte, bedankte sich bei Dirigent und Musikern für ihre Bereitschaft, sich auf dieses musikalische Abenteuer einzulassen, das aus dem Holocaust geboren wurde. „Diese verschlossene Tür – dahinter geschah das Furchtbare“, beginnt das erste der drei, jeweils nur wenige Zeilen umfassenden Gedichte aus dem 1971 posthum veröffentlichten Gedichtband von Nelly Sachs. Ein bedrückendes Grauen von Folter und Tod, das der Text transportiert, wird betont von der Musik, die dem harmoniesüchtigen Ohr allerhand abverlangt. Schrill und laut die Stimme der Sopranistin, das Orchester fabriziert ein Klirren und Scheppern dazu. Ein Glas im Raum hätte leicht zerspringen können. Dann wieder gab Hana Lee eine Art Sirenengesang von sich – wie in einem Zeitlupen-Szenario kurz bevor es zu einem Fiasko kommt. Jedes Instrument spielte seine eigene geräuschvolle Rolle und drückte die dunkle Stimmung des Stücks tiefer als tief. Die rund sechzig Zuhörer spendeten langen, anerkennenden Applaus für die gewaltige Leistung der Musiker, dem formlos und unbegreifbar wirkenden Tonwerk ein Profil zu geben.
Zwischen der Schwere der beiden Kompositionen war Mendelssohn Bartholdys Streichquartett eine erholsame, Seele und Ohr entlastende Darbietung des Meander-Quartetts. Quirlig verspielte Passagen, die aus einem aufgescheuchten Haufen übermütiger Noten heitere Beschwingtheit vermittelten, wechselten sich mit ruhigen, schwärmerisch-verträumten ab. Kleine, zaghafte Töne wurden immer wieder von wasserfallartig einströmenden überdeckt - im Zusammenklang der Instrumente entstand Harmonie. Ob temporeich und mit kräftigem, energischem Bogenstrich oder sich im ruhigen Fahrwasser des Werkes bewegend – die Streicher verstanden es in hervorragender Ausführung, die Schönheit der vielschichtig angelegten Musik zu präsentieren, sie so wunderbar gefällig klingen zu lassen. Auch Rudolf Karels dreisätziges Nonett ging „gut ins Ohr“. Als Particell schrieb es Karel, der letzte Schüler Dvoráks, im Konzentrationslager kurz vor seiner Ermordung auf einzelnen Blättern Toilettenpapier nieder. Im Dezember 1945 wurde es, nachdem es bearbeitet und instrumentiert worden war, im Tschechoslowakischen Rundfunk uraufgeführt. Trotz des Leids, das der Komponist erfahren musste, gelang ihm ein von Schwermut geprägtes, aber Hoffnung ausdrückendes und lebensbejahendes Werk. Kleine Töne, die im Reichtum der instrumentalen Klangfarben zu großen Melodiebögen anwachsen und im letzten Satz zu einem viel- und volltönenden Stürmen und Drängen werden. Für das wahrlich versöhnliche Hörerlebnis zum Konzertende spendete das Publikum den Ausführenden lang anhaltenden Applaus.
Vorschau
Das nächste Konzert im Rahmen der 23. Koblenzer Mendelssohn-Tage findet am Mittwoch, 1. November mit dem Titel „Reformation – Gesang & Klang“ in der Basilika St. Kastor statt. BSB
Dank der ausführlichen Erklärungen von Dramaturg Johannes Stein waren die aufgeführten Stücke leichter verstehbar.
