Galerie Rosemarie Bassi eröffnet patenten „Sachsenzweier“ mit Malerei und Plastiken
Die fantastischen Welten von Marx und Sperl
Remagen. Verwunschene und skurrile Welten tun sich auf in der Galerie Rosemarie Bassi. Das Vernissage-Publikum registrierte erfreut, dass Galeristin Bassi mit der neuen Schau wieder einmal die Türen zur fantastischen Kunst aufstößt. Sie, die an der Akademie der Bildenden Künste in Wien zuletzt als Meisterschülerin von Albert Paris Gütersloh studierte, hat es schon vor langer Zeit getan. Den Gästen erklärte sie, die Studenten hätten damals eine Überlegenheit der abstrakten Kunst gegenüber der vorangegangenen Strömung der Wiener Schule des Phantastischen Realismus empfunden. Beides habe indes seine Berechtigung. Mit dieser Haltung vertrat sie Ernst Fuchs in Deutschland, gründete bereits in den 1990ern mit Gleichgesinnten in ihrer Rolandsecker Galerie den Verein „Zentrum der Phantastischen Künste“ und richtete zahlreiche Ausstellungen dieser Richtung aus.
Patentes Duo
Aktuell ist es die Präsentation „Sachsenzweier“, für die keck der „Sachsendreier“, eine der bekanntesten deutschen Briefmarken, als Pate gewählt wurde. Ein Rundgang durch die Galerie zeigt: Die Aussteller haben sich gesucht und gefunden. Im vergangenen Jahr lernten sie sich kennen, der in Dresden geborene Bad Breisiger Maler Eberhard Marx und der Plastiker Rainer Sperl aus Potsdam. Da sie sich künstlerisch und menschlich verstanden, beschlossen sie, die Malerei des einen mit den Plastiken des anderen auszustellen. Nicht nur die Herkunft und beider zeitversetztes Studium in Heiligendamm eint das patente Duo. Sie ticken auch gleich, was Fantasie, ausgefeilte Technik, den Hang zum Humor, Hintersinn und eine erotische Note angeht. Gerade dieser Zweiklang, der sogar in der Farbigkeit anzutreffen ist, bescherte dem Vernissage-Publikum, das gleichwohl beider Arbeiten separat zu schätzen wusste, helles Entzücken, etwa, wenn Marx‘ Konterfei Alexander Gersts vor dem All und sein ironisch-apokalyptisch anmutendes Bild einer verrottenden Rakete auf Sperls zauberhafte Materialcollage „Laika bringt Licht ins All“, ein treuherziges Hundchen im Samowar, treffen.
Sperlsches Spiel
Sperl kombiniert unterschiedlichste Werkstoffe, die er seit Jahren sammelt. Entgegen kam ihm dabei lange ein Sperrmüllcontainer vor seinem Haus, doch inzwischen zählt er auf viele hilfreiche Zulieferer, darunter Zahnärzte und Musikschulen, was in der Ausstellung nachvollziehbar wird. „Ich gehe in die Werkstatt, mir kommt eine Idee, dann gehe ich ins Lager und mir kommt eine zweite Idee“, beschreibt der findige Potsdamer den sich organisch entfaltenden Kreativ-Prozess. Springt ihn etwas an, beispielsweise riesige Hummerscheren, dann verpasst er dem Impulsgeber eine keramische Ergänzung: So bekamen die Scheren Leiber und firmieren paarweise als „Gespräch unter Meeresbiologen“. Das Gestalten in Ton hat er sich übrigens selbst beigebracht. Und der Sinn fürs Komische scheint ihm angeboren, wie sonst könnte es zu so vielfältiger humorvoller Ausprägung kommen? Sein „Jazzer“, eine von keramischem Kopf geblasene echte Trompete, veranschaulicht, was mit der Dicke-Backen-Musik gemeint ist. Zwei Geigen mit Tonhäuptern tanzen „Tango“. Sein „Taucher“, physiognomisch der Prototyp seines Figurenkosmos, lächelt zu einer verdrehten Situation: Außerhalb der Taucherglocke ist es luftig und innen ist sie randvoll mit Wasser. Schmunzeln und Nachdenken, beides zugleich ist oft angesagt beim oft doppelbödigem Sperlschen Spiel. Sehr possierlich wirkt etwa ein Keramik-Pinguin auf Glasklotz, mit gelber Fliege, gelben Stiefelchen und dem verschmitzten Lächeln, wäre da nicht der Titel „Der letzte seiner Art“. Zu Recht ausgesprochen heiter, streckt auf dem Strand, pardon, Riffelblech, die „Dame vom Bundesrechnungshof in Urlaub“ alle Viere aus der Rechenmaschine und schlürft eine Erfrischung aus dem grünen Sparschwein. Auch der „Alternden fleischfressenden Pflanze nach dem Besuch eines Dentisten“ scheint es gut zu gehen. Jedenfalls reckt sie dem Betrachter unbekümmert ihre zwei Gebisshälften entgegen. Sperl kreiert nur Unikate. Er kann es sich leisten, da er um Einfälle nicht verlegen ist, wie auch eine schrille Mode-Parade womöglich außerirdischer Models zeigt.
Marxsche Turmfantasien
Auch Marx fasziniert mit seinen Eingebungen, seiner präzisen Handhabung der Ölmalerei. Auch er entführt ins Surreale, hin zu Konstellationen, die überraschen, erheitern, auch erschrecken können, je nach Blickwinkel. Überwiegend konzentriert er seine verrätselten Bildgeschichten in mittig aufragende Kompositionen. Indem er komprimiert kreuzt, was ursächlich nicht zusammengehört, thematisiert er, Geschichte und Biographisches einschließend, Konflikte zwischen Kultur und Natur - mit offenem Ausgang. Marx zeigt Verwachsungen aus Baum, turmartiger Architektur, Technik und Mensch. Er malte sich mit solchen Konstruktionen nach dem Ende der DDR und persönlichen Umbrüchen den Druck „von der Seele“.
Mit der Turm-Idee stellt Marx ebenso Fragen an die Welt und ans Leben. Was sich zuspitzt, die Himmel stürmt, bricht auf in eine Zukunft, deren Weichen es womöglich selbst stellt. Ist ein „Missglückter Start“ durch menschliche Selbstüberhöhung herbeigeführt, wie es das Standbild auf der verrottenden Rakete ahnen lässt? Zapft der Mensch der Natur den Saft ab, um zuletzt zu unterliegen, was man dem Bild „Stammbaum“ entnehmen könnte, wo Rohre sich durchs Holz bohren, und Wurzeln in einen Kopf? In seltsamem Kontrast stehen klare Malweise – immer in Öl – und unlösbares Problem auch in „Etretat und der Baum der Erkenntnis“. Ein Baum, Metallgestänge und menschliche Körperteile bilden ein lebendes Konglomerat. Dem ist, am zersplitterten Stamm erkennbar, eine Katastrophe vorrausgegangen. Nun steht die Welt Kopf, wie der Mond, in dem Marx den Malerkollegen Baselitz aufscheinen lässt. Nicht allein dieses Detail, sondern auch neckische Pilotinnen und weitere Bildelemente würzen die Gemälde mit Humor.
Die Ausstellung in der Marktstraße 109, zu der ein Katalog erschienen ist, öffnet bis Mitte August: mittwochs bis sonntags von 14 bis 18 Uhr.
