Bürgermeisterwahl in Bad Breisig im Blick

Wer wird neuer Bürgermeister in der VG Bad Breisig?

Wer wird neuer Bürgermeister in der VG Bad Breisig?

Marcel Caspers (l.) und Sebastian Goerke wollen Bürgermeister werden. Foto: ROB

04.09.2020 - 11:04

Es ist eine Wahl mit Hindernissen. Eigentlich sollte bereits im Mai entschieden werden, wer die Nachfolge von Bernd Weidenbach, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bad Breisig, antreten soll. Dann kam Corona, und zum Schutz der Bürger verschob man die Wahl auf den 20. September. Die Riege der Kandidaten blieb jedoch unverändert. Sebastian Goerke kandidiert für die SPD, und Marcel Caspers geht als unabhängiger Kandidat ins Rennen. Nun kamen die beiden Bewerber zum Redaktionsgespräch, um sich den Fragen von Hermann Krupp, BLICK aktuell-Chefredakteur und Geschäftsführer des Krupp Verlages, zu stellen. Das Resultat war eine dynamische Diskussion um die Zukunft der Verbandsgemeinde, die Notwendigkeit einer umfassenden Digitalisierung und den Wahlkampf in Zeiten der Pandemie.


Zunächst interessierte sich Hermann Krupp für die Vita der beiden Bewerber um das höchste Amt in der VG. Marcel Caspers habe den Verwaltungsjob „von der Pike auf“ gelernt, wie er sagt. Der 34-jährige Familienvater stammt ursprünglich aus dem Brohltal. Dort schloss er auf der dortigen Verbandsgemeindeverwaltung eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten ab. Nach einem Wechsel zur VG-Verwaltung in Bad Breisig absolvierte er eine Weiterbildung zum Verwaltungsfachwirt und ist dort als Kämmerer tätig. Sebastian Goerke stammt aus Franken, ist ebenfalls 34 Jahre und lebt mit seiner Lebensgefährtin in Brohl-Lützing. Nach der Zeit bei der Bundeswehr studierte Goerke Geographie und arbeitete anschließend als IT-Berater von Unternehmen. Seit 2019 ist der Sozialdemokrat Mitglied des Verbandsgemeinderates.


Corona verändert den Wahlkampf


„Corona ist derzeit das alles beherrschende Thema,“ sagt Hermann Krupp. „Wie kommen Sie in diesen Zeiten mit den Wählern in Kontakt?“ Sebastian Goerke sei froh, in digitalen Zeiten zu leben. Durch die Möglichkeiten ständen deutlich mehr Kommunikationsmöglichkeiten offen als es noch vor 20 Jahren der Fall war. Dennoch sei ein Unterschied zum herkömmlichen Wahlkampf spürbar. So habe man sich bei den bisherigen Veranstaltungen explizit an die Vorgaben gehalten, Abstand und Maske seien natürlich Pflicht. Auch für Marcel Caspers sei es wichtig, mit den Bürgern trotz Corona in Kontakt zu treten – und das gehe schließlich auch über digitale Wege. Konstruktives Feedback zu erhalten, sei für Caspers besonders essentiell, auch wenn es kritisch wird. Der Austausch von Mensch zu Mensch bedeute ihm viel, und deshalb haben Vorstellrunden einen großen Stellenwert. Auch wenn die diesjährige Form des Wahlkampfes anders ist als üblich, halte er die Verschiebung der Wahl vom Mai in den September für einen richtigen Schritt.

Als Bürgermeister einer Verbandsgemeinde ist es notwendig, Akzente für die Zukunft zu setzen. „Was sind Ihre programmatischen Schwerpunkte?“, möchte Hermann Krupp wissen. Diesmal startet Marcel Caspers: „Ich möchte alle Generationen in den Mittelpunkt stellen“, lautet die Antwort. So müsse es zukünftig ordentlich ausgerüstete Schulen mit genügend Plätzen geben. Außerdem spiele auch das Thema Kinderbetreuung eine große Rolle. Gleiches gelte für Senioren und deren Mobilität. Caspers sei ein großer Verfechter der Idee des Seniorentaxis und somit eines Konzeptes, dass bereits Früchte trage. Das Thema Wirtschaft stehe bei ihm ebenfalls hoch im Kurs. Zukünftig gelte es, neues Gewerbe für den Standort zu gewinnen, aber auch bestehende Firmen zu unterstützen und dies besonders in der Corona-Zeit. Außerdem dürfe man nicht den Klimaschutz aus den Augen verlieren. Für Caspers sei es deshalb besonders wichtig, im VG-Rathaus die Stelle des Klimaschutzmanagers zu schaffen.

Sebastian Goerke möchte vor allem für mehr soziale Gerechtigkeit in Bad Breisig arbeiten. „Wir haben in der Stadt eine Kinderarmutsquote von 17,5 Prozent“, legt Goerke die Zahlen dar. Dieser Wert sei im kreisweiten Vergleich überdurchschnittlich und müsse man als Kommune dringend reagieren. Hilfe gäbe es dabei vom Land mit dem Programm „Soziale Stadt“. Ziel sei es, soziale Brennpunkte innerhalb Bad Breisigs ausfindig zu machen. Goerke hat auch die kommunale Kasse im Blick. „Bei den Gewerbesteuereinnahmen hinken wir stark hinterher“, weiß er. Deshalb soll die VG für neue Gewerbeansiedlung interessanter werden, zum Beispiel Unternehmen aus dem Bereich der Digitalwirtschaft sind für ihn denkbar. „Bad Breisig könnte ein kleines Silicon Valley werden“, wünscht sich Goerke. Dies wäre auch ein gutes Mittel, um den hohen Leerstand zu bekämpfen. Schnelles Internet und Breitbandausbau sei für dieses Ziel unabdingbar.


Caspers: „Die B9 zerschneidet die Stadt“


BLICK aktuell-Chef Hermann Krupp interessiert sich für die brennenden Reizthemen in der Kommune. „Wir haben die B9 und die Römerthermen – wie soll es hier weitergehen?“, fragt er. Sebastian Goerke hat für die B9 Ideen, vor allem geht es ihm darum, die Durchfahrt von Lkw zu verhindern. Denn unter dem Schwerlastverkehr leiden die Anwohner besonders und dies gelte sowohl für Bad Breisig als auch Brohl-Lützing. Denkbar wäre für ihn eine 30er-Zone durch Bad Breisig. Mittlerweile gäbe es spezielle Blitzer, die Lastwagen von Autos unterscheiden können. So könne der Durchfahrtsverkehr besser überprüft werden. Auch Mautsäulen könnten das Problem lindern. Es seien also viele Ideen denkbar, man müsse jedoch auch konsequenten Druck auf den Landesbetrieb Mobilität (LBM) ausüben, um diese auch zu realisieren. Um die Römerthermen zu erhalten, kann es für den SPD-Mann nur den Weg über eine Privatisierung geben. Da arbeite man bereits dran und das Gespräch mit privaten Investoren werde gesucht.

Dass die B9 eine Belastung ist, weiß auch Marcel Caspers. „Die B9 zerschneidet die Stadt“, stellt er fest und sieht darin einen der Gründe für den massiven Leerstand in Bad Breisig. Um die Belastung durch das tägliche Verkehrsaufkommen zu lösen, sieht er gute Möglichkeiten in einer Tempo 30-Zone und in einem Lkw-Verbot. Zusätzlich könne man über die Verlegung von Flüsterasphalt nachdenken. Wie das Ergebnis auch aussehen mag, für Caspers steht die Nachhaltigkeit im Mittelpunkt: „Das Thema B9 können wir nicht nur kurzfristig lösen.“ Dass die Römerthermen zu Bad Breisig und der VG einfach dazugehören, ist auch die Meinung von Marcel Caspers. Die Schwierigkeit bestehe darin, dass die Thermen „ein defizitärer Betrieb in einer defizitären Stadt“ seien. Er lobt den Konsens aller Fraktionen, dass man die Thermen erhalten müsse. Um dies zu erreichen, müsse man an Fördergelder herankommen. Hier müsse genau geforscht werden, an welchen Töpfen man sich bedienen könne.


Goerke: „Sozialer Wohnungsbau nicht ausschließen“


„Wie beurteilen Sie die Verbandsgemeinde als Wohnstandort?“, möchte Hermann Krupp wissen. „Wir haben eine junge VG mit vielen jungen Familien, die hier gerne leben“, stellt Marcel Caspers fest. Um diesen Trend fortzuführen, bedarf es einer stetigen Weiterentwicklung, so zum Beispiel in Bad Breisig selbst, aber auch in Waldorf und Gönnersdorf. Denn von einer Landflucht könne man heute nicht mehr sprechen, so Caspers. Für ihn gehöre dem Dorf die Zukunft, was besonders daran läge, dass Wohnraum in Ballungszentren wie Köln oder Koblenz schlicht nicht mehr zu bezahlen sei. Bei der demografischen Verteilung widerspricht jedoch Sebastian Goerke. „Wir haben nicht nur junge Familien, sondern auch einen hohen Anteil von Senioren in der VG“, sagt er. Insgesamt sehe er verschiedene Wohnmilieus, gerade in Bad Breisig. So sei von gut situierten Eigentümern bis Sozialhilfeempfängern jede soziale Schicht vorhanden. Eine darauf basierende Einteilung in Viertel müsse man verhindern. Deshalb solle man sich auch Themen wie dem Sozialen Wohnungsbau und Mehrgenerationenwohnen nicht verschließen.

In Bad Breisig herrscht in der Innenstadt massiver Leerstand. Hermann Krupp möchte wissen: „Wie steht die Stadt und die Verbandsgemeinde als Wirtschaftsstandort da?“ Sebastian Goerke sieht kaum eine Chance, die Stadt mit einem Querschnitt von Einzelhändlern, wie man sie kennt, zu beleben. Stattdessen sollte man neu denken und auch im Gewerbe das Theme Digitalisierung berücksichtigen. „Bad Breisig eignet sich hervorragend, um neue Unternehmensformen anzuziehen“, weiß er. Als Beispiel nennt er Werbeagenturen, aber auch Anbieter von Webradios oder professionelle Youtuber. Neue Gewerbegebiete auszuschreiben, halte er hingegen für kritisch. Was solche Gebiete anbelangt, zeichnet Marcel Caspers ein nicht ganz so düsteres Bild. „Man darf über neue Gewerbegebiete sprechen“, so der unabhängige Kandidat. Neue Areale wären in Richtung Sinzig möglich. Besonders möchte er kleine und mittelständische Unternehmen für Bad Breisig gewinnen. Es gelte außerdem, den Tourismus zu fördern. „Tourismus war früher ein großes Standbein, das vernachlässigt wurde“, schildert er. Gerade im Bereich der Rad- und Wanderwege müsse nun investiert, saniert und ausgebaut werden.


Glasfaser in jedes Haus


„Wie ist es um die Infrastruktur in der Verbandsgemeinde bestellt?“, fragt Krupp die Kandidaten. Dazu Caspers: „Die Straßen werden Schritt für Schritt saniert“, sagt er. Dazu gehören auch mehr verkehrsberuhigte Straßen. In Sachen Kindergärten und Schulen sei bereits einiges erreicht worden, wie er betont. Denn die Nachfrage sei hoch, und die müsse langfristig gedeckt werden. Dies gelänge zum Beispiel mit Modulkindergärten. Zu einer guten Infrastruktur gehöre auch schnelles Internet. Das wäre nur punktuell in der Verbandsgemeinde gut, aber keinesfalls flächendeckend. „Glasfaser muss in jedes Haus“, sagt Caspers. „Denn nur so können wir die Attraktivität der Verbandsgemeinde nachhaltig steigern.“ Dem pflichtet Sebastian Goerke als IT-Spezialist bei. „Schnelles Internet ist ein bedeutender Standortfaktor“, so Goerke. Deshalb muss schnelles Internet sowohl in der Stadt als auch in jeder Ortsgemeinde endlich Standard werden. Während die Straßen in der VG in Ordnung wären, hapert es für Goerke beim ÖPNV. So sei der Zustand der beiden Bahnhöfe in Bad Breisig und Brohl-Lützing mehr als grenzwertig. „Es kann nicht sein, dass eine Bahnsteigerhöhung in Bad Breisig erst 2023 kommen soll“, sagt er. Hier gelte es, bei der Bahn entsprechenden Druck zu machen. Das Busnetz hingegen sei bereits jetzt schon gut ausgebaut.

Zum Schluss verlangt Hermann Krupp von den beiden Bürgermeisterkandidaten einen Blick in die Zukunft. „Wie sieht die Verbandsgemeinde Bad Breisig in acht Jahren mit Ihnen als Bürgermeister aus?“ Sebastian Goerke möchte eine soziale, nachhaltige und bürgernahe Politik. Dies gelte besonders für die Bereiche Ökologie, Wirtschaft und Soziales. „Ich sehe die Verbandsgemeinde wie ein Gebäude, dessen Architekt der Bürgermeister ist,“ schildert er. Bis zum Jahre 2028 müsse der digitale Ausbau forciert werden, um ein attraktives Umfeld für Bürger und eine starke Wirtschaft zu schaffen. Außerdem soll die VG eine Region mit einem starken Bildungsangebot sein, in der sich alle Bürger wohl fühlen und gerne leben. Marcel Caspers wünscht sich für die Zukunft eine effektive und digitale Verbandsgemeinde, sowohl für die Bürger als auch die Verwaltung. Alle Ansprüche, die heute Kitas und Schulen stellen, sollen bis dahin gedeckt sein. Außerdem wünsche er sich eine Stärkung des Brauchtums und ein aktives Vereinsleben, das von der VG gefördert wird. Auch die Feuerwehr soll gut ausgestattet sein und mehr Rückhalt erfahren. „Ich wünsche mir einfach eine Verbandsgemeinde, in der sich gut leben lässt“, so Caspers.

Das Interview führte Daniel Robbel

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Kommentare
Sebastian Goerke:
Herr Daum, nein es geht hier jetzt eben nicht um Mautsäulen sondern um echte Blitzeranlagen. Mit Mautsäulen können Durchfahrtverbote nicht kontrolliert und geahndet werden. Das ist mit Blitzeranlagen, die feststellen, dass es sich um eine unerlaubte Durchfahrt handelt anders....
Gabriele Friedrich:
Bei Ihren genannten Möglichkeiten @Herr Daum, können die aber nicht die LKW Fahrer abzocken. Auch hier geht es eher ums Geld als um den guten Schlaf der Bürger. Straßenbelag kostet auch Geld, das man ja anscheinend nicht ausgeben will oder kann....
Michael Daum:
Schmerzensgeld ist ja nett, kommt nur leider nicht bei den Menschen an, die die Schmerzen von dem Lärm haben! Außerdem hieß es doch von offizieller Seite, dass bei den wenigen Kontrollen fast alle LKW eine Genehmigung zur Durchfahrt besessen hätten. Da hilft dann auch die Aufstellung von LKW-Blitzern...
Gabriele Friedrich:
Impflinge hört sich für mich einfach nur widerlich an. Und ja, Herr Müller-typisch deutsch-versagend....
juergen mueller:
Darauf habe ich gewartet, auf diese immerwährend aus jeder Situation heraus deutsch produzierten Unwörter. IMPFLINGE. Hört sich kindisch an, ist aber eben typisch deutsch. Wer hat`s erfunden? Irgendeiner aus dem Politik- bzw. Verwaltungslager bestimmt. Da sitzen ja sicherlich auch genügend Impflinge,...
juergen mueller:
Könnte heisst auf gut deutsch geht nicht. Und ein neues Konzept für Jugendliche? Wie könnte das aussehen? Ich kenne den Standort. Die Lage ist prädestiniert für das, was überall stattfindet (ohne zu verallgemeinern) ein Treffpunkt für Jugendliche mit Alkohol, Zigaretten (es darf auch mal etwas Gras...
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