Projekttag mit dem Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV)
Wenn sportliche Schüler im Rollstuhl sitzen
BSV-Projekt lässt Jugendliche Erfahrungen mit massiven körperlichen Behinderungen machen
Mülheim-Kärlich. Es kracht heftig, als die beiden Rollstühle aufeinanderprallen. Aber das ist so gewollt: Schüler des Gymnasiums Mülheim-Kärlich durften ein ungewöhnliches Sportgerät ausprobieren. Die mehrstündige Unterrichtseinheit wurde zu einem großen Spaß - mit ernstem Hintergrund und lehrreichen Erfahrungen. Für die meisten der rund 50 jungen Menschen zwischen 16 und 18 Jahren war das Thema des Morgens in ihrem Alltagsleben ganz weit weg: Sie sind kerngesund und topfit - kein Wunder, denn schließlich sind sie Absolventen von Sport-Kursen der Klassenstufen 11 und 12, darunter zwei Leistungskurse. Aber sie erfuhren, wie schnell es gehen kann, dass es mit der fast uneingeschränkten körperlichen Leistungsfähigkeit vorbei ist. Ein Unfall - und plötzlich kann man sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen.
Persönliche Erfahrungen
Jörg Holzem ist ein Rollstuhlrugby-Spieler und ehemaliger Nationalspieler von der RSG Koblenz. Er lässt die Jugendlichen an seinen Alltagserfahrungen teilhaben. So erzählte der heute 44-jährige Holzem, wie ihm bei Arbeiten im Wald vor rund 20 Jahren eine Baumkrone auf Kopf, Schultern und Rücken knallte. Und wie er sich dann mit einer Querschnittslähmung in einem langen Prozess wieder zurück in ein weitgehend normales Leben kämpfte. Normal - bis auf den Rollstuhl. Die Jugendlichen fragten angeregt nach, es ergab sich eine interessante Unterhaltung. Aber in erster Linie war Action angesagt: Die sportlichen Schüler durften sich selbst im Rollstuhl versuchen. Ein abwechslungsreicher Parcours vermittelte ein Gefühl dafür, wie es ist, wenn man über einen faltigen Teppich oder über holprigen Untergrund fahren muss. Oder wie man Rampen hochfährt oder sich unter eine Tischplatte schiebt. Vieles klingt viel einfacher, als es dann wirklich ist.
Praktische Übungen
Zum Beispiel die Koordination beim Rollstuhlrugby. Gar nicht so leicht, einfach nur mal gemeinsam einen Luftballon nicht auf die Erde fallen zu lassen, wenn man gleichzeitig auch noch seinen Rollstuhl bewegen muss. In mehreren Gruppen wurden die Disziplinen absolviert. Und wenn gerade mal Pause war, dann konnte man in rasanter Rollstuhlfahrt auch mal simpel „Fangen“ spielen. Der Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV) hat das Projekt „Leben im Rollstuhl“ gemeinsam mit dem Landkreis Mayen-Koblenz gegründet, unterstützt von Sparkasse und RSG Koblenz. Es kommt bei den Schulen und Schülern glänzend an: „Bis in den November hinein ist die Veranstaltungsreihe ausgebucht“, sagt Chef-Organisator Dominic Holschbach, Sport-Referent beim Behindertensportverband. Auch im Gymnasium Mülheim-Kärlich zeigte sich, dass es genau die richtige Form ist, um Schüler für das Thema zu sensibilisieren. Das bestätigte die Direktorin Klaudia Heck-Ritter, die schon seit zwei Jahren eng mit dem BSV kooperiert: „Gerade die Sport-Leistungskurse sind bestens geeignet, dass sich die Schüler mal Gedanken darüber machen, wie ein Leben mit einem körperlichen Handicap aussehen kann.“ Die Schulleiterin setzt auf Kontinuität und will das Thema auch in den kommenden Jahren immer wieder im Unterricht aufgreifen.
Schülerstimmen
Und wie sehen es die Schüler? Berkay nennt es schlicht „eine coole Erfahrung, mal die Sicht eines Querschnittsgelähmten kennenzulernen.“ Leon meint: „Man gewöhnt sich zwar schnell an den Rollstuhl, aber damit umzugehen, ist doch ganz schön anspruchsvoll.“ Und Hannah zeigt nach den Übungen vor allem Erleichterung: „Das Beste ist, dass man weiß, dass man danach auch selbst wieder aufstehen kann.“
EM im Rollstuhlrugby in Koblenz
Wie Rollstuhlrugby auf höchstem Niveau gespielt wird, kann bei der Europameisterschaft in der Koblenzer Conlog-Arena vom 27. Juni bis zum 1. Juli live miterlebt werden. Dann kämpfen acht Teams, unter ihnen die deutsche Nationalmannschaft, um den Titel.
Wie kommt ein Rolli-Fahrer in sein Auto - und wie wieder heraus? Jörg Holzem zeigte es routiniert.
