Katalog „Kunstmaschinen Willi Reiche“ stellt 70 Werke des Künstlers vor

Zauber der Bewegung

Ideenreichen Maschinen, die aus einem verblüffenden Materialkosmos schöpfen

Zauber der Bewegung

Schaum schlagende „Zeitmaschine“. Foto: HG

06.07.2021 - 09:48

Remagen/Wachtberg. Der Künstler Willi Reiche aus Wachtberg kennt und erkennt ihn, den Zauber, der den Dingen eigen ist - einigen im besonderen Maße. Die sammelt er, hortet sie in rauen Mengen, isoliert sie aus ihrem ursächlichen Zusammenhang, um sie mit anderen ihrem Zweck nicht mehr dienenden Elementen zu verbinden. Reiche ist kinetischer Künstler. Das bedeutet, er bringt die neu vereinten Dingen überdies in Bewegung.


Trefflich beschreibt der bekannte Schauspieler, Autor, Produzent und Moderator Max Moor, wohin Reiches Tun führt. „Entstanden ist eine Geschichten erzählende Zauberei, ein Faszinosum, eine lebendige Kunstmaschine, die jedem ihrer nutzlosen Dinge einen neuen Nutzen gibt, einen neuen Zweck und einen neuen Sinn: den Nutzen der Zwecklosigkeit und den Sinn der Kunst. Es gibt keinen Besseren!“

2017 eröffnete der 1954 in Fürth geborene Willi Reiche die „Kunstmaschinenhalle“ in Remagen als berückende Dauerausstellung für eine Vielzahl seiner Werke. Wie umfangreich sich sein Schaffen entwickelte, macht jetzt ein von Tania Beilfuß herausgegebener Katalog anschaulich, zu dem sie hervorragende Fotos und Texte beisteuert. Dem Katalog ist auch das Zitat von Moor entnommen. Kunsthistorikerin Dr. Helga Stoverock schrieb die gelungene Einführung. Es folgt die Hauptsache: eine chronologische Werkschau von 70 ideenreichen Maschinen, die aus einem verblüffenden Materialkosmos schöpfen. Keramische Isolatoren zählen dazu, metallene Flügelräder, hölzerne Backmodel und wuschelige Kunststoffbürsten aus der Autowaschanlage, um nur einige wenige zu nennen.


Wunderbare Nutzlosigkeit


Das Laufrad eines Kartoffelroders, Teile einer Gasleuchte und Eggenscheiben, fanden Eingang in „Hommage I“. Mit dieser seiner ersten Kunstmaschine verneigt sich Reiche vor dem großen Kinetikkünstler Jean Tinguely. Er hat ihn nie getroffen, ist aber mit seinem Werk vertraut. Das wird gleichfalls am sechs Meter hohen Räder-Turm „mon bijou en marchant“ deutlich. Versetzt man per pedes eine zugehörige Eisenwalze in Rundlauf, bewegen sich die Räder über Transmissionsriemen.

Reiche hat in Bonn Kunstgeschichte studiert, war dann acht Jahre lang Geschäftsführer eines Grafikbetriebs. In dieser Zeit, in den 1980ern, kreierte er auch Objekte aus Holz und Metall sowie stilisierte Metallfiguren. Nachdem er im Folgejahrzehnt skulpturale Möbelunikate schuf, widmet er sich seit Ende 1998 der kinetischen Kunst. Dem bedeutenden Meister Tinguely zollt er Respekt. Bei Reiche aber geht es weniger anarchisch und klapprig zu. Er setzt geschmeidigere Bewegungen in Gang, zielt auf eine andere, klarere Ästhetik.

Und was erreicht er mit seinen Maschinen, die das Prinzip Maschine, geschaffen um etwas Nützliches zu produzieren, ad absurdum führen? Für Reiche ist das leicht zu beantworten.

Als Begründung führt er etwa an, „den Menschen Freude bereiten“. Er löst Verblüffung und Entzücken aus, wenn Schneckenlüfter, Saugpropeller und ein ausschwenkender Kälbermilcherwärmer ein „Blaskonzert“ anstimmen. Staunend stehen Betrachter vor Spy ‚n‘ Spy, wo einerseits Hutformen ruckeln und rotieren, aber auch Schuhspanner wippend die Runde drehen. In seltenem Purismus entfaltet die Komposition „Bügelpallast“ ihren Reiz mit senkrecht angeordneten hin und her wedelnden goldschimmernden Mulden von Bügelmaschinen.


Zeitmaschine und Schirmakazie


Richtig, das Bruttosozialprodukt wird nicht gesteigert, weder durch die Schaum schlagende „Zeitmaschine“, noch per kinetischem Konstrukt des „Magic Mushroom“, das Sektkühler, Milchkanne, Nachttopf, Gemüsedämpfer, Schornsteinventilator und mehr zu einer Art silberfarbenem Pilzhut vereint noch durch die „Schirmakazie“, welche sich über zwei Ständerbohrmaschinen verzweigt zu Transmissionsrädern, verbunden durch breite lederne Transmissionsriemen und damit einer Baumkrone ähnelt.

Der Künstler erinnert jedoch wertschätzend an die einstige Funktion und gelungene Formgebung, die in den von ihm verwendeten Elementen industrieller oder handwerklicher Fertigung stecken. Bei vielen, die sich in seine unglaublichen Konstruktionen verlieben, schwingt ein Wiedererkennen mit. Ins Bewusstsein kommt, wie viele Dinge voller Ressourcen schon der „Wegwerfgesellschaft“ anheimgefallen sind und wie anrührend es ist, das Bekannte verwandelt zu erleben in überzeugender Handwerklichkeit, Schönheit, Verspieltheit und Witz.

Eine kurze Vita und ein mehrseitiges Glossar beschließen den Katalog (ISBN 978-3-00-068032-8) mit 164 Seiten, 135 Farbfotos, der auch über die Website des Künstlers http://kunstmaschinen.de/katalog/ zu bestellen ist. Besichtigungstermine Kunstmaschinenhalle unter Telefon 02 28-32 60 49 oder per E-Mail: info@kunstmaschinen.de.

HG

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Kommentare
Klaus Rinke:
Sehr guter erster Schritt für die Betroffenen.Und der Vorschreiben oben ......nur Rummotzen sonst nichts?Anstatt das zu Unterstützen erstmal nieder machen.Lachhaft so etwas.Es wird etwas Gutes Geschaffen und nur das zählt....
J.Thul:
Ich kann dem G. Friedrich zustimmen , das sind mehr Fertig- Garagen als was zum wohnen ! Da könnte man sich mehr einfallen Lassen ! Da wird man wirklich depressiv drin ! Ist ok für Bauarbeiter auf Großbaustelle in Afrika , aber nicht für die Senioren im Ahrtal..........
Manfred Jackl:
Was soll bitte der Negative Kommentar Hr/Fr Friedrich? Waren sie schon vor Ort und haben Sie es in Augenschein genommen? Anstatt dieses Engagement zu würdigen, fällt Ihnen nichts besseres ein, als es mies zu machen! Ich freue mich für die Senioren, dass diesen eine solche Möglichkeit geboten wird....
juergen mueller:
Ich bin auch dafür, dass unsere Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät, eine Vergangenheit u. deren Vergessen, an die wir wohl ein Leben lang immer wieder erinnert werden u. mit uns Generationen. Doch das sollte Grenzen haben, da es, wie andere Geschehnisse, zur deutschen Geschichte gehört, wie...
A.Hoffmann:
Ergreifende Bilder aber der Bildanzeige hätte man eine Funktion zum ausblenden hinzufügen müssen...
 
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