Politik | 04.04.2016

Spitzenpolitiker und Wegbegleiter würdigen einen unvergesslichen Politiker und Menschen

Ein großer Deutscher und überzeugter Europäer, der Geschichte geschrieben hat

Der frühere Bundesaußenminister und Vizekanzler starb mit 89 Jahren in seinem Haus in Pech

Hans-Dietrich Genscher †Jost

Wartberg-Pech. Der frühere Bundesaußenminister und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher ist tot. Der Freidemokrat erlag in der Nacht zum Freitag im Alter von 89 Jahren einem Herz-Kreislauf-Versagen, das teilte sein persönliches Büro mit. Seine Familie sei bei ihm gewesen, als er in seinem Haus in Pech in der Gemeinde Wachtberg, deren Ehrenbürger er war, starb. Zahlreiche Spitzenpolitiker und Wegbegleiter würdigten Genscher als großen Deutschen und Europäer, der Geschichte geschrieben habe.

Eine bleibende Erinnerung für die meisten Deutschen ist der Moment, als Genscher im September 1989 den DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft die Nachricht überbrachte, dass sie in die Bundesrepublik ausreisen dürfen. In Genschers 18-jährige Amtszeit als Außenminister unter drei Bundeskanzlern fielen unter anderem der Fall der Mauer, die Zwei-plus-Vier-Gespräche, der deutsch-polnische Grenzvertrag sowie der deutsch-sowjetische Kooperationsvertrag. Genscher setzte sich während des Kalten Krieges für die Annäherung von Ost und West durch die Entspannungspolitik ein. Unvergessen bleibt auch sein selbstloses Angebot, sich beim Olympiaattentat 1972 in München im Austausch gegen die israelischen als Geiseln zur Verfügung zu stellen.

Großer Beitrag zur Vereinigung Deutschlands

Bundespräsident Joachim Gauck hob Genschers „großen Beitrag zur Vereinigung Deutschlands in Freiheit und Frieden“ hervor. Beharrlich, allgegenwärtig und „mit feinem Gespür für historische Momente“ habe Genscher das friedliche Zusammenwachsen Deutschlands und Europas vorangetrieben, schrieb Gauck in einem Kondolenzbrief an Genschers Witwe Barbara. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte Genscher als weltweit geachteten Staatsmann, der für Deutschland Vertrauen erworben habe. Sein Lebenswerk habe zwei Zielen gegolten, dem europäischen Entspannungsprozess und der deutschen Wiedervereinigung. Sie verneige sich „vor der Lebensleistung dieses großen liberalen Patrioten und Europäers“, so die Kanzlerin.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erklärte in Brüssel, Genscher werde Europa fehlen: „Er hatte sein ganzes unermüdliches politisches Wirken der Versöhnung, der Einigung und dem Wohlergehen dieses Kontinents verschrieben.“ Polens Außenminister Witold Waszczykowski würdigte Genscher als „Architekten des Wandels, dem wir das Ende des Kalten Krieges auf unserem Kontinent verdanken“.

Einer der großen Akteure der Wiedervereinigung

Der Tod Genschers hat auch international Trauer ausgelöst. Genscher habe sich trotz Kritik als einer der ersten westlichen Politiker dafür eingesetzt, die Perestroika in der Sowjetunion ernstzunehmen, erklärte der letzte sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow. Die Geschichte habe ihm Recht gegeben. „All die letzten Jahre war Hans-Dietrich ein wahrer Freund für mich.“ In einer Mitteilung von Frankreichs Außenminister Jean-Marc Ayrault hieß es: „Er war einer der großen Akteure der Wiedervereinigung, der mit seinen politischen und menschlichen Qualitäten diese bedeutende Phase der europäischen Geschichte geprägt hat.“ Genscher sei „überzeugter Europäer“ gewesen. „Meine Heimat ist Halle, Zuhause bin ich in Pech“. Unzählige Male hat Hans-Dietrich Genscher das wiederholt, den er fühlt sich den Menschen im Drachenfelser Ländchen verbunden. Das beruhte auf Gegenseitigkeit, denn er zeigte sich oft auf kulturellen Veranstaltungen und unterstützte so manche gute Initiative. Vor dem Wachtberger Rathaus weht „aus Respekt vor Genschers Lebensleistung und seiner langjährigen engen Verbundenheit mit der Gemeinde“ die Trauerbeflaggung. Bürgermeisterin Renate Offergeld hatte dem wohl bekanntesten Wachtberger erst im Oktober 2015 bei einem Festakt die Ehrenbürgerschaft verliehen und ihm noch vor wenigen Tagen persönlich zum 89. Geburtstag gratuliert.

Genscher hatte auch heute noch viel zu sagen.

So liegt im Berkumer Rathaus auch ein Kondolenzbuch aus, das sich bestimmt schnell füllen wird. Vize-Bürgermeister Oliver Henkel (Grüne) kommentierte den Tod des Freidemokraten so: „Ein Mann, dessen Verdienste nicht ausschließlich in der Vergangenheit liegen – er hatte auch heute noch viel zu sagen.“ Beim Ehrenbürger-Festakt habe er gezeigt, warum man großen Respekt vor dem Politiker und noch viel größeren Respekt vor dem Menschen Hans-Dietrich Genscher haben musste. „Es gibt Persönlichkeiten, die hinterlassen Lücken, die sich einfach nicht schließen lassen. Er gehört dazu.“

„Wir verlieren einen großartigen Menschen, dem unser Land sehr viel zu verdanken hat. Als Innen- und Außenminister hat Hans-Dietrich Genscher die deutsche Nachkriegsgeschichte geprägt wie kaum ein anderer. Das Ende des Kalten Krieges in Europa und die Verhandlungen zur Deutschen Einheit sind untrennbar mit seinem Namen verbunden“, so Landrat Sebastian Schuster (CDU). Neben den historischen Verdiensten Genschers würdigt der Rhein-Sieg-Kreis ihn auch als Nachbarn. „Hans-Dietrich Genscher war nicht nur auf der großen Bühne zu Hause, ihm lagen auch die Belange seiner Gemeinde und seines Kreises am Herzen.“

Ein besonderer Mensch und ein engagierter Vordenker

„Wir trauern um einen einzigartigen Liberalen und wundervollen Menschen aus unserer Mitte“, erklärte Helga Frohberg, die Vorsitzende der Wachtberger FDP. Noch vergangene Woche hatten eine Delegation ihm zum Geburtstag Glückwünsche überbracht. „Er war etwas geschwächt, aber voller Zuversicht und hat er uns wieder seine Unterstützung für unser Sommerfest zugesichert. Er fühlte sich als Wachtberger und war immer für unseren Ortsverband da“, so Frohberg.

Das Ansehen Wachtbergs gefördert

„Als unsere Mitbürger hat er mit seiner weltweiten Popularität und der großen Anerkennung, die ihm national sowie international politisch und menschlich entgegengebracht wird, das Ansehen und die Bekanntheit Wachtbergs gefördert und entscheidend mitgeprägt. Nicht zuletzt auch durch seine Gastfreundschaft in seinem Zuhause in Wachtberg-Pech und sein Engagement innerhalb der Gemeinde Wachtberg.“ Mit diesen Worten hatte Bürgermeisterin Renate Offergeld Genscher erst vor einem halben Jahr zum Ehrenbürger der Gemeinde Wachtberg ernannt. Tosender Applaus in der randvollen Aula des Schulzentrums Berkum unterstrich nachhaltig die Beliebtheit und Anerkennung, die der langjährige Bundesaußenminister im Drachenfelser Ländchen genoss. Jahrzehntelang war Genscher seinem Zuhause in Pech eng verbunden, das er und seine Familie 1977 bezogen. 1950 war er erstmalig ins Drachenfelser Ländchen gekommen und das Ortsschild mit dem doch recht speziellen Namen hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. „Hier möchte ich einmal wohnen“, hatte er damals schon gesagt.

Altbürgermeister Hans-Jürgen Döring rechnete es Genscher hoch an, dass der sich bei aller weltpolitischer Eingespanntheit immer wieder in das kleine Gemeinwesen von Wachtberg eingebracht habe. „Genscher war stets dabei, wenn es galt, Zeugnis für Wachtberg abzulegen und wirkte bei zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen der Gemeinde mit.“ Er habe auch im hohen Alter eine erstaunliche Präsenz bei örtlichen Terminen in seinem Wohnort Pech gezeigt – immer unterstützt von seiner Ehefrau Barbara.

Dreiklang zwischen Freiheit, Demokratie und Recht

Genscher fühlte sich wohl in der herrlichen Umgebung und in einer derart lebendigen Gemeinde, „da kann man glücklich und stolz sein, hier zu Hause sein zu dürfen“, sagte er damals in seiner Dankesrede. „Es wird uns in Deutschland niemals auf Dauer gut gehen, wenn es unsere Nachbarn auf Dauer schlecht geht – und in der heutigen Zeit ist jedes Land in der Welt unser Nachbar.“ Ganz erfahrener Staatsmann, plädierte er dafür, den Frieden in Europa zu erhalten und mehr Frieden auf der ganzen Welt zu ermöglichen. Dabei trage besonders Deutschland angesichts seiner Geschichte eine besondere Verantwortung und solle sich stets bemühen, ein gutes Beispiel zu geben.

Mit dem Freiheiter-Preis geehrt

Seine letzte Ehrung kann Genscher nun doch nicht mehr persönlich entgegennehmen, wie er eigentlich vorgehabt hatte. Beim Festabend zur Verleihung des ersten Ahrweiler Freiheiter-Preises am 5. März fehlte er bereits krankheitsbedingt. Der Freidemokrat mit dem legendären gelben Pullunder habe die aktive Entspannungspolitik zwischen Ost und West ab Mitte der 1980er Jahre entscheidend geprägt und in deren Folge auch großen Anteil an der europäischen Einigung und am Gelingen der deutschen Wiedervereinigung, so die Begründung der Jury. Seine berühmte Rede vom Balkon der Prager Botschaft am Abend des 30. September 1989 habe den ersten DDR-Bürgern die Ausreise in die BRD ermöglicht, Ziel der ersten Züge mit tausenden DDR-Flüchtlingen war damals Bad Neuenahr-Ahrweiler. Außerdem hatte sich Genscher 1972 als Bundesinnenminister beim Attentat auf die Olympischen Spiele in München zum Austausch für die Geiseln angeboten, „selbstloser kann man nicht handeln“, so der Schirmherr der Veranstaltung, der ehemalige Verfassungsrichter Professor Dr. Paul Kirchhof. JOST

Hans-Dietrich Genscher †Foto: Jost Foto: Volker Jost

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