Palästinenser Situation
Fachtag zur Situation der Palästinenser im Westjordanland, Ost-Jerusalem und Deutschland
aus Bendorf
Neuwied. Das Echo auf die Einladung zu einem Fachtag über die Situation der Palästinenser im besetzten Westjordanland übertraf alle Erwartungen: Rund 40 Interessierte kamen im Gemeindehaus der evangelischen Kirche in Engers zusammen. Dazu eingeladen hatte der Arbeitskreis Palästina der Lokalen Agenda 21 für Stadt und Landkreis Neuwied.
Per Video zugeschaltet war die evangelische Pastorin Sally Azar aus Bethlehem. In ihrem Erfahrungsbericht schilderte sie die zunehmenden Übergriffe extremistischer jüdischer Siedler und das ständige Gefühl der Bedrohung, etwa wenn eine Waffe auf sie gerichtet wird. In Jerusalem wage sie es nicht mehr, mit einem sichtbaren christlichen Kreuz durch jüdische Viertel zu gehen. Zwar verstehe sie jedes Gemeindemitglied, das das Land verlässt, doch treibe sie zugleich eine drängende Frage um: „Wer soll hier vor Ort die Geschichte Jesu erzählen, wenn wir Christen nicht mehr da sind?“ Das Verhältnis zur muslimischen Bevölkerung beschrieb Azar als gewachsene Nachbarschaft. Christen und Muslime in Palästina verstünden sich in erster Linie als Palästinenserinnen und Palästinenser, die eine gemeinsame Geschichte teilen und vor denselben Problemen stehen. Auf die Frage nach ihren Erwartungen an das Ausland formulierte sie vor allem den Wunsch nach Vertrauen. Es habe enorm viel Kraft gekostet, jahrelang ungehört zu bleiben. Schließlich verweise man schon lange darauf, dass die israelische Regierung die Palästinenser vertreiben wolle – wahrgenommen worden sei dies in der Weltöffentlichkeit jedoch erst, als Ausländer darüber berichteten.
Der Bauingenieur und Dichter Khaled Shomali, der seit über 30 Jahren in Deutschland lebt, brachte die Perspektive der Deutsch-Palästinenser ein. Dass nach dem schrecklichen Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 in Deutschland die israelische Flagge gehisst wurde, sei verständlich gewesen. Dass sie jedoch auch dann noch hängen blieb, als in Gaza schwerste Kriegsverbrechen begangen wurden – die selbst von Amnesty International als Völkermord eingestuft werden –, bleibe für ihn unbegreiflich. Für Palästinenser in Deutschland sei es schmerzhaft, wenn schon das Tragen der Palästina-Flagge unter Antisemitismusverdacht gestellt werde. Shomali bekräftigte die Einschätzung des Menschenrechtskommissars des Europarats: Legitime Kritik an der israelischen Regierung werde in Deutschland häufig zu pauschal als Antisemitismus eingestuft und unterdrückt. Als Beispiele nannte er das Verbot des Berliner Palästina-Kongresses 2024, das von einem Gericht als rechtswidrig eingestuft wurde, sowie die Absage von Ehrungen für verdiente Künstler und Wissenschaftler oder jüngste Verbote von Veranstaltungen wie dem palästinensischen Kulturtag in Köln. All dies vermittle gut integrierten Deutsch-Palästinensern das Gefühl der Heimatlosigkeit.
Dies unterstrich seine Ehefrau Eman Abusaada, Lehrbeauftragte an der Hochschule für Soziale Arbeit in Köln und an der Universität Bethlehem, in einer der vier Gesprächsrunden am Nachmittag. Die seit über 20 Jahren in Deutschland lebende Familie (2 in Dtl geborene Kinder) würden sich in erster Linie als Deutsche fühlen - mit palästinensischer Herkunft. Seit dem 7.Oktober sei das Gefühl der Zugehörigkeit jedoch beschädigt, die Herkunft müsse immer wieder erklärt und gerechtfertigt werden. Die Trauer, der Schmerz, das Entsetzen, die Wut über das, was im Herkunftsland passiere, sei immer politisch und werde von anderen relativiert oder gar ausgeblendet. Sie plädierte eindringlich, dass der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ für jeden gelte: für jüdische, für israelische, für palästinensische! Kritik an der israelischen Regierung sei nicht automatisch ein Angriff auf jüdische Menschen.
In einem weiteren Workshop beleuchtete der deutsch-israelische Psychotherapeut Avi Applestein aus Köln die Friedenskraft der jüdischen Religion bei einer talmudischen Lebensweise. Als Kind von Holocaust-Überlebenden habe er von seinen Eltern den Impuls mitbekommen, sich stets gegen Ungerechtigkeit aufzulehnen. Die Torah und der Talmud mahnen, allen Bewohnern des Landes die Freiheit zu verkünden – ein Gebot, das extremistische Siedler täglich brächen. Applestein wies jedoch auch auf Strömungen innerhalb der jüngeren Generation in der Siedlerbewegung hin, die sich dieser Unterdrückung widersetzen. Diese kritischen Gläubigen betonten, dass niemand das Land allein besitzen könne: „Uns gehört nicht das Land – wir alle gehören ohne Ausnahme zu diesem Land und haben als Menschen die gleichen Rechte.“ Anhand von Videodokumenten zeigte Applestein, wie sich junge kritische Siedler gegen die eigenen Leute stellen, um Palästinenser vor Übergriffen zu schützen. Einer von ihnen sagte: „Das erste arabische Wort, das ich gelernt habe, bedeutet: ‚Ich entschuldige mich.‘“
Dorothee Schaper (Pfr.i.R) erzählte beeindruckend von ihrem 3 monatigen Einsatz Anfang in Palästina diesen Jahres, der über EAPPI, dem internationalen ‚ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel‘, organisiert war. Zu ihren Aufgaben gehörte vor allem die Dokumentation des Alltags von Palästinenser*Innen unter der Besatzung im Westjordanland und Ost-Jerusalem. Karin Laier, pax christi und EAPPI-Mitorganisatoren in Deutschland, berichtete, dass die Freiwilligen nur noch anonym ihren Dienst an den Checkpoints versehen würden, um die Gefahr für die dort lebende Bevölkerung nicht noch zusätzlich zu verschärfen. Zuvor waren sie durch das Tragen von EAPPI-Westen gut erkennbar gewesen. Schaper wies darauf hin, wie wichtig es sei, einen Raum zu schaffen für die Geschichte derer, die die Idee der Gerechtigkeit nicht aufgeben. Aus den Erzählungen einer über 100jährigen Palästinenserin hätte Schaper viel über das Alltagsleben und dem, was die Frau seit der Vertreibung 1948 erlebt hätte, erfahren.
Die vierte Gesprächsrunde informierte über die kooperative kommunale Zusammenarbeit zwischen Neuwied und Surif. Ralf Seemann, Beigeordneter der Stadt Neuwied, Mitglied von Bündnis 90/die Grünen und Vorsitzender des Deutsch-Israelischen Freundeskreises (DIF), berichtete von den Projekten, die die Stadt auf Inititive des AK Palästina in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammen und Entwicklung (BMZ) in Surif auf den Weg gebracht habe: die Einrichtung eines Ersthilfezentrums, die Corona-Sofortmaßnahmen und die Ausstattung eines Spielplatzes mit behindertengerechten Spielgeräten. Aktuell werde die Renovierung einer 700m langen Wasserleitung finanziell unterstützt. Weitere Projektanträge seien in Vorbereitung. Eine offizielle Städtepartnerschaft werde nicht ausgeschlossen.
Martina Keiling vom AK Palästina bedankte sich am Ende herzlich bei allen Referenten und Teilnehmern für die erhellenden Informationen und das ehrliche Interesse an dem Thema. Es habe sich deutlich gezeigt, wie wichtig es sei, dass wir uns für das Recht aller Völker menschenwürdig zu leben, einsetzen. Die Kraft dafür einzutreten, durchzuhalten und weiterzumachen, die Hoffnung und Zuversicht nicht zu verlieren, bekommen wir aus dem Gefühl des Nicht-ausgeliefert-Seins , sondern Handelnde zu sein. Dazu habe uns Klaled Shomali in seinen auf arabisch und deutsch vorgetragenen Gedichten in der Mittagspause durch die Schönheit der Sprache ermuntert.
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Khaled Shomali berichtet über die Situation der Palästinenser in Deutschland Foto: Josef Freise
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