Allgemeine Berichte | 10.06.2015

Neuester Unkeler Geschichtsbote wurde offiziell vorgestellt

Der Kulturkampf in Unkel

Mit Ratskrügen wiesen Mitglieder des Geschichtsvereins um Piet Bovy auf Kulturkampf-Querelen in Unkel hin. DL

Unkel. Bereits im November 2013 tobte nach über 140 Jahren in Unkel erneut der sogenannte Kulturkampf, führte der Geschichtsverein der Stadt doch unter dem Titel „Schockschwerenot, Herr Bürgermeister“ den Machtkampf zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat auf. „Auch die Ereignisse, um die es in unserem neusten Geschichtsboten geht, fallen in den Zeitraum zwischen 1870 und 1890“, erklärte der Vorsitzende des Vereins, Piet Bovy, den zahlreichen Gästen im Ratssaal bei der Vorstellung der 24. Ausgabe historischer Mitteilungen.

In dieser geht Stadtarchivar Wilfried Meitzner ausführlich auf den Kulturkampf ein und stellt den Schwiegersohn von Carl Loewe, Arthur von Bothwell, sowie Pfarrer Johannes Heinrich Stolten in Kurzbiografien vor. Ergänzt werden diese von Bovy durch die Kurzbiografie von Bürgermeister Oscar Theodor von Altrock sowie von Norbert Knoppik mit der von Landrat Justus von Runkel. Elsbeth und Piet Bovy berichteten zudem von der Entstehungsgeschichte des Theaterstücks, das komplett in dem Geschichtsboten abgedruckt ist, in dem Gisela Meitzner auch die Darsteller um Regisseurin Doris Fortuin vorstellt.

„Als das Theaterprojekt konkrete Formen annahm, stand für mich fest, dem interessierten Publikum eine verständliche Einführung in das Thema Kulturkampf zu geben“, erklärte Stadtarchivar Wilfried Meitzner. „In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts standen sich im Grunde unvereinbare Machtansprüche gegenüber: auf katholischer Seite die römische Kurie um Papst Pius IX. sowie die kirchlichen Würdenträger in Deutschland, und als Gegenpol der preußische Staat in der Person von Otto von Bismarck“, so Meitzner.

Staat stand gegen Kirche

Während die Kirche versucht habe, ihre in Jahrhunderten gefestigte Autonomie zu bewahren, die sie durch einen zunehmenden Liberalismus gefährdet sah, wollte der deutsche Reichskanzler Bismarck das 1870 entstandene Kaiserreich durch eine „Staatskirche“ absichern. Beim Ersten Vatikanischen Konzil erklärte sich der Papst für unfehlbar in „Religion und Sitten“, um der Kirche ihren Einfluss auf die Gläubigen in allen Lebensbereichen zu erhalten. In diesem Versuch, die päpstliche Autorität und Einflussnahme zu festigen, sah Bismarck einen Angriff auf den gerade entstandenen deutschen Nationalstaat, zu dem viele katholisch geprägte Regionen gehörten wie etwa das Rheinland. Entsprechend setzte Bismarck in den Jahren 1871 bis 1875 kirchenpolitische Gesetze durch, „die den Lebensnerv aller kirchlichen Organisationen empfindlich trafen“, so Meitzner. 1871 ließ der Reichskanzler die katholische Abteilung im preußischen Kultusministerium auflösen. Außerdem erließ er den „Kanzelparagraphen“, der Geistlichen Haft androhte, falls sie ihr Kirchenamt für politische Äußerungen missbrauchen sollten. 1872 erfolgte die Übernahme der alleinigen Schulaufsicht durch den Staat und das Verbot des Jesuitenordens. Mit den „Maigesetzen“ wurde 1873 die staatliche Abschlussprüfung für Geistliche eingeführt. Außerdem behielt sich der Staat ein Einspruchsrecht bei der Vergabe geistlicher Ämter vor. Ab 1874 war die Zivilehe zunächst in Preußen, ab 1875 im ganzen Reich rechtlich bindend. 1875 wurden schließlich alle geistlichen Orden und ordensähnlichen Gemeinschaften durch das „Kongregationsgesetz“ verboten. Mit dem „Brotkorbgesetz“ wurden zudem alle staatlichen finanziellen Zuwendungen an die katholische Kirche eingestellt.

Bevölkerung leistete Widerstand

„Es muss für Otto von Bismarck und die anderen Verantwortlichen in Berlin ernüchternd gewesen sein, dass der Widerstand eines Großteils der katholischen Bevölkerung und der kirchlichen Institutionen ab 1880 zu einer schrittweisen Rücknahme der meisten Kulturkampf-Gesetze geführt hat“, mutmaßte der Stadtarchivar. Bemerkenswert sei allerdings, wie der Politiker Bismarck das Thema fast geräuschlos und nahezu ohne Gesichtsverlust habe „beerdigen“ können. Gelungen sei ihm dies, indem er die Aufmerksamkeit vehement auf einen neuen Schauplatz gelenkt habe: Der erklärte Reichsfeind waren ab 1878 die Sozialisten.

Kleinkrieg vor Ort

„Während auf höherer Ebene so längst politisches Tauwetter herrschte, gingen vor Ort die Fingerhakeleien unvermindert weiter, wie hier in Unkel mit dem Kleinkrieg um die Zuständigkeit hinsichtlich der Beerdigungen auf dem Kirchhof zwischen Bürgermeister von Altrock und Pfarrer Stolten“, so Meitzner. Die Autorinnen des Theaterstücks hätten zwar aus Gründen der Dramaturgie die in die Amtszeit von zwei Bürgermeistern fallenden Ereignisse zeitlich und sachlich unter einer Amtsperson zusammengefasst. Andererseits hätten die Autoren des Geschichtsboten bei der Dokumentation der Ortsgeschichte sogar bisher unerschlossene Quellen ausgewertet, wie etwa die schwer entzifferbare Handschrift der Bürgermeisterchronik, um so die Lücken in der lokalen Geschichtsschreibung zu füllen, schloss der Stadtarchivar seinen Vortrag zum jüngsten Geschichtsboten, der wie die Ausgaben ab Nummer 15 bei Florian Schädlich, Frankfurter Straße 24, erworben werden kann.

Mit Ratskrügen wiesen Mitglieder des Geschichtsvereins um Piet Bovy auf Kulturkampf-Querelen in Unkel hin. Foto: DL

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