Mayener Platt online
Mayener Platt komplett im Internet entdecken und verstehen
aus Marburg
Das vollständige Mayener Wörterbuch mit 9613 Wörtern ist nun online zugänglich. Es bietet umfassende Einblicke in das alte Mayener Platt, seine sprachlichen Besonderheiten und historische Hintergründe. Mit Tonaufnahmen und Erläuterungen wird der Dialekt lebendig gehalten.
Mayen. Eine kleine Osterfreude gefällig? Mayener, die noch Platt können oder es kennenlernen wollen, können im großen, vollständigen Mayener Wörterbuch stöbern. 25 Jahre hat die Autorin, Gabriele Diederich-Schmidt, alles gesammelt, worin sich das alte, echte Mayener Platt von der hochdeutschen Schrift- und Standardsprache unterscheidet. 9613 Wörter sind es geworden. Frei zugänglich für jedermann im Internet zum Durchstöbern und Reinhören mit vielen Beispielen und original Mayener Redewendungen.
Gabriele Diederich-Schmidt: Das Mayener Wörterbuch. (https://mayener-woerterbuch.de/)
Bemerkenswert ist schon, welche Wörter das alte Mayener Platt nicht kennt: Der echte Mayener spricht nicht, schweigt auch nicht, arbeitet nicht, schimpft nicht, weint nicht, geht nicht im Wald spazieren, ist nicht klug, bekommt keine Schmerzen und keine Angst, streitet sich nicht, wird nicht wütend - e schwätzt oder schwätzt nét, és stöll oder hält de Maul, schafft, schännt, heult, pröllt, flózzt, knaatscht ón watzt, jaht én de Bösch, és jescheut, krischt Päin ón Schregge - tisbedeert ón zänkt sésch ón würd ròòsend. Was ist das eine herrliche und kräftige Ausdrucksvielfalt verglichen mit dem blassen Hochdeutsch. Andererseits fehlen bis heute Unterscheidungen, die sehr wohl nützlich sein können. Der Mayener kennt nur holen, aber nicht nehmen. Es wird ausschließlich geholt. Man holt dem Kind die Schere ab, holt jemandem die Zeitung fort. Man holt zwei Kilo ab (oder zu), holt ein Video auf, überholt ein Geschäft, holt den Einbrecher fest, holt sich nicht nur den Tod, sondern auch das Leben - und holt die Maul voll. Die Maul ist nicht identisch mit dem standardsprachlichen ‚das Maul‘, sondern es ist das normale Wort für ‚Mund‘. Dem echten Platt ist ‚Mund‘ fremd. Die Reaktionen auf die Aufforderung haal de Maul ‚halte den Mund‘ und haal et Maul ‚halte das Maul‘ fallen beim Mayener mit Sicherheit unterschiedlich aus.
Historische und sprachliche Besonderheiten des Mayener Platts im Überblick
Im Wörterbuch findet man nicht nur die Mayener Wörter, die vom Hochdeutschen abweichen und deren Bedeutung. Es enthält auch noch viele weitere spannende Informationen über die Sprache. So findet man zum Beispiel oft auch die Gründe dafür, weshalb im Platt ein anderer Artikel (der, die, das) als im Hochdeutschen verwendet wird: Wenn der alte Mayener zum Beispiel der Préll statt die Brille sagt, dann schimmert im Platt noch die Entstehung durch. Im Mittelalter wurden Sehhilfen aus dem Beryll, einem Halbedelstein, hergestellt. Überhaupt ist das Blättern im Mayener Wortschatz wie eine Fahrt durch die Geschichte. Wörter wie das alte hie für ‚er‘ verraten die Herkunft des Platt als Teil des Westgermanischen. Es ist eben kein Zufall, dass dieses Wort dieselbe Lautentwicklung wie das englische he durchlaufen hat, das heute ja ebenfalls hie ausgesprochen wird. Oder nehmen wir ‚gut‘, wo die englische Schreibung bis heute mit good an eine Aussprache erinnert, die mehr als eineinhalb Jahrtausende zurückreicht. Und der Mayener spricht in diesem Fall immer noch so wie die Engländer schreiben!
Auch alle späteren Zeiten haben ihre Spuren im Mayener Wortschatz hinterlassen. Mayen war Jahrhunderte lang Teil des römischen Reichs, wovon ursprünglich lateinische Wörter wie Fister ‚Fenster‘ (aus fenestra), Poort ‚Tor‘ (aus porta), Kabbes ‚Kohl‘ (aus caput ‚Kopf‘) oder Hospes, leicht abfällig für ‚Freund, Mann‘ (aus hospes ‚Gast‘), zeugen. Dass der Kontakt zwischen Römern und unseren Vorfahren (von beiden Seiten) nicht immer freundlich war, verraten Wörter wie Päin ‚Schmerzen‘, das auf lateinisch poena ‚Strafe, Rache, Bestrafung‘ zurückgeht oder Päärd ‚Pferd‘, das aus dem lateinischen Fünfsilber Paraveredus zusammengezogen wurde und ursprünglich ein Beipferd bzw. Ersatzpferd war, das von den Römern an langen Zügeln mitgeführt wurde, die sich beim Stehlen leicht durchschneiden ließen. Dass auch die Zeiten, als das linksrheinische Rheinland Teil Frankreichs war, nicht nur zu einer kulturellen Bereicherung führten (Paraplü ‚Regenschirm‘; esdemeere ‚hochschätzen, wertschätzen‘), lassen Wörter wie kuineere ‚quälen, drangsalieren, piesaken‘ oder das veraltete triwelleere [tribulieren] ‚zur Eile antreiben, zuviel kommandieren‘ erkennen.
Sprachliche Einflüsse und lebendige Dialektdokumentation
Aufschlussreich sind auch die Spuren, die das Jiddische und Hebräische im Mayener Platt hinterlassen haben: Bajes ‚kleines schäbiges Häuschen‘, Mackes ‚Kraft‘ (jiddisch ‚Hiebe‘), Zores ‚Gezänk‘ (jiddisch ‚Leiden, Plage‘) Dalles ‚Erkältung‘ (jiddisch ‚Armut, Elend‘) Massik ‚Idiot‘ (jiddisch ‚Dämon, Unhold‘). Bei manchen Wörtern weiß man nicht, ob man sich an der malerischen Wortherkunft erfreuen oder im wahrsten Sinne des Wortes angesichts der Erziehungsmethoden zusammenzucken soll. So ist die Klobbaatsch ursprünglich eine persische Karbatsche, ein Wort, das es über das Türkische und Ungarische bis nach Mayen geschafft hat und hier volksetymologisch zur ‚Klopfpeitsche‘ umgedeutet wurde und als Züchtigungsmittel für Kinder diente (eine alternative Bezeichnung war Faareschwanz).
Die jetzt zugängliche Internetversion des Mayener Wörterbuchs besteht aus drei Teilen. Den Hauptteil bildet das „Wörterbuch“, in dem die Autorin neben ihrer eigenen sehr umfangreichen Sammlung alles zusammengetragen hat, was an populärer und wissenschaftlicher Literatur zum Mayener Wortschatz erschienen ist oder sich in den ungedruckten Quellen des Geschichts- & Altertumsverein (GAV) findet. Eine alphabetisch geordnete Suchleiste ermöglicht es, durch den gesamten Wortschatz zu scrollen und sich stöbernd auf Entdeckungsreise zu begeben. Man darf sich dabei nicht daran stören, dass die Stichwörter eine verhochdeutschte Form der Plattwörter darstellen, wie es auch bei wissenschaftlichen Wörterbüchern üblich ist. Diese Methode wurde bereits vor ca. hundert Jahren für großlandschaftliche Wörterbücher wie das rheinische Wörterbuch entwickelt. Da praktisch jede Stadt, jedes Dorf eine etwas andere Aussprache hatte, macht es diese Methode möglich, den Wortschatz der verschiedenen Einzeldialekte auffindbar zu machen und zu vergleichen. Daher findet man Döppe unter Düppen, tisbedeere unter disputieren und Kromber ‚Kartoffel‘ unter Grundbirne und lernt so nebenbei, wie der Mayener Ausdruck entstanden ist. (Er wurde analog zum holländischen Erdapfel gebildet, als das damals neue Nahrungsmittel nach Europa kam).
Das Wörterbuch als lebendige Quelle mit Hörbeispielen für alle Nutzer
Die für den Mayener interessantesten Informationen bei jedem Wörterbucheintrag dürften neben der Aussprache natürlich die Bedeutungsangabe und die vielen schönen Beispiele sein. Bei disputieren / tisbedeere beispielsweise ‚sich streiten, zanken mit heftigen Wortwechsel‘ findet man die herrliche Redewendung ‚Se hann sesch schloonswäis tisbedeert, wörtlich ‚Sie haben sich schlagenderweise disputiert‘, also geprügelt. Eine Besonderheit der Internetausgabe ist, dass die Autorin die allermeisten Wörter und Beispiele eingesprochen hat. Mit einem Klick wird so der Dialekt auch für diejenigen, die ihn selbst nicht sprechen, lebendig. Die Tonaufnahmen dienen natürlich auch dazu, den Dialekt für künftige Generationen zu bewahren. Diesem Zweck dienen auch zusätzliche Angaben, die vornehmlich für die wissenschaftliche Dokumentation gebraucht werden: Die Beugungsformen (Mehrzahl, Verkleinerung, Steigerung, Zeitstufen …) und eine Notierung in der internationalen Lautschrift.
Ein weiterer Teil ist mit „Das Mayener Platt“ überschrieben. In zwanzig Kapiteln werden hier die Besonderheiten des Mayener Platts vorgestellt: Seine Einordnung in die deutsche Dialektlandschaft, warum es so anders klingt als andere Dialekte, sein Vokalreichtum, das rheinische „Singen“, das Weglassen, Hinzufügen und Verbinden von Lauten und Wörtern und die grammatischen Besonderheiten der verschiedenen Wortarten. Dieser Teil schließt mit zwei Kapiteln ab, die den Gebrauch des Wörterbuchs erläutern und knapp die bisher zum Mayener Dialekt vorhandene Literatur vorstellen.
Das Titelbild des Mayener Wörterbuchs ist ein Foto der Trümmerlok, mit der nach dem zweiten Weltkrieg der Bombenschutt aus Mayen weggeschafft wurde. Bevor sie eine Zeit lang als restauriertes Schmuckstück am Kriegerdenkmal gegenüber dem Brückentor zu sehen war, stand sie lange Jahre etwas ramponiert in der Polcher Straße im Bauhof des Elternhauses der Autorin und diente ihr und anderen als Spielgerät.
