Politik | 10.07.2015

Sparkassen - Vorstand im Interview mit BLICK aktuell

Niedrigzinsen: „Des einen Freud ist des anderen Leid“

„Bei den meisten Betrieben im Kreis läuft es rund“, sagt Dr. Hermann-Josef Richard

BLICK aktuell: Der Konsumklimaindex befindet sich auf hohem Niveau und die meisten Tarifabschlüsse sind über der Inflationsrate vereinbart. Wie schätzen Sie die aktuelle Wirtschaftslage ein? Hat die EZB die richtige Entscheidung getroffen?

Dr. Hermann-Josef Richard: Als ein der Realwirtschaft verbundenes Kreditinstitut, das Mittel für den heimischen Mittelstand, das Handwerk und die Menschen in der Region bereitstellt, finden wir es natürlich, für die Überlassung von Geld und Kapital auch einen Preis und damit einen Zins zu bezahlen. Deshalb halten wir grundsätzlich ein höheres Zinsniveau für normal und angemessen. Was die Konjunktur und die wirtschaftliche Situation in Deutschland, besonders auch im Kreis Neuwied betrifft, dürfen wir sicherlich von einer robusten Lage sprechen. Unsere Arbeitsmarktdaten befinden sich auf einem hohen Niveau, eine ähnliche Sprache spricht die Zahl der Beschäftigten. Dies bestätigt die hohe Zahl an Finanzierungsanfragen der gewerblichen Kunden und bereitgestellten Krediten in den letzten Jahren; auch aktuell ist kein Rückgang der Nachfrage zu verzeichnen. Mit Blick auf die Zukunft - unter Beibehaltung der aktuellen Gegebenheiten - besteht die Möglichkeit, dass es zu leichten Abschwächungen und einer nachlassenden Dynamik kommen kann.

BLICK aktuell: Kritiker sagen, die Niedrigzinspolitik sei eher eine Unterstützung eigenkapital- schwacher südeuropäischer Banken. Ebenfalls Profiteur sind die Staaten, die sich günstig refinanzieren können. Finanzminister Schäuble kann ja praktisch fast zu null Prozent Staatsanleihen herausgeben.

Dr. Hermann-Josef Richard: Gemessen an der Wirtschaftslage in Deutschland ist das Zinsniveau deutlich zu niedrig. In der Gesamtbetrachtung kann festgestellt werden, dass sich die EZB hinsichtlich ihrer Zinspolitik und ihrer sonstigen geldpolitischen Maßnahmen mehr an der Verschuldungssituation diverser Staaten der Euro-Gruppe als am Konjunkturzyklus ausrichtet. Das niedrige Zinsniveau begünstigt sicherlich Investitionen. Jedoch können wir keine Investitionsentscheidungen sehen, die einzig aufgrund der niedrigen Zinsen getroffen werden. Unternehmen investieren dann, wenn der Investition geschäftliches Potenzial gegenübersteht und nicht nur, wenn die Finanzierung günstig ist. Sicherlich profitiert die öffentliche Hand bzgl. des hohen Schuldenstandes ganz besonders vom „Nahezu-0-Prozent-Niveau“.

BLICK aktuell: Derzeit fließt viel Geld in den Immobilienmarkt. Aber im Vergleich zu den großen Städten steigen die Immobilienpreise in Neuwied nur moderat, in der ländlichen Region noch weniger. Überwiegt hier der demografische Effekt? Führen der Bevölkerungsrückgang und der Wegzug älterer Generationen in die Städte schon heute zu einem Überangebot?

Thomas Paffenholz: In das eben beschriebene breite Bild spielt noch ein weiterer Faktor hinein: Durch die Niedrigzinsen befindet sich quasi „zuviel Geld im System“, das Anlagen sucht. Diese Entwicklung beeinflusst die Preisentwicklung. Dies gilt natürlich auch für Immobilien und Aktien, die bevorzugte Sachwerte sind. Mittelzentren wie unsere Region verfügen über freie Flächen, beispielsweise für Neubaugebiete. Ballungsgebiete können diese Flächen hingegen kaum anbieten. Sie bieten also ein knappes Angebot. Wenn dann noch eine erhöhte Nachfrage dazukommt, z. B. weil das Ballungszentrum aufgrund attraktiver Arbeitsmarktbedingungen Zuzugsgebiet ist, führt dies ebenfalls zu deutlich steigenden Preisen. Für unsere Region steht es im Vordergrund, die Verkehrsinfrastruktur auszubauen und Pendlerströme zu fördern. Die demografische Entwicklung (wie z. B. in Teilen Ostdeutschlands) würde ich in unserer Region heute noch nicht als Triebfeder ansehen.

BLICK aktuell: Wann werden die Zinsen wieder steigen? Das von der EZB postulierte Inflationsziel von 2 Prozent liegt noch in weiter Ferne.

Thomas Paffenholz: Wir hoffen, dass in absehbarer Zeit etwas geschieht, können diese Entwicklung aber bisher noch nicht erkennen. Sollte sich etwas ändern, liegt der zeitliche Rahmen bei frühestens Ende 2016. Denn bis dahin läuft das Ankaufprogramm für Staatsanleihen der EZB noch. Vorher sind die Chancen für steigende Zinsen minimal. Für den Zeitraum 2017 prognostiziert die EZB eine Inflation von 1,8 Prozent, welche ihrem Zielwert von 2 Prozent recht nahe kommt.

BLICK aktuell: Was passiert, wenn entgegen aller Erwartungen das Wirtschaftswachstum stagniert oder sinkt? Für Konjunkturpakete sind die Staatshaushalte zu schwachbrüstig und die EZB hat ihr Pulver verschossen.

Dr. Hermann-Josef Richard: Eine stagnierende Wirtschaft oder ein nachhaltiger konjunktureller Abschwung sind mit Sicherheit gute Gründe, das Zinsniveau dauerhaft niedrig zu halten. Ob dann damit die EZB ihr „Pulver verschossen“ hat, wird die Zukunft zeigen.

BLICK aktuell: Welche Folgen haben die Niedrigzinsen auf die Spareinlagen und die Altersversorgung?

Thomas Paffenholz: Momentan entfällt aufgrund der Zinslage der Zinseszinseffekt nahezu vollständig. Das heißt, dass das gesparte Vermögen kaum anwächst. Ein Vermögenszuwachs durch Zinsen unterhalb der Inflation bedeutet den Verlust von Kaufkraft. Deshalb sollten die Geld-Anlagen neu strukturiert werden, um den Vermögenszuwachs durch Dividendenerträge und Kurswertsteigerungen zu unterstützen.

BLICK aktuell: Der Aktienmarkt ist nicht weit weg vom Allzeithoch, Rentenkurse und Immobilienfonds befinden sich auf Rekordniveau. Gold dümpelt vor sich hin. Wie lauten Ihre Anlageempfehlungen in diesem Umfeld?

Thomas Paffenholz: Mit unserer ganzheitlichen Beratung, die die Risikoneigung und den Anlagehorizont jedes Kunden ganz individuell berücksichtigt, teilen wir die Anlagesumme auf verschiedene Anlageklassen auf, wie z. B. Sparanlagen, festverzinsliche Anlagen, aber auch Dividendenwerte und Immobilien. Auch Rohstoffe können als weitere Beimischung zu einer breiten Streuung beitragen. Fondsprodukte sind besonders für laufende Sparleistungen über einen längeren Zeitraum geeignet. Gerade in schwankenden Märkten bieten sich hier Vorteile durch das Ausnutzen günstiger Einstiegskurse.

BLICK aktuell: Ein Blick in die Zukunft: Es mehren sich die Stimmen derer, die die Abschaffung von Bargeld fordern. Vordergründig dienlich der Verbrechensbekämpfung. Aber In Wahrheit können nur mit Abschaffung von Bargeld Negativzinsen durchgesetzt werden, um die Menschen zu mehr Konsum zu animieren. Ist eine Welt ohne Bargeld denkbar?

Dr. Hermann-Josef Richard: Dies ist ein sehr vielschichtiges Thema. Bargeld ist in Deutschland nach wie vor das beliebteste Zahlungsmittel und wird es auch noch lange Zeit bleiben. Momentan beobachten wir folgende Entwicklung: Zum einen nehmen spezialisierte Internet-Bezahlverfahren an Bedeutung zu. Andererseits haben sich mobile und kontaktlose Verfahren bisher noch nicht durchgesetzt. Langfristig könnte sich dieser Trend verändern. Ein weiterer Faktor, der - zu Unrecht - für Vorbehalte bei den Kunden sorgt: die Sicherheitsaspekte mobiler Bezahlverfahren. Hier liegt es an uns, die Sicherheitsbedenken auszuräumen.

Häuslebauer und Investoren freuen sich über die derzeit niedrigen Zinsen. Anders die Sparer, die ihre Einlagen kaum verzinst bekommen. Die private Altersvorsorge geht bei vielen nicht mehr auf. Der berühmte Zinseszins kann abgeschrieben werden. BLICK aktuell traf sich mit dem Vorstand der Sparkasse Neuwied, um die aktuelle Situation zu beleuchten. Denn auch die heimischen Banker treibt die Sorge um. Anders als Privatbanken, die im Investment - Bereich tätig sind, basiert das Geschäftsmodell der Genossenschaftsbanken und Sparkassen im Wesentlichen auf der Zinsdifferenz zwischen Kundeneinlagen und Krediten. Seit die EZB im September 2014 den Leitzins auf 0,05 Prozent reduzierte, ist diese Spanne immer kleiner geworden.

„Bei den meisten Betrieben im Kreis läuft es rund“, sagt Dr. Hermann-Josef Richard

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