Allgemeine Berichte | 24.04.2026, 08:48 Uhr

„Heimat?Land!“ #004: Das Secktürmchen in Bad Münstereifel

von Daniel Robbel

Das Secktürmchen inmitten der Altstadt von Bad Münstereifel. Foto: ROB

Wer Bad Münstereifel kennt, weiß es ganz genau: Dieses Städtchen ist ein echter Hingucker. Fachwerk, enge Gassen, die Erft, die sich wie geschniegelt durch die Altstadt schlängelt - ja, es ist schön hier.

Aber als wäre das nicht genug, gibt es da noch die liebenswertem Stadt-Geschichten, die sich hartnäckig halten. Eine davon führt zu einem kleinen, spitzen Bauwerk mitten in der Stadt: dem sogenannten Secktürmchen. Ein Name, der bereits ahnen lässt, dass es hier nicht nur um Architektur geht, sondern um… nun ja, menschliche Hinterlassenschaften. Wer sich mit rheinischer Mundart auskennt, kann mit dem Begriff „Seck“ etwas anfangen. Denn das Wort stammt von „Sick“, das ursprünglich von „seichen“ kommt - gemeint ist damit „harnen“ oder das „Pipi machen“.

Die Legende erzählt, dass Bad Münstereifel im Mittelalter einst ein Zentrum von Gerbern, Brauern und vor allem Wollwebern war. Dank der Erft gab es reichlich Wasser und das war unverzichtbar für diese Gewerke. Für die Verarbeitung der Wolle brauchte es auch angeblich Urin. Ja, richtig gelesen. Der darin enthaltene Ammoniak löste Häute ab, entfernte Haare und machte das Leder geschmeidig - so heißt es in der Überlieferung. Somit war Pipi ein wirklich wichtiger Rohstoff in einer prosperierenden Stadt. Schließlich soll sich die einstige Stadtverwaltung der Versorgung mit dem kostbaren Harn angenommen haben. Jedermann und jederfau soll aufgerufen worden sein,abzugeben, was der eigene Körper hergibt. Um die kollektive Urinabgabe der Stadt in kontrollierte Bahnen zu lenken, setzte man spezielle Bedienstete ein, die das Urin täglich einsammelten. Dafür gab es sogar einen Behälter, also eine Art Tank, der bis heute steht: Das „Secktürmchen“.

Oder etwa nicht? Nein, ganz und gar nicht. Denn die Geschichte des „Secktürmchens“ ist eine moderne Legende die sich schnell - viral sozusagen - verbreitete. Bei dem „Secktürmchen“ handelt es sich um den Lüftungsturm einer Mälzerei, und der wurde erst im Jahre 1905 errichtet und ist somit völlig unmittelalterlich. Die erfundene Story dazu begann am an einem Julitag 1988 mit der Radiosendung „Hallo Ü-Wagen“. Die Journalisten Carmen Thomas sendete die Show direkt aus Münstereifel, dass sich zu diesem Zeitpunkt schon „Bad“ nennen durfte. Der Übertragungswagen stand vor dem Gymnasium direkt gegenüber des Hauses mit dem „Secktürmchen“. Carmen Thomas wurde von einem pfiffigen Passanten mit Fantasie und Überzeugungskraft zugetragen, dass es sich bei dem Türmchen um einen angeblichen Urintank halte und schmückte dies mit den obenstehenden Hintergründen aus. Und so verbreitete die Moderatorin den Schwank weiter, als wäre es die Wahrheit. Die Geschichte machte weiter die Runde und fiel im wahrsten Sinne auf goldenen Boden. Denn es gab offensichtlich einen Nachhall. Sechs Jahre später veröffentliche Thomas das Buch „Urin - Ein ganz besonderer Saft“, mittlerweile ein Standardwerk zur Eigenharntherapie.

Als Resultat war das „Secktürmchen“ als Urinspeicher im kollektiven Bewusstsein verankert. Die Stadtverwaltung Bad Münstereifel nimmt dass Missverständnis relativ gelassen: „Dumm gelaufen“, sagt man sich dort. Aber man sei sich bewusst, dass die Legende „wirkträchtiger sind als manche Wahrheit“ und findet sich mit der Bezeichnung „Secktürmchen“ für den Lüftungsturm ab.

Dabei sind Turm und das dazugehörige Gebäude im Fachwerkstil auch ohne Legende sehr sehenswert und Zeugen der stolzen und langen Brauereikultur in Bad Münstereifel - vorbeikommen und hinschauen lohnt sich in jedem Fall!

Wo gehts hin: Wertherstraße 12, 53902 Bad Münstereifel

Wo muss ich hin: Von der B51 in Richtung Kölner Straße. Tipp: Am Friedhof parken! Dann des Rest zu Fuß in Richtung Altstadt.

Was nehme ich mit: Lust an guten Geschichten und Zeit für einen Bummel durch die traumhafte Altstadt.

Über „Heimat?Land!“

In der Kolumne „Heimat?Land!“ schreibt Daniel Robbel, BLICK aktuell-Journalist und prämierter Reisebuchautor (111 Orte im Ahrtal die man gesehen haben muss, 111 Orte im Westerwald die man gesehen haben muss, 111 Orte an der Sieg die man gesehen haben muss) über die schönsten Ecken in der Region, inklusive Mittelrhein, Ahrtal, Westerwald und Siegtal.

Autor Daniel Robbel. Foto: privat

Autor Daniel Robbel. Foto: privat

Das Secktürmchen inmitten der Altstadt von Bad Münstereifel. Foto: ROB

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis – inkl. E-Paper
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Sondermagazin Wohnträume
Wohnträume
Wohnträume Kreis Ahrweiler
Wohnträume AW
Wohnträume Kreis AW
Wohnträume AW
Empfohlene Artikel
Stay Tuned, v. l. n. r. Frank Lindenlauf, Thomas Schäfer, Olivia Seck, Felix Rieder und Nikolaus Sundhaußen
103

Neuwied-Gladbach. Wenn jugendliche Neugier auf langjährige Bühnenerfahrung trifft, entsteht eine besondere musikalische Mischung: Die Band Stay Tuned, mit Musikern aus dem Raum Koblenz, Neuwied und Westerwald, lädt am Samstag, 24. Oktober 2026, zu einem stimmungsvollen Konzertabend ins Gasthaus „Zum Annemie“ in Neuwied-Gladbach ein. Unter dem Motto „In the Mood für Pop, Soul und mehr“ präsentiert das Quintett ein abwechslungsreiches Programm voller musikalischer Überraschungen.

Weiterlesen

Alle Anwesenden freuen sich über das neue Tabaluga-Mobil, das der Bürgermeister der VG Linz Frank Becker als Träger angenommen hat.
74

Kreis Neuwied. Die Statistik wirkt auf den ersten Blick erschreckend: laut dem Statistischen Bundesamt verunglückten im Jahr 2025 bei Verkehrsunfällen rund 29 270 Kinder unter 15 Jahren. Damit kamen 7 % mehr Kinder zu Schaden als im Jahr 2024. Um dieser hohen Anzahl entgegenzuwirken, unterstützt die Aktion- Kinderunfallhilfe e.V. , Aktion TEILEn e.V. sowie die Peter Maffay Stiftung ein bundesweit einzigartiges Verkehrssicherheitsprojekt, das sogenannte Tabaluga-Mobil (ehemals Roter-Ritter-Mobil).

Weiterlesen

Weitere Artikel
Symbolbild. Foto: ROB
457

Die Beamten nahmen den Beteiligten die Autoschlüssel ab

28.09.: Nürburgring: Polizei zieht Poser und Raser aus dem Verkehr

Nürburg/Quiddelbach. Am Freitag wurde in Quiddelbach, Ortsdurchfahrt in Richtung Nürburg, eine Geschwindigkeitskontrolle durchgeführt. Im Zeitraum von 09.00-14.00 Uhr wurden 43 Verstöße festgestellt. Besonders negativ aufgefallen war ein Fahrer mit 81 km/h.

Weiterlesen