Allgemeine Berichte | 25.05.2026, 16:00 Uhr

Roman und Zeitgeschichte vereint

Spannender Mayener Roman „Grauland“ beleuchtet Familiengeschichte und NS-Zeit

Wolfgang Kaes liest mit seiner Ehefrau aus seinem neuen Roman „Grauland“.
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Mayen. Eigentlich hatte er schon abgeschlossen. Mit der Schriftstellerei und den Krimis, für die er inzwischen bekannt war. Da berührte ihn beim Eintritt in den Ruhestand plötzlich wieder ein Cold Case. Uralt. Und aus der eigenen Familie. Sein Großvater war ermordet und auch begraben worden, bevor die Angehörigen etwas ahnten; sie erfuhren auch nie das Geringste über die Umstände. Ohne jede Hoffnung, diesen wohl auch politisch motivierten Fall aus der Zeit des Nationalsozialismus noch aufklären zu können, entwickelt Wolfgang Kaes aus dieser Tragödie doch noch einmal einen Roman.

Dass „Grauland“ ihm gleichermaßen zu einem höchst lesenswerten Familien-, Zeit- und Heimatporträt wie zu einer autobiographischen Reflexion geraten ist, spüren auch die Zuhörer sofort im vollbesetzten Sitzungssaal des Mayener Rathauses bei der Lesung, die die Buchhandlung Reuffel auf Initiative eines Mayener Bürgers veranstaltet hat. Diesem war wiederum auf Initiative des aus Mayen stammenden preisgekrönten Journalisten 2012 zu der schockierenden Gewissheit verholfen worden, dass seine 1996 angeblich freiwillig verschwundene ältere Schwester von ihrem Ehemann getötet worden war.

Lesung im Rathaus

Nach Grußwort von Oberbürgermeister Dirk Meid und kurzem Dank von Wolfgang Kaes lesen der Autor und seine Ehefrau nun in Wechselrede als die männlichen beziehungsweise weiblichen Stimmen und Erzähler drei der spannendsten und berührendsten Szenen aus dem Roman, der über drei Generationen und fast genau ein Jahrhundert hinweg in den Mitgliedern einer Mayener Familie die deutsche Geschichte spiegelt. Vom knapp und weltfremd gehaltenen Müllerskind Gertrud aus der tiefsten Vulkaneifel, das mit 17 heimlich mit dem Knecht zum Markt nach Mayen fährt, dort den charmanten Jean trifft und nachmittags pünktlich, aber inzwischen schwanger auf die Kutsche nach Hause steigt, über die Nachricht vom Tod des geliebten Ehemanns anlässlich einer Hausdurchsuchung durch die Gestapo bis zum gefährlich aufmüpfigen Auftreten Gertruds der Gestapo gegenüber, als diese Anfang Januar 1945 ihren älteren Sohn als Deserteur sucht, reicht der Bogen der Lesung. Sie bricht überraschend just da ab, wo allen Beteiligten im Buch (und den Zuhörern im Rathaussaal) sonnenklar ist, was Gertrud hier riskiert: demnächst unter der Folter im Keller des alten Arresthauses in der Stehbach so zu schreien, wie das damals Nachbarn und Passanten hören.

Aus dem tief bewegten Publikum kommt dann nur eine einzige Zuhörerfrage: wieso die schöne Eifel hier als „Grauland“ daherkommt. Der 1958 geborene Autor erklärt, dass dieses Wort völlig unreflektiert das allererste gewesen sei, was er entgegen all seiner langjährigen kreativen Gewohnheiten ohne vorherige Recherche spontan niedergeschrieben habe. Während er in Mayen durchaus eine „bunte und wilde“ Jugend in den 70er Jahren erlebt habe, seien die 60er für ihn immer grau eingefärbt, als habe seine Kindheit nur aus bleischweren und dunklen Sonntagnachmittagen der Besuche bei Verwandten bestanden. Insofern erschließt sich dem Leser nicht gleich, dass der Ronan auch als Liebeserklärung an die Heimat und vor allem ihre Menschen gedacht ist.

Im Anschluss an ein Heimspiel, „das mich viel nervöser gemacht hat als die Lesung kommende Woche in Berlin“, signiert Wolfgang Kaes persönlich unzählige Bücher für Zuhörer - und bedankt sich noch einmal für die Gelegenheit dazu. Nur eine inhabergeführte Buchhandlung wie Reuffel ermögliche, anders als ein gesichtsloser Online-Vertrieb, solche Abende und Begegnungen zwischen Publikum und Autor.

ML

Das Publikum im Mayener Rathaussaal ist von der Lesung angetan und sehr bewegt.

Das Publikum im Mayener Rathaussaal ist von der Lesung angetan und sehr bewegt. Foto: Michael Lohr

Aus einer Zuschauerfrage ergibt sich eine zusammenhängende Erläuterung zur Entstehung des Romans.

Aus einer Zuschauerfrage ergibt sich eine zusammenhängende Erläuterung zur Entstehung des Romans. Foto: Michael Lohr

Sein zunächst spontanes Vorgehen beim Schreiben von „Grauland“ hat den Autor selbst überrascht.

Sein zunächst spontanes Vorgehen beim Schreiben von „Grauland“ hat den Autor selbst überrascht. Foto: Michael Lohr

Wolfgang Kaes liest mit seiner Ehefrau aus seinem neuen Roman „Grauland“. Foto: Michael Lohr

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