Präventionsbeauftragter der JVA Rheinbach setzt auf frühzeitige Deradikalisierung
Vernetzung, Einzelgespräche und Gruppenangebote als Schlüssel zur Prävention
Rheinbach. Bei Anzeichen von Radikalisierung möglichst früh intervenieren und die Zeit der Haft zur Deradikalisierung gefährdeter Inhaftierter nutzen – das ist das Ziel des Präventionsbeauftragten Dr. Bernd Bauknecht in der JVA Rheinbach. Seine Stelle ist eine von landesweit insgesamt 45 neu geschaffenen Stellen in der Radikalisierungsprävention. Denn die Gefahr der Radikalisierung im Gefängnis ist erfahrungsgemäß hoch. Um ihr zu begegnen, hat sich der Justizvollzug NRW seit 2016 immer breiter aufgestellt. Die neueste Errungenschaft ist nach der Installation von Integrationsbeauftragen, des Fachbereichs Radikalisierungsprävention im Justizvollzug NRW im Ministerium sowie von Extremismusbeauftragten in den Anstalten nun die Schaffung neuer Stellen für Präventionsbeauftragte im vergangenen Jahr. Von der Vernetzung und ersten Erfolgen der neuen Fachkraft Dr. Bernd Bauknecht in der JVA Rheinbach überzeugten sich Dr. Benjamin Limbach, Justizminister des Landes NRW, und die Bundestagsabgeordnete Lamya Kaddor bei einem Ortstermin. Zu diesem Termin hatte Anstaltsleiterin Renate Gaddum neben Fachkräften aus den eigenen Reihen auch Andreas Schüller, Referatsleiter IV C 3, und Mehmet Bilekli, Leitung Fachbereich Radikalisierungsprävention, geladen.
Als wichtigste Ressourcen der Prävention nannte Bauknecht die drei regelmäßigen Gruppenangebote Freitagsgebet, Islamgruppe sowie IslamCreativ, die er in Kooperation mit seiner Frau, der interkulturellen Beraterin Ayfer Dagdemir-Bauknecht, anbietet. „Ganz wichtig ist außerdem die kontinuierliche Beziehungsarbeit im Einzelgespräch. Hier merken wir, ob und wie wir den Menschen erreichen und etwas in Bewegung bringen können“, fassen beide ihre jahrelangen Erfahrungen im Justizvollzug zusammen. Zentrales Element ihrer Arbeit ist die Vernetzung: Angedockt an die Abteilung Sicherheit und Ordnung, kooperiert Bernd Bauknecht eng sowohl mit der Integrationsbeauftragten Josephine Enke als auch mit der Extremismusbeauftragten Kathrin Bohnenkamp. Und er besucht zum Beispiel auf Einladung den Integrationskurs, wenn es um Genderfragen oder andere strittige Themen geht.
Wie es in einem Gruppensetting konkret zugeht, davon konnten sich alle Gäste in einer eigens zusammengestellten Beispielrunde überzeugen. Ayfer Dagdemir-Bauknecht griff das aktuelle Thema des Fastens anlässlich des gerade begonnenen Ramadans auf. Die Teilnehmer rezitierten Suren aus dem Koran und diskutierten miteinander die Bedeutung des Fastens nicht nur in religiöser, sondern auch sozialer Verantwortung.
Ein Thema, zu dem auch die Gäste Ideen und Erfahrungen beizusteuern hatten. Der rege Austausch stand beispielhaft für gelungene, unzensierte Religionsausübung ohne extremistische Tendenzen.
Dass Radikalisierung nicht nur im Hinblick auf den Islam, sondern auch in puncto Rechts- oder Linksextremismus, Antisemitismus oder etwa Reichsbürger ein Problem darstellt, nahm Mehmet Bilekli bei seinen Ausführungen über das Rahmenkonzept für die Präventionsbeauftragten in den Justizvollzugsanstalten NRW in den Blick: „Es ist bundesweit bislang einmalig, dass alle diese Phänomene bearbeitet werden.“
„Im Vollzug in NRW gibt es eine Vielzahl von Angeboten zur Deradikalisierung, insofern muss man sich Gedanken um die Nachbetreuung nach der Haft machen, damit die im Vollzug initiierten Maßnahmen nicht ‚verpuffen‘“, rekapitulierte Minister Dr. Limbach. Hier sieht auch Ayfer Dagdemir-Bauknecht Handlungsbedarf: „Es wäre schön, wenn wir unsere Angebote ans strukturierte Übergangsmanagement andocken könnten. Hier sind vor allem auch die islamischen Verbände gefragt, denn die Gläubigen wollen keinen von oben verordneten ‚Staatsislam‘“.
