Für Gott, König und Vaterland: Zum 150. Jahrestag des deutschen Kaiserreichs in Rheinbreitbach und Umgebung
Von Ersatzwahlen, politischen Vereinen und der Entwicklung der Gemeinde
von unserem Gastautor Thomas Napp
In der Rheinbreitbacher Ortspolitik in der Kaiserreichszeit drehte es sich im Wesentlichen um die Ernennung und Abwahl von Ratskandidaten und Beigeordneten in den Gemeinderat bzw. Gemeindevorstand sowie die Wahl von Persönlichkeiten wie dem Bürgermeister von Unkel Gustav Biesenbach oder dem Ortsbeigeordneten Adolf Müller (am 08. November 1895).
Der in Rheinbreitbach lebende Biesenbach war vom 30. Dezember 1897 bis in das Jahr 1917 Bürgermeister von der Amtsbürgermeisterei Unkel (heutige Verbandsgemeinde Unkel). Biesenbach war vor allem als Reichstagsabgeordneter bekannt und vertrat die Interessen von Bauern und Winzern. Unter anderem war er bis zum 9. Februar 1896 als Vorsitzender des rheinischen Bauernverbandes tätig, der sich unter anderem für die Interessen von Milchvieh und Ackerbaubetrieben einsetzte. Das seine Fachkompetenz im Reichstag in Sachen Landwirtschaft auch danach noch gefragt war, zeigt sich an der Einladung durch das Reichsgesundheitsamtes am 21. Januar 1899 nach Berlin, in der es um die Weinbaufrage ging. Da Biesenbach bis 1917 Bürgermeister der Amtsbürgermeisterei von Unkel blieb, kann davon ausgegangen werden, dass er in der Bevölkerung eine gewisse Beliebtheit genoss und das Amt behalten wollte. Umso verwunderlicher war daher ein Gerücht aus dem Februar 1901, dass Biesenbach sich nach Westfalen versetzen lassen wolle, was jeglicher faktischen Grundlage entbehrte.
Die Wahlperioden für den Bürgermeister, die Beigeordneten und die Gemeindevorsteher lagen bei 6 Jahren und fanden nachweislich in Rheinbreitbach am 8. Januar 1900 (Wahl des Gemeindevorstehers Flohr mit dem Beigeordneten Adolf Müller), am 10. Februar 1906 (Wahl von Vorsteher Westhofen und seinem Stellvertreter Herr Johann Braun) und am 07. Februar 1912 statt. Sicherlich gab es vor 1900 ebenfalls in den Jahren 1894, 1888, 1882 sowie 1876 Wahlen. Hierbei wurde der Ortsvorsteher Flohr mehrfach gewählt, sodass er insgesamt über 25 Jahre die Geschickte der Ortsgemeinde lenkte. Bezüglich der Wahl des Gemeinderates scheint es unterschiedliche Jahresrhythmen gegeben zu haben. Immer wieder wurden dabei auch Gemeinderäte nachgewählt oder Wahlen wegen Fehlern wiederholt. Nachvollziehbar sind Gemeinderatswahlen von Ende November 1897 (Ersatzwahl), vom 22. November 1900, vom 27. November 1909 (die für ungültig erklärt wurde und 1910 wiederholt wurde) und November 1912 (Ersatzwahl). Die ständigen Ersatzwahlen lassen eine hohe Fluktuation der Gemeinderatsmitglieder ableiten, die eigentlich für 6 Jahre gewählt waren. Welchen Hintergrund dies hat, lässt sich nur noch schwer nachvollziehen.
Besonders interessant ist hierbei aber auch die Tatsache, dass gerade einmal zwölf Prozent aller Wahlberechtigten zu der (Ersatz-)Wahl 1897 gegangen sind, was als Zeichen für die wenig vorhandene demokratische Wahlkultur im Kaiserreich gelten kann. Entgegen dieser Aussage scheint es bei der Wahl im Jahre 1900 eine recht lebhafte Beteiligung der Bevölkerung gegeben zu haben, was dafür spricht, dass die Anteilnahme an den Wahlen auch auf lokaler Ebene mit der Zeit zunahm.
Das steigende politische Interesse an den lokalen und nationalen Wahlen lässt sich auch darauf zurückführen, dass zahlreiche Erlasse vom Gemeinderat nun ebenfalls vorgenommen werden konnten und die Menschen direkt vor Ort betrafen. Zwei Beispiele stellen hier unter anderem die Verpachtung der gemeindeeigenen Jagd in Rheinbreitbach am 29. Oktober 1909 oder die Herabsetzung der Steuern im Februar 1912 dar. Aber auch die Beihilfe für die örtliche Feuerwehr oder die Errichtung eines Steigerturmes waren Thema im Ortsgemeinderat. Manche Unterstützungsanträge, die von örtlichen Vereinen wie dem Turnverein auch an den Rat herangetragen wurden, wurden zwar abgelehnt, aber dann von Ratsmitgliedern wie dem Besitzer des Hauses Stephan (heute Villa von Sayn) übernommen. Diese Ereignisse förderten das Interesse der Bevölkerung (vor allem der gebildeteren Menschen), da diese davon direkt betroffen waren. (15. Februar 1912 Rheinbreitbach Herabsetzung der Steuern, 29. Oktober 1909 Rheinbreitbach Verpachtung der Gemeindejagd)
Welche (teil-)demokratische Kultur im Kaiserreich herrschte, lässt sich weiterhin noch an folgendem Zeitungsartikel vom 11. Januar 1912 sehen. Dort wird beschrieben, wie die Zentrumspartei ihren Reichstagskandidaten Michael Krings anpreist und extra eine eigene zünftige Veranstaltung im „Hotel zur Post“ (heute Ecke Rheinstraße/Hauptstraße) unter der Leitung des Bürgermeister Biesenbachs dafür abhält. Das diese Form des Wahlkampfes durchaus Wirkung zeigte, lässt sich an den Ergebnissen der Wahl sehen, in welchem Krings mit über 10.000 Stimmen im Kreis Neuwied die Wahl gewann.
Dass Krings diese Wahl gewann, ist in der Hochzeit des Kaiserreichs vor dem 1. Weltkrieg nicht verwunderlich. Gerade im Rheinland war das christlich-katholische Zentrum zutiefst in der Bevölkerung verankert und wurde von den Kirchen und Pfarrern vor Ort unterstützt. Zudem leistete die Kirche einen sozialpolitischen Beitrag, um den ärmeren Menschen und Arbeitern vor Ort eine Stimme zu geben und somit das Gedankengut des Sozialismus (und der damit verbundenen Arbeitervereine und Gewerkschaften) unattraktiv werden zu lassen. Konkret spiegelt sich dies in der Gründung der katholischen Arbeitervereine wieder, die auch in der Amtsbürgermeisterei Unkel und Rheinbreitbach aktiv waren (wie zum Beispiel im Jahre 1907 mit dem Gastredner Klüber aus Bonn). Wie stark die Verbindungen zwischen den katholischen Arbeitervereinen sowie der katholischen Kirche waren, kann an einem Artikel aus dem Jahre 1910 gesehen werden, wo das Stiftungsfest der katholischen Arbeitervereine zusammen mit der Namenstagsfeier des örtlichen Präses im Hotel zur Post zelebriert wurde. Dass der Katholizismus in Rheinbreitbach und der Amtsbürgermeisterei Unkel sehr ausgeprägt war, lässt sich auch an den veröffentlichten Volkszählungen sehen. Hierbei entfielen in Rheinbreitbach auf insgesamt 1261 Seelen 1226 Katholiken. Die Restsumme entfiel auf 24 Protestanten, 10 Juden und einen Dissidenten (aus der Kirche ausgetretenen). Die Katholiken und die Zentrumspartei stellten somit den größten Anteil in der Amtsbürgermeisterei Unkel und in Rheinbreitbach dar.
Abschließend können wir für die Ortspolitik im Kaiserreich festhalten, dass in dieser Zeit es einen regen Wechsel an Ratsmitgliedern gab. Gleichzeitig können wir jedoch festhalten, dass es auch eine lebhafte lokalpolitische Wahlkultur in der Bevölkerung gab, die mit den Jahren immer weiter zunahm und ein Interesse an politischen Themen (und dem Ortsgemeinderat) vermuten lässt. Auch die konstante Wahl von bestimmten Bürgermeisterpersönlichkeiten, lassen die Vermutung zu, dass es überzeugte Männer gab, die auf Dauer politisch aktiv sein wollten. Hierbei gab vor allem auch die Zentrumspartei und die Katholiken den politischen Ton an. Dabei spielte vor allem die Verbindung zwischen den katholischen Arbeitervereinen und der Kirche vor Ort eine enorme Rolle, um das politisch christliche Gedankengut in die Bevölkerung zu tragen.
Thomas Napp,
Archivar des Heimatvereins
Rheinbreitbacher
Dieser Artikel ist auch als Podcast unter
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Eine Zeitung des katholischen Volksvereins.Quelle: wikimedia
Foto: Alexander Paul
