„Sind die Warnstreiks bei der Bahn noch verhältnismäßig?“ in BLICK aktuell 47/23
„Warum wird das zulasten des kleinen Mannes ausgefochten?“
Ich sehe die ständigen Streiks mit sehr gemischten Gefühlen.
Ich bin ein Pendler, der auf die Regiostrecke von Linz am Rhein bis nach Köln angewiesen ist. Ich habe mich für die Bahn aus Zeit- und Klimagründen entschieden. Auf dieser Linie fahren sehr viele Pendler, die kein Auto als Alternative zur Verfügung haben.
Welcher Arbeitgeber ist über Jahre so tolerant und trägt die Dauerverspätungen und Ausfälle der Deutschen Bahn mit? Diese Ausfälle bedeuten jedesmal Zusatzkosten für Bus und Straßenbahn für den armen Pendler - der Maler, die Reinigungskraft, der Lagerarbeiter, der Student, die Krankenschwester, usw., die NICHT von der Bahn getragen werden.
Mit anderen Worten, alle, die die Tickets der Bahn zahlen, werden bestraft und müssen darunter leiden. Warum wird das zulasten des kleinen Mannes ausgefochten? Andere erhalten keine elf Prozent mehr und arbeiten mehr als 35 Stunden die Woche, um die Familie über Wasser zuhalten.
Ich habe mich mit einem Lokführer unterhalten, der ist selbst über die ständigen Fehlplanungen des praxisentfernten Managements verärgert. Wenn schon gestreikt wird, dann muss es auch kostenlose Alternativen für die Pendler geben. Wenn man mehr Geld haben will, dann muss auch auf der Seite die Leistung erbracht werden.
Wie oft entstehen Verspätungen durch menschliches Versagen (verspätete Bereitstellung, Personalausfall, Störungen, defekte Türen und Toiletten, Zugüberholungen, liegengebliebene Güterzüge usw.). Dafür MUSS der Pendler Verständnis haben und riskiert täglich seinen Arbeitsplatz. Den Preis für diese unverhältnismäßige hohe Streikforderung zahlt der Bahnkunde, die Grundlage der Finanzierung der Deutschen Bahn.
Stellen Sie sich mal vor, der Bahnkunde wurde die Zahlungen „bestreiken“, bis die Leistung der Bahn erfüllt wird, wie Pünktlichkeit, Ersatzzüge, funktionierende Türen und Toiletten? Dann hagelt es böse Zahlungsmahnbriefe, aber wir Pendler sollen Verständnis haben, wenn man die Leistungen durch Streik „streicht“.
Wenn die theoretischen Manager mal drei Monate „Pendler“ wären, dann würden sie anders denken, denen fehlt einfach der Bezug zur Realität. Dann wissen wenigstens, wie sehr sie sich eigentlich selbst schaden, weil die Kunden immer mehr weglaufen.Anja Reimann,
Breitscheid
