Bürgerstiftung Unkel Willy-Brandt-Forum
Wie die Wolke am Himmel
Tansanischer Lebensbaum „Mawingu“
Unkel. Mit der Wiedereröffnung des Willy-Brandt-Forum Unkel wird eine Mawingu als Ausstellungsobjekt des Monats zu bestaunen sein. Damit lockt der Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung Unkel Willy-Brandt-Forum (WBF), Christoph Charlier Besucher in das Unkeler Museum. Obwohl über einen Meter hoch und mehr als 10 Kilogramm schwer, wird der geheimnisvolle Lebensbaum aus Tansania, dem Land, das von vielen als Wiege der Menschheit angesehen wird, von Museumsbesuchern oft übersehen. Dabei wirkt die elegante Skulptur, die Präsident Julius Nyerere Willy Brandt bei dessen Besuch im Heimatdorf des afrikanischen Präsidenten am Viktoriasee 1976 schenkte, ausgesprochen modern. Solche künstlerisch gestalteten Figuren werden Mawingu=Wolke genannt, weil sie so viele Deutungen zulassen wie die Wolken am Himmel.
Dabei liegt es doch auf der Hand, versucht Charlier eine Deutung. Der nach oben strebende abstrakte Baum, geformt aus ineinander greifenden menschlichen Körperteilen, ist ein Symbol der Entwicklung und des Lebens. Die Skulptur gehört nicht zu den Werken der traditionellen afrikanischen Kultur, sondern ist Ausdruck ihres Wandels und – wie die technische Perfektion des Werkstücks nahe legt – einer modernen Kunstrichtung zugehörig. Es handelt sich, ergab die Anfrage des WBF bei einer Völkerkundlerin des Kölner Rautenstrauch-Joest Museums, um eine Schnitzarbeit aus der Makonde-Ethnie.
Nyerere verband derartige Hervorbringungen mit seiner Vorstellung eines ländlichen Sozialismus, aber auch mit Stolz auf die Rückgewinnung der eigenen Kultur. Beim Regierungsantritt, nach dem Rückzug der englischen Kolonialherren im Jahr 1962 gründete Nyerere ein neues Ministerium für Kultur und Jugend und sagte dazu in seiner ersten Regierungsklärung: „Ich möchte die besten Traditionen und Gebräuche aller Stämme zu einem Ganzen unserer nationalen Kultur zusammenfügen. … Eine Nation, die sich weigert von anderen zu lernen, ist nichts anderes als eine Nation von Idioten und Träumern. Die Menschheit würde nicht voran schreiten, wenn wir uns weigerten, voneinander zu lernen.“
Der vielgereiste Brandt war beeindruckt von Männern wie Nyerere in Tansania, Kaunda in Sambia und Mugabe in Simbabwe, die sich während des Ringens um die Entkolonialisierung an die Spitze ihrer Staaten gekämpft hatten „Der europäisch-afrikanische Dialog war zu Zeiten Nyereres und Brandts stärker ausgeprägt als heute, was mit der von beiden geteilten Vorstellung von Sozialismus zu tun hatte“, ist der WBF Vorstandsvorsitzende überzeugt.
