ad Erpelle Kunst- und Kulturkreis Erpel e.V.
„Weltenbrand“ fasziniert und verstört die Zuschauer
Theater im Tunnel drehte sich um eine dunkle Zeit
Erpel. Wer am vergangenen Wochenende nicht bei der Aufführung von „Weltenbrand“ im ehemaligen Eisenbahn-Tunnel Erpel war, hat eine ergreifende, bewegende Collage über den Ersten Weltkrieg verpasst, denn dort bot „Theater im Tunnel“ in Erpel ein besonderes Event. Ein toller Spannungsbogen - vom klassischen Anfang bis zum bedrückenden und aufwühlenden Ende – faszinierte und verstörte teilweise die zahlreichen Zuschauer.
Organisator Edgar Neustein, Vorsitzender des Kunst- und Kulturkreis e.V., begrüßte das Publikum im nahezu bis auf den letzten Platz besetzten Tunnel im Namen des Kulturkreises und erklärte: „Das Stück ist etwas anderes als sonst!“ Der nunmehr 100-jährige 383 Meter lange Tunnel sei daher ein prädestinierter Ort für die Collage. Damals war der Tunnel unterhalb der Erpeler Ley gebaut, um eine Wende im festgefahrenen Kriegsgeschehen zu erreichen. Er kam aber zu spät zum Gewinnen. Neustein: „Angesichts des aktuellen Terrors in Nizza darf es künftig keinen Krieg mehr geben.“.
Sparsame, Ungewohnte Darstellung
Die vom „axensprung“-Theater präsentierte Collage besteht aus Text-, Musik-/Klang- und Bildelementen. Passagen des Romans „Heeresbericht“ von Edlef Köppen werden mit der Lyrik August Stramms, Original-Briefen von Soldaten, Alltagssituationen und Fragmenten offizieller Militärkommuniqués verstärkt. Das spärliche Bühnenbild besteht aus einem Tarnnetz und Projektionen wechselnder Motive, die sich aus zeitgenössischen Fotos, Feldpostkarten und Bildern von kriegsteilnehmenden Malern zusammensetzen. „Weltenbrand“ wurde schon in vielen Theatern, Museen und Schulen aufgeführt, auch international wie in der belgischen Hauptstadt Brüssel, der lettischen Hauptstadt Riga und vielen Städten in Deutschland. Seit 2014 wurde „Weltenbrand“ an mehr als 30 Spielstätten aufgeführt.
Die Collage wird minütlich verstörender
Das Thema ist auf den ersten Eindruck einfach. Drei junge Männer werden zum Militär eingezogen und erleben den Ersten Weltkrieg, (1914-18). Sie werden einberufen, als der Krieg beginnt: Einer als Offizier (gespielt von Markus Voigt), ein Unteroffizier (Michael Bideller) und ein Soldat (Oliver Hermann) . Sie sind am Anfang noch fasziniert vom Krieg, aber im Lauf des Stücks immer mehr verstört. Die Spannung wird dichter, wächst von Minute zu Minute und endet am Schluß mit Verzweiflung. Alle drei überleben zwar den Krieg, sind aber am Ende gebrochen.
Bemerkenswert ist die sehr gute Umsetzung der Stimmung und der nahen Todesangst der drei Soldaten, die das Publikum mitreißt. Am Anfang der Aufführung entstand kurz der Eindruck, dass es langweilig werden könnte, aber das Geschehen auf der zum Glück nur spärlich ausgestatteten Bühne verdichtete sich schnell.
In den 90 Minuten Spielzeit gab es von Minute zu Minute mehr Beklommenheit beim Publikum, dazu trugen auch die Bilder auf der Leinwand bei. Grausame Szenen und das Schlimme am Kriegsende sowie die bedrückende Musik und „Kanonendonner“ im Tunnel ließen die Zuschauer nicht kalt. „Weltenbrand“ ist eines der besten Kriegsstücke, zeigt Brutalität und die Entwicklung bei den drei Soldaten und lässt Publikum die Luft anhalten.
Viele Veteranen im Publikum
Im Publikum saßen viele ältere Besucher, die den 2. Weltkrieg erlebt haben und die Emotionalität des Kriegs nachvollziehen konnten. „Weltenbrand“ ist sehr dicht und bedrückend, man kann sich in die mentale Entwicklung der drei Soldaten versetzen, die zunächst siegesgewiss, aber dann immer mehr verzweifelt wurden. Sie sind am Ende des Kriegs gebrochen.
Echte Weltkrieg-Bilder auf dem Screen zeigen die Schrecklichkeit und Brutalität des Kriegs sehr intensiv, genauso wie die Entwicklung von Hoffnung am Anfang bis zur Verzweiflung am Ende. „Weltenbrand“ ist eine Anti-Kriegs-Collage, die immer bedrückender wird.
Erfahrenen Schauspieler überzeugten voll und ganz!
Oliver Hermann (in der Collage einfacher Soldat) ist Schauspieler und Sprecher in Hamburg und gastierte an vielen deutschen Theatern. Präsent war er auch in TV-Produktionen und beim „Hamburger Jedermann“. Seit vielen Jahren produziert und spielt er in Theaterprojekten mit kritisch-historischem Ansatz. Sein Urgroßvater kämpfte von 1915 bis 1918 als Infanterist, später als Kanonier an fast allen europäischen Fronten und starb durch einen Granatsplitter fünf Wochen vor Kriegsende in Nordfrankreich.
Michael Bideller arbeitet seit 1988 als Schauspieler und Sprecher in Hamburg, unter anderem am Ernst Deutsch Theater und beim „Hamburger Jedermann“. Davor war er an Theatern in vielen anderen Städten. Sein Großvater war während des Ersten Weltkrieges bei der Marine.
Markus Voigt arbeitet als Komponist und Musiker in Hamburg. Er studierte Jazz und ist musikalischer Leiter an Schmidts Tivoli und am Schmidt Theater. Sein Großvater diente während des Krieges als Ballonaufklärer in Frankreich.
Regisseur Erik Schäffler der im Tunnel in Erpel fehlte, lebt als Schauspieler, Sprecher, Theaterregisseur und -autor ebenfalls in Hamburg. Die letzten Jahre spielte er u.a. im Ensemble des Deutschen Schauspielhauses, am Schmidts Tivoli und im „Hamburger Jedermann“.
Der Erpeler Tunnel war optimal für das Stück und die Feinheiten der drei Schauspieler. Die Collage war eine tolle Psycho-Analyse und bewegte das Publikum. Man müsste „Weltenbrand“ mindestens zwei Mal sehen, um alle Feinheiten zu erkennen und das Stück zu verstehen. Dass diese Collage die Zuschauer bewegte, zeigten auch die positiven Reaktionen nach der Aufführung.
