Kabarett in der Remagener Rheinhalle
Den Finger in die Wunde gelegt
Fatih Cevikkollu, der Murat aus „Alles Atze“, überzeugte mit seinem politischen Programm
Remagen. „Wird heute richtig gut für Dich, der Abend. Das Programm ist klasse. Hab ich schon gesehen.“ Fatih Cevikkollu hat den ersten Lacher beim Publikum in der Rheinhalle. Doch es sollte kein schenkelklopfender Abend werden bei den knapp 400 deutsch-deutschen Gästen, wie der deutsch-türkische Protagonist schon früh vermittelte. NSU-Prozess, Abhöraffäre, Waffenexporte, Bundeswehrausrüstung - der Schauspieler und Kabarettist lässt kaum ein Thema aus, das auf den Nägeln brennt. Teilweise mit zotigen Gags unterlegt, aber immer mit dem Finger in der Wunde und offener Kritik an der bundesdeutschen Politik. „Was? Kommt aber eine komische Stimmung auf bei Euch“, fragt er in die Reihen, wenn Nachdenken dem Lachen weicht. Und der türkische Deutsche oder deutsche Türke, wie auch immer, bekennt sich zur neuen Nationalität. Mit allen Vor- und Nachteilen: „Viele Politiker vor allem in Bayern sagen, wer einen deutschen Pass bekommt, muss auch die deutsche Geschichte annehmen. Geht mir auch so. Seit ich den deutschen Pass habe, fühle ich mich schuldig. Dabei sind wir doch friedlich und beliebt in der ganzen Welt. Wir besetzen keine anderen Länder mehr. Nur noch Liegestühle im Urlaub mit unseren Handtüchern.“
Fatih Cevikkollu? Nie gehört.
So ging es wohl vielen in der „gemütlichen Turnhalle“, wie der 43-Jährige die Rheinhalle charakterisiert, „kenn ich nicht“. Stimmt aber nicht. Denn Insidern ist der Deutsch-Türke als Preisträger einiger Kabarettpreise bekannt. Ein breites Publikum kennt ihn bestens aus „Alles Atze“ mit Atze Schröder, wo er den Murat spielte, den stets unterdrückten Mitarbeiter im Kiosk. Nicht zuletzt durch Fatihs Humor gewann das Ensemble um den prolligen Lockenkopf den Deutschen Fernsehpreis und den Deutschen Comedypreis. Dass er ganz anders kann, als in der Klamotte gute Mine zu bösem Spiel zu machen, zeigt er auf der Bühne in Remagen. Gewandet in knallrotem Anzug und mit wild-gestreiften rot-weißen Schuhen beherrscht Fatih die Mimik großer Schauspieler, Wortwitz und messerscharfe Dialoge und Pointen. Und er nimmt sie alle aufs Korn, die Wohlstandspenner, die sich zurückgelehnt haben und die guten Zeiten genießen. Die gut von den Hartz IV-Betroffenen leben und sie erbarmungslos ausbeuten. Beim Marsch durch all die Fehler, die vom Abhören über die Bundeswehrausrüstung bis zur Behandlung der Flüchtlinge reichen, meckert nur die dumme Ziege immer wieder dazwischen. „Warum stehen wir nicht auf, warum keine Revolution, warum keine Revolte?“ Die Frage an die Zuhörer beantwortet eine Frau: „Weil es uns so gut geht.“ „Richtig. Weil es uns so gut geht wie noch nie. Und: Weil wir dafür keine Formulare haben.“ Doch das mit den dummen Schafen, die meckernd hinter ihren Politikern herlaufen, sei ja kein deutsches Problem, sagt Fatih. „Du hast ja Recht, wenn Du mich nach meinem Erdogan fragst. Das ist der erste demokratisch gewählte Sultan, und so spielt er sich auch auf.“ Die Welt befinde sich im Wandel, die Gesellschaft werde umgebaut. „Was heute passiert ist nicht schlecht. Alle arbeiten. Jetzt geht die Post ab bei uns. Aber sie kommt ja nicht an. Ist ja keiner zu Hause.“ Und was machen die Frauen? „Entweder alleinerziehende Mütter oder Jogalehrerinnen“, antwortet der Mann in Rot. Chemie im Essen und die Erlebnisse eines kleinen Hundes beim Chinesen, Food-Designer in den Küchen und ein Glutamatschock, dazu die drei Ampelfarben der Verbraucherschützer, die auf dem Etikett von Rot bis Grün „essbar“, „zu überleben“ und „letztes Abendmahl“ bedeuten. Übrigens lasse sich diese Ampel auch auf die Parteien übertragen. Doch was soll´s, solange die Nachbarin die „Piraten“ wählt, weil sie Johnny Depp so kernig findet. „Unser Essen hat mehr PS als unser Auto“, findet Fatih. „Wir leben im Zeitalter des Digitalen, in dem es mehr Nullen als Einsen gibt. Wir sind EU und Friedensnobelpreisträger, aber auch der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. Waffen für den Frieden, das ist wie Sex für die Jungfräulichkeit oder Saufen gegen Alkoholismus.“
Fatih Cevikkollu zieht die Zuhörer in seinen Bann
„Sieht aus wie Ali, aber spricht wie Hans. Kann besser Deutsch als wie wir. So stufen mich viele Leute ein. Die Mehrheiten kippen, sodass wir Deutschen Angst vor uns Türken haben. Eine neue Generation tritt an, wir sind die neuen Erben dieser Gesellschaft. Jedoch Erben ohne Sünde. Und wir kommen in Frieden: Salem Aleikum! Es geht um Identität und ihre Bildung. Mein Programm ´FatiihTag´ hat einen Identitätsbildungsauftrag“, sind nur einige aufrüttelnde Sätze des Akteurs, der ohne jegliche Instrumente, Helfer oder Technik die 400 Zuhörer in seinen Bann zog - nur mit Mikro und Verstärker.
