Allgemeine Berichte | 18.11.2015

Volkstrauertag in Meckenheim

„Das Leid der Kriege weckt die Sehnsucht nach Frieden“

Bürgermeister Bert Spilles und Schüler gestalten Akt des Gedenkens

Bürgermeister Bert Spilles hielt eine bewegende und beeindruckende Rede.StF

Meckenheim. Zahlreiche, vor allem aber ältere Mitbürger, hatten sich am vergangenen Sonntag auf dem alten Friedhof an der Bonner Straße versammelt, um gemeinsam den Gefallenen und Opfern der zahlreichen Kriege zu gedenken. Gemeinsam mit Vertretern der Bundeswehr legte Bürgermeister Bert Spilles für die Stadt einen Kranz nieder. In seiner Rede ging Bert Spilles dann auf die Ursachen von Kriegen ein. Bert Spilles hierzu wörtlich: „Viele intelligente, auch weise Menschen haben dazu Stellung genommen. 1932 forderte das Comité permanent des Lettres et de Arts des Völkerbundes Albert Einstein auf, mit einer Person seiner Wahl in einen öffentlichen Meinungsaustausch über ein frei gewähltes Thema zu treten. Der Physiker entschied sich für das Thema Krieg und den Gesprächspartner Sigmund Freud. In seinem Schreiben stellte Einstein die zentrale Frage, ob und wie die Menschheit vom „Verhängnis des Krieges zu befreien“ sei. Die organisatorische Lösung des Problems sah er in einer „überstaatlichen Organisation“, die alle Konflikte zwischen den Staaten friedlich schlichten sollte.

Ursache ist das Machtbedürfnis der herrschenden Schicht

Für das Scheitern solcher Bemühungen machte er das „Machtbedürfnis der jeweils herrschenden Schicht eines Staates“ verantwortlich, die sich durch Kriege Vorteile verschaffen. Damit erkannte er einen eindeutig politisch-sozialen Grund für Krieg und Kriegsgeschrei. Weniger klar und darum erklärungsbedürftig war ihm, wie es dieser Schicht möglich sei, „die Masse des Volkes ihren Gelüsten dienstbar zu machen, die durch einen Krieg nur zu leiden und zu verlieren hat?“ Freuds Antwort war: Da die Menschheit in Führer und in Abhängige zerfalle, von denen die Letzteren die übergroße Mehrheit seien, bedürften sie einer Autorität, welche für sie Entscheidungen fällt, denen sie sich meist bedingungslos unterwerfen. Einsteins Überlegungen führten vom Politisch-Sozialen zur psychologischen Schlussfolgerung: „Im Menschen lebt ein Bedürfnis, zu hassen und zu vernichten.“ Seinem Briefpartner überließ er als abschließende Frage, ob es eine Möglichkeit gebe, „die psychische Entwicklung der Menschen so zu leiten, dass sie den Psychosen des Hasses und des Vernichtens gegenüber widerstandsfähiger werden?“ Freud analysiert die Interessen- und Meinungskonflikte der Menschen und kam zu dem Schluss: „Interessenkonflikte unter den Menschen werden also prinzipiell durch die Anwendung von Gewalt entschieden. […] Eine sichere Verhütung der Kriege ist nur möglich, wenn sich die Menschen zur Einsetzung einer Zentralgewalt einigen, welcher der Richtspruch in allen Interessenkonflikten übertragen wird. […]

Zentralgewalt zur Vermeidung von Kriegen

Der ideale Zustand wäre natürlich eine Gemeinschaft von Menschen, die ihr Triebleben der Diktatur der Vernunft unterworfen haben. Nichts anderes könnte eine so vollkommene und widerstandsfähige Einigung der Menschen hervorrufen, selbst unter Verzicht auf die Gefühlsbindungen zwischen ihnen.“ Zum Abschluss schrieb er: „Vielleicht ist es keine utopische Hoffnung, dass der Einfluss der beiden Momente, der kulturellen Einstellung und der berechtigten Angst vor den Wirkungen eines Zukunftskrieges, dem Kriegführen in absehbarer Zeit ein Ende setzen wird.“ 1933, als der Briefwechsel in kleiner Auflage erschien, standen mit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland die Zeichen wieder unverkennbar auf Krieg, der dann auch 1939 begann. Albert Einstein emigrierte 1933 nach Amerika, Sigmund Freud 1938 nach England. Was ist aus der von Freud geäußerten Hoffnung geworden? Meine Damen und Herren, am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg in Europa offiziell zu Ende – erst nach den Abwürfen der beiden Atombomben am 6. und 9. August 1945 am 15. August auch in Japan.

Das Kriegsbild ist vielfältiger geworden

Seit Kriegsende 1945 verging jedoch weltweit kein Tag ohne Krieg – seien es Unabhängigkeitskriege, Bürgerkriege, Volksaufstände und Revolutionen, Kriege zwischen Staaten, bewaffnete Konflikte, Gewalt von Terrorgruppen oder Religionskriege. Die Motive für gewaltsame Auseinandersetzungen reichen von Religion und Ideologie über Bereicherung bis hin zu persönlicher Profilierung. Und schließlich wird Krieg nicht nur von Regierungen geführt, sondern von Akteuren der verschiedensten Art: von Aufständischen, Rebellen, Kriegsherren, Drogenbaronen oder religiös Verblendeten wie gerade in Paris. Die von 195 Staaten unterzeichneten heute geltenden vier Genfer Abkommen von 1949 und die beiden Zusatzprotokolle von 1977 sind das Kernstück des humanitären Völkerrechts. Sie schützen Menschen vor Grausamkeit und Unmenschlichkeit in Kriegssituationen. So ist unter anderem festgelegt, dass es verboten sei, Waffen, Projektile und Material sowie Methoden einzusetzen, die eine überflüssige Zahl von Verletzten und unnötiges Leid verursachen. Welche Terrorgruppe hält sich daran? Auch ein Staat wie Syrien unterschrieb das Abkommen – das hindert Baschar al-Assad nicht daran, seine Bürger mit Fassbomben zu bombardieren! Welche Zahl von Verletzten ist angebracht? Wie viel Leid ist nötig?

Wir schaffen es nicht weltweit für Frieden zu sorgen

Der einzige Zustand, der ermöglicht, dass weder eine „überflüssige Zahl von Verletzten“ noch „unnötiges Leid“ verursacht wird, heißt Frieden – wir wissen es und schaffen es dennoch nicht, weltweit für Frieden zu sorgen. Freud schrieb an Einstein: „Warum empören wir uns so sehr gegen den Krieg, Sie und ich und so viele andere, warum nehmen wir ihn nicht hin wie eine andere der vielen Notlagen des Lebens? Er scheint doch naturgemäß, biologisch wohlbegründet, praktisch kaum vermeidbar? - Weil jeder Mensch ein Recht auf sein eigenes Leben hat, weil der Krieg hoffnungsvolle Menschenleben vernichtet, den einzelnen Menschen in Lagen bringt, die ihn entwürdigen, ihn zwingt, andere zu morden, was er nicht will, kostbare materielle Werte, Ergebnis von Menschenarbeit, zerstört und anderes mehr.“ Ein Rabbi fragte seine Schüler: „Wann beginnt der Tag?“ Etwas gequält schauten sich die Schüler an. „Na ja, wenn die Dunkelheit weicht, wenn die Sonne aufgeht, wenn der Mond verschwindet, wenn der Morgentau reift“. „Nein“, konterte der Rabbi, „der Tag fängt erst richtig an, wenn jeder in den Gesichtern seiner Mitmenschen Bruder und Schwester erkennt“. Das heißt für mich, wenn wir erkennen und verstehen, dass sie Menschen sind wie ich, kann, ja muss ich auf Gewalt verzichten, ich muss Krieg als Mittel der Politik ächten, Zivilcourage für Entrechtete entwickeln und Toleranz gegen das Fremde üben. Die einfache Antwort auf die schwierige Frage, wie ein Krieg vermieden werden kann, lautet also: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! – einfach, leicht zu fordern, aber anscheinend kaum zu realisieren. Wer der von Hass erfüllten Marschierer gegen Asylbewerber kommt diesem menschlichen Gebot nach, wie können wir deren Herzen öffnen? Einstein meinte: „Der Weg zur internationalen Sicherheit führt über den Verzicht der Staaten auf einen Teil ihrer Handlungsfreiheit bzw. Souveränität, und es dürfte unbezweifelbar sein, dass es einen anderen Weg zu dieser Sicherheit nicht gibt.“ Auf diesen Weg haben sich viele Staaten in Europa seit 1945 konsequent gemacht – sie gründeten den Europarat 1949, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1958, das Europaparlament 1979 und die Europäische Gemeinschaft 1992 sowie die Wirtschafts- und Währungsunion 1999.

Europäische Staaten verzichten auf einen Teil ihrer Souveränität

Noch liegt ein großes Stück Weg vor den europäischen Staaten, aber das bisherige Ergebnis ist ein Westeuropa ohne Krieg, das seinen Bewohnern ein Leben in Frieden und Freiheit ermöglicht. Die Europäische Union war nach 1989 für die meisten osteuropäischen Länder so attraktiv, dass sie den Beitritt anstrebten. Sie ist heute wegen des Lebens in Frieden und Freiheit und dem daraus resultierenden Wohlstand so anziehend, dass Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisenregionen zu Hunderttausenden kommen. Sie stellen uns vor große Probleme, sie bedeuten für die Europäische Union, für ihre Einheit, eine immense Kraftanstrengung. Aber wir werden diese Herausforderungen angehen und meistern ohne Gewalt, ohne Terror. Das ist beispielgebend und der einzige Weg in Frieden, ohne Krieg zu leben.

Die Erinnerung an das Leid der Kriege weckt die Sehnsucht nach Versöhnung und Frieden. Darin liegt neben dem Gedenken und Erinnern auch die aktuelle Bedeutung des Volkstrauertages 2015. Der Volkstrauertag ist ein Tag des stillen Gedenkens an alle Opfer von Krieg und Gewalt und zugleich ein Tag der Besinnung, wie wir heute auf Krieg, Gewalt und Terror reagieren, was wir heute für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit bei uns und in der Welt tun können. Wir alle geben zurzeit die Antwort in der Aufnahme der Flüchtlinge und der Sorge um ihr Wohlergehen. Damit tun wir mehr für den Frieden, als es jeder militärische Einsatz möglich macht. Und wir brauchen den Volkstrauertag, diesen Moment des Innehaltens, genauso wie wir Orte des Gedenkens brauchen, damit das, was geschehen ist, nicht verdrängt wird. Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Wir gedenkender Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde. Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft leisteten, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder ihrem Glauben festhielten. Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Opfer sinnloser Gewalt, die bei uns Schutz suchen. Wir trauern mit allen, die Leid tragen, um die Toten.“ Anschließend verlasen Schüler der Theodor-Heuss-Realschule Texte, welche sich ebenfalls mit dem Thema Krieg befassten. Die musikalische Umrahmung übernahm ein aus mehreren Chören zusammengestellter Chor und der Dank von Bert Spilles galt auch der Ehrenformation der Reservistenkameradschaft Meckenheim-Rheinbach-Swisttal.

Die Schüler der Theodor-Heuss-Realschule gestalteten den Gedenakt mit.

Die Schüler der Theodor-Heuss-Realschule gestalteten den Gedenakt mit.

Bürgermeister Bert Spilles hielt eine bewegende und beeindruckende Rede.Fotos: StF

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