Allgemeine Berichte | 12.11.2024

Gedenken an die Reichspogromnacht

Würdevolle Veranstaltung und anschließender Schweigemarsch zum jügischen Friedhof

Ergriffen liest Bürgermeister Holger Jung aus dem Brief vor, den das Ehepaar Bier kurz vor der Deportation an seine Kinder im australischen Exil verfasst hatte.Foto: Stadt Meckenheim

Meckenheim. Mit einer offiziellen Gedenkstunde hat die Stadt Meckenheim an die Zerstörung und Brandschatzung von jüdischen Synagogen, Geschäften und Häusern erinnert. Bürgermeister Holger Jung sowie Schülerinnen und Schüler des Meckenheimer Konrad-Adenauer-Gymnasiums richteten sich mit eindringlichen Worten und nachdenklichen Texten an die Teilnehmenden, die sich zahlreich am Gedenkstein Prof.-Scheeben-Straße/Synagogenplatz eingefunden hatten.

Mittlerweile 86 Jahre liegen die fürchterlichen Ereignisse der Reichspogromnacht zurück. Überall in den Dörfern und Städten brannten Synagogen, richtete sich der abgrundtiefe Hass des braunen Mobs gegen Menschen jüdischen Glaubens. Sie wurden gedemütigt, verhaftet, deportiert und ermordet. „In der Reichspogromnacht vollzog sich der Übergang von der rechtlichen Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden hin zur offenen Verfolgung und Drangsalierung; ein Weg, der schließlich zu Shoah – der systematischen Verfolgung und Ermordung von mehr als sechs Millionen Jüdinnen und Juden – geführt hat“, sagte Holger Jung bedrückt.

In seiner Ansprache thematisierte der Bürgermeister auch aktuelle Entwicklungen wie die Kriege und Krisen der heutigen Zeit und den Rechtsruck in Deutschland. Er sprach von dunkelbrauen Wolken, die schon wieder aufziehen, und bezog sich dabei auf die jüngsten Landtagswahlen in den östlichen Bundesländern. „Ich bin immer noch fassungslos, denn erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg konnte mit der AfD in Thüringen eine als rechtsextremistisch eingestufte Partei stärkste Kraft werden. Wer hätte das noch vor wenigen Jahren gedacht?!“ Ebenfalls trug Jung aus der Studie „Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft von Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024“ vor und erläuterte deren Ergebnisse.

Ein wichtiges Anliegen war es ihm, auf die Meckenheimer Schicksale während der Nazi-Zeit einzugehen und dabei auf das Buch „Ihre Namen werden bleiben!“ von Dietmar Pertz und der Meckenheimer Stadtarchivarin Ingrid Sönnert hinzuweisen. Jung berichtete unter anderem von dem Ehepaar Bier, dessen Spur sich nach der Deportation verliert. Kurz zuvor hatten die Eltern für ihre Kinder im australischen Exil einen Brief verfasst, aus dem der Bürgermeister ergriffen vortrug – ein herzzerreißendes Zeugnis der grausamen Vergangenheit, das auch in der Gegenwart noch tief betroffen macht.

Trotz der aktuellen Entwicklung dürfe man die Kraft und die Hoffnung nicht verlieren, sondern müsse sich an seine Stärken besinnen, mahnte Jung. „Meckenheim zeigt sich nämlich bunt, tolerant und mit Haltung!“ Er erinnerte an die große Demonstration mit dem Motto „Nie wieder ist jetzt!“. Im Februar hatten sich sehr viele Bürgerinnen und Bürger vor dem Rathaus, eingefunden, um ein deutliches Zeichen gegen Hass, Ausgrenzung, Geschichtsvergessenheit und für eine demokratische Grundordnung zu setzen. „Lassen Sie uns gemeinsam den Mut aufbringen, für eine Welt einzutreten, in der jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Glauben und Identität respektiert und akzeptiert wird“, so Jung. Er appellierte, die Erinnerung an die fürchterlichen Verbrechen von damals, an den abscheulichen Völkermord weiterzutragen und die nächste Generation aufzuklären. Denn „Wer sich seiner Vergangenheit nicht bewusst ist, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“, zitierte der Bürgermeister den spanischen Philosophen George Santayana.

Es war eine würdevolle Gedenkstunde, zu der die Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 9 und 10 sowie der Q2 des Konrad-Adenauer-Gymnasiums ebenso beitrugen. Begleitet von ihrer Lehrerin Christina Eilers schilderten sie unter Zuhilfenahme von Zeitzeugenberichten die damaligen Geschehnisse und lasen die Namen der jüdischen Familien aus Meckenheim, die dem braunen Terror zum Opfer fielen, vor. Im Anschluss an die Kranzniederlegung setzte sich der Schweigemarsch zum jüdischen Friedhof in Bewegung. Hier fand das Gedenken an die Reichspogromnacht bei Kerzenschein und andächtiger Stille ihr würdevolles Ende.

Ergriffen liest Bürgermeister Holger Jung aus dem Brief vor, den das Ehepaar Bier kurz vor der Deportation an seine Kinder im australischen Exil verfasst hatte. Foto: Stadt Meckenheim

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