Entgegen Expertenmeinung: Das Aubachtal ist nahezu frei von Springkraut
Nach der Vernichtung halten Charolais Rinder den Status Quo bei
Ulrich Müller und Arno Kroll setzen sich mit viel Engagement für die heimische Natur ein
Neuwied/Aubachtal. Die Schlacht ist geschlagen. Vier Jahre dauerte der Kampf gegen die Invasoren. BLICK aktuell ist unterwegs mit Ulrich Müller. Er ist so etwas wie der Feldherr im Aubachtal. Mit starken Verbündeten und der richtigen Strategie ist es ihm gelungen, die Neophyten zu vernichten. Die Pflanzen sind besser bekannt als indisches Springkraut. Eigentlich ist es mit seinen rosafarbenen Blüten hübsch anzuschauen. Und lustig ist es auch. Wenn man auf die Samenschoten drückt, schießen die Körner explosionsartig in alle Richtungen. Naturliebhaber Ulrich Müller findet den Eindringling weder hübsch noch lustig. Denn die invasive Ausbreitung des Springkrauts in den Flusstälern bedroht die heimische Fauna und Flora. „Innerhalb eines Jahres wächst das Springkraut auf drei Meter Höhe und beschattet alles“, sagt Ulrich Müller. Wo es wächst, ist es mit der Artenvielfalt vorbei. Bei Ulrich Müller im Garten wächst auch Springkraut. Aber nur zu Versuchszwecken. Ganz genau beobachtet der Landwirt das Wachstum, die Blütezeit und die Keimfähigkeit des Samenkorns. „Ist der Samen weiß, besteht keine Gefahr für die Fortpflanzung“. Ulrich Müller hat in den letzten Jahren viele Schlachten geschlagen. Nicht nur im Aubachtal, sondern auch bei Ämtern und Behörden. Als sich Fachleute angesichts komplett in rosa gehüllter Täler schon geschlagen gaben, suchte sich der Oberbieberer Gleichgesinnte. Pragmatiker wie er, die nicht lange lamentieren, sondern das Problem bei der Wurzel packen. Mit Hilfe zahlreicher ehrenamtlicher Helfer, zum großen Teil aus dem Heimat- und Verschönerungsverein Oberbieber, aber auch mit Arbeitskräften und technischem Gerät vom eigenen Obstanbaubetrieb, rückte Ulrich Müller dem Springkraut zuleibe. Zunächst wurde es mit der Wurzel ausgerissen. Der Landwirt fand aber bald heraus, dass dies nicht nötig ist. Es reicht aus, das Springkraut mit der Motorsäge zu vernichten. „Es handelt sich um ein einjähriges Gewächs, das sich nur durch den Samen fortpflanzt, der im Boden überwintert“, so Ulrich Müller. Zum Beweis führt er ein Versuchsfeld in der Nähe des Reitplatzes. 2012 begann man hier, das Springkraut abzumähen. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Wenn Ulrich Müller über das Feld blickt, ist er ein glücklicher Mensch. Vergessen sind all die Widerstände, die Skeptiker die es zu überzeugen galt und die verhassten politischen Sonntagsreden. Darüber möchte er heute nicht mehr sprechen.
Lob aus dem Ministerium
Dafür hält er ein Schreiben aus dem Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten, in der Hand. Darin wird das Projektergebnis insbesondere im Hinblick auf die Naherholung aber auch das Landschaftsbild und die biologische Vielfalt, als beispielhaft bezeichnet. Zukunftsweisend sei, so das Ministerium, dass weder staatliche noch private Finanzmittel geflossen sind und alle Projektteilnehmer einen Nutzen aus der Beseitigung des Springkrauts ziehen konnten und können. Dadurch werde das Erreichte auch nachhaltig erhalten werden. Das Geld, das die öffentliche Hand sparte, nahmen andere sehr wohl in die Hand. Womit wir beim zweiten Teil der Erfolgsgeschichte wären. Enger Verbündeter von Ulrich Müller ist Arno Kroll. In den Kampf gegen das Springkraut hat der Landwirt im Nebenberuf eine vierbeinige Armee aufgestellt. Über fünfzig Charolais Rinder durchweiden das 12 Kilometer lange Aubachtal zwischen April und November. Beim Charolais Rind handelt es sich um eine Ammenkuh, die Arno Kroll wegen des Fleisches hält. Die Charolais Rinder lieben das Springkraut. „Vermutlich, weil es leicht süß ist“, vermutet der Landwirt. Er berichtet von den Anstrengungen der letzten Jahre und den tagtäglichen Bemühungen. Bevor die Rinder an die Front geschickt wurden, musste das Aubachtal am Flusslauf entbuscht werden. Altes Gehölz, ehemalige Zäune und umgestürzte Bäume mussten entfernt werden. Mehr als einmal gaben die Maschinen ihren Geist auf und mussten repariert werden. Das Entmulchen wurde ein ums andere Mal durch alten Stacheldrahtzaun erschwert. „Wir befinden uns auf fürstlichem Eigentum. Aber früher hatten viele Bauern hier ihre Weiden und bewirtschafteten die Wiesen“, erklärt Arno Kroll. Viele Landwirte haben in den letzten Jahren aufgehört, für alle anderen ist die Bewirtschaftung unwirtschaftlich geworden.
Idealist Kroll investiert Zeit und Geld
Nachdem Arno Kroll die Flächen bereinigt hatte, ergab sich ein neues Problem. Statt des Springkrauts breiteten sich die Brennnesseln aus. Die sind zwar heimisch, aber für die Artenvielfalt auch nicht besser. Arno Kroll säte also eine Wiesenmischung aus. Viel Auslauf, sattes Grün, ein Bach und schattige Plätzchen, die Rinder fühlen sich mittlerweile wohl. Damit sie dennoch nicht abhandenkommen, hat Arno Kroll Tausende kleiner Zaunpfähle gesetzt, verbunden mit einem Elektrozaun. Jeden Tag muss der Bonefelder nach dem Rechten schauen. Sind die Tiere gesund und vor allem, ist der Zaun noch einwandfrei oder durch einen umgestürzten Baum nutzlos geworden? Es gibt auch Glücksmomente. Etwa wenn eine Kuh über Nacht gekalbt hat. Ulrich Müller klopft seinem Mitstreiter auf die Schultern: „Was du an Geld und Zeit investierst, ist unglaublich“. Arno Kroll müsste das nicht tun. Seine Tiere könnten viel bequemer für ihn an anderen Stellen, näher um Hof, weiden. Der Westerwälder macht es aus Liebe zur Natur, aus reinem Idealismus. Der Ertrag, den er aus dem Holzverkauf durch die Entbuschung erhält, wiegt die Kosten und den Aufwand nicht mal annähernd auf. Wenn das Ministerium nun also hochlobend von Nachhaltigkeit bei der Springkrautbekämpfung spricht, kann davon nur so lange die Rede sein, wie es engagierte und naturverbundene Leute wie Ulrich Müller und Arno Kroll gibt. Die Schlacht ist zwar geschlagen. Vernichtet ist das indische Springkraut aber noch nicht und ohne Gegenwehr wird es sich irgendwann auch wieder ausbreiten. Im Aubachtal würde das rasend schnell gehen. Der Bach verteilt die Samenkörner innerhalb kürzester Zeit. -FF-
Die Rinder haben sich als fleißige Helfer erwiesen, sie fressen das Springkraut wegen der Süße gern.
Dieses Schild weist seit dem Wochenende hinter dem Stausee in Oberbieber auf das Projekt hin. Foto: privat
