Gedenken an die Reichspogromnacht in Rheinbach
Intensives Erinnern geht unter die Haut
Gut 150 Personen nahmen an der Ökumenischen Andacht und am Schweigemarsch teil
Rheinbach. Intensives Erinnern geht unter die Haut. Das stellten gut 150 Rheinbacher fest, die am Samstagabend an der alljährlichen Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht teilnahmen. Die stand wie gewohnt unter dem Leitwort „Erinnern - Gedenken - Mahnen“, hatte aber einige Neuerungen aufzuweisen. Den Auftakt machte erstmals eine ökumenische Andacht in der Evangelischen Gnadenkirche, bei der Pfarrer Dr. Dietmar Römheld gemeinsam mit Organisator Willi Oberheiden die richtigen Worte für das Erinnern an unfassbare Gewalttaten fand. Die in Scherbenhaufen stehenden Kerzen erinnerten dabei daran, dass die Pogromnacht lange Zeit als „Kristallnacht“ galt wegen der zahlreichen zu Bruch gegangenen Scheiben.
Peter Mohr erinnerte an die Opfer
Es schloss sich ein Schweigegang an, der zunächst zum Jüdischen Friedhof und von dort zum Rathaus führte. Unterwegs erinnerte Peter Mohr an denjenigen Häusern, in denen jüdische Mitbürger vor ihrer Deportation in der Zeit des Nationalsozialismus zuletzt gelebt hatten, in eindringlichen Worten an ihr bestürzendes Schicksal. Die beiden Organisatoren dieser Gedenkveranstaltung, Peter Schürkes und Willi Oberheiden, die seit dem Irakkrieg 1992/93 auf Gewalt und Völkermord hinweisen, sind zwar selbst keine direkt Betroffenen dieses schwarzen Abschnitts der deutschen Geschichte. Dennoch wollen sie auch weiterhin das Bewusstsein für Recht und Unrecht wach halten. Mit dem seit der ersten Mahnwache unveränderten Transparent „Erinnern, Gedenken, Mahnen - Reichskristallnacht 9. November 1938“ setzten sie sich an die Spitze des Zuges, dem sich neben Bürgermeister Stefan Raetz auch zahlreiche Vertreter fast aller im Stadtrat vertretenen Fraktionen anschlossen.
Raetz hielt am ehemaligen Standort der Rheinbacher Synagoge in der Schweigelstraße eine betroffen machende Ansprache. Er erinnerte an die Schrecken des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte und das unbeschreibliche Leid, dass über Jüdinnen und Juden in Deutschland, Europa und der Welt gebracht wurde. Dabei seien es gerade persönliche Schicksale und Biographien, die die Menschen berührten, ihnen auch nach Jahrzehnten noch die schrecklichen Ereignisse vor Augen führten und die dem Schrecken Gesichter und Namen gäben.
Erinnern als Aufgabe für die Zukunft
Umso wichtiger sei es, dass Deutschland nach 1945 zunächst im Grunde viel zu zögerlich, aber nach der Wiedervereinigung 1990 dann endlich gemeinsam in ganz Deutschland die Erinnerung an das Geschehene als Aufgabe für die Zukunft angenommen habe. „Nur wer weiß, wozu Menschen fähig sind, wer weiß, was geschehen kann, der ist auch in der Lage, den großen Wert von Frieden, Freiheit und Demokratie zu würdigen“, sagte Raetz.
Es ist unerlässlich, dass die junge Generation sich mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. „Denn sie bildet die Gesellschaft in der Zukunft, trägt dieses Wissen weiter.“ Aber es gebe noch viel zu tun, insbesondere im Hinblick auf die junge Generation. Denn sie wachse in einer Zeit auf, in der die Zeitzeugen allmählich verstummten. Vergessen oder Verdrängen von Geschichte, wenn es eines Tages keine Überlebenden mehr gebe, die persönlich Zeugnis ablegen könnten, dürfe man aber nicht zulassen. „Das ist die Aufgabe unserer Generation, wenn ich über mich und die etwa Gleichaltrigen spreche.“? Unverzichtbar sei deshalb die differenzierte Vermittlung von Geschichte auch an außerschulischen Lernorten wie Gedenkstätten, die Arbeit mit Schulklassen, die offene Diskussion ebenso wie die Förderung bürgerschaftlichen Engagements. Es gehe dabei nicht allein um die Vermittlung von Geschichte, sondern auch von grundlegenden Werten für den Alltag. „Sie ist sozusagen Teil der Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland. Es gilt, alle ermordeten jüdischen Männer, Frauen und Kinder dem Vergessen zu entreißen“, rief der Bürgermeister. Jeder einzelne sei dafür verantwortlich, dass sich so etwas nicht wiederholen könne, dass Ausgrenzung, Intoleranz, Antisemitismus und Gewalt Andersdenkenden gegenüber keine Chance hätten.
