Agentur für Arbeit zeichnet Steuerbüro Marquardt in Wolken für Engagement bei der Integration von Flüchtlingen aus
Wenn alle zusammenhalten, kann auch die Sprachbarriere überwunden werden
Wolken. Über die Notwendigkeit, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, und die große Chance, die sich daraus für Arbeitgeber ergibt, wird viel gesprochen. In der Kanzlei von Elisabeth Marquardt ist diese Integration Alltag, denn in dem reinen Frauen-Betrieb arbeitet seit August die junge Iranerin Razieh. Das ist nicht immer einfach, aber eine riesengroße Bereicherung, sind sich Kolleginnen und Chefin einig. Die Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen zeichnete das Team nun für seinen Mut, sich als Kleinstbetrieb auf das „Abenteuer Integration“ einzulassen, als „Unternehmen mit Zukunft“ aus. Eigentlich war es nichts Besonderes, als Elisabeth Marquardt der Koblenzer Agentur für Arbeit im Frühjahr 2015 signalisierte, dass sie für ihre Steuerberatungskanzlei in Wolken eine Auszubildende suchte. Der Vorschlag von Arbeitgeberservice und Jobcenter Koblenz ließ sie aber doch innehalten: Man wolle ihr eine Migrantin vorschlagen, hieß es. Zwar sei die bereits 30 Jahre alt und ihre Deutschkenntnisse seien noch ein wenig lückenhaft, aber die junge Frau sei unglaublich klug und ehrgeizig, versicherte man. Außerdem habe sie in ihrer Heimat Handelsbuchhaltung studiert und bereits als Buchhalterin gearbeitet. Elisabeth Marquardt tat das, was sie immer tut: Sie machte sich selbst ein Bild und lud die junge Frau zum Vorstellungsgespräch ein. „Razieh war ungeheuer aufgeregt, was die Verständigung nicht unbedingt erleichterte. Aber sie war mir sofort sympathisch“, erinnert sich die Steuerberaterin. Außerdem sei sie auch von der Lebensgeschichte der jungen Frau beeindruckt gewesen, die vier Jahre zuvor mit ihrem Mann aus dem Iran nach Deutschland geflohen war. Eineinhalb Jahre mussten die beiden warten, bis ihr Asylantrag genehmigt wurde und sie beginnen konnten, sich ein neues Leben aufzubauen. Ein Jahr vor ihrer Bewerbung in der Kanzlei hatte Razieh mit ihrem ersten Deutschkurs begonnen. Und dafür, meint Elisabeth Marquardt noch heute, klappt es mit der Sprache eigentlich schon ganz gut. Außerdem spürte die 51-Jährige sofort, dass Raziehs Lebenserfahrung für sie als Arbeitgeberin durchaus von Vorteil sein konnte. „Sie hatte sich auf einen schweren Weg gemacht und diesen trotz aller Widerstände und Ängste zielstrebig verfolgt. Und sie wollte auch in der neuen Heimat unbedingt wieder in ihrem geliebten Beruf arbeiten. Das waren eindeutig Pluspunkte.“
„Betriebs-Rat“ hat abgestimmt
Trotzdem machte die Kanzleichefin sich die Entscheidung nicht leicht. Schließlich würden es ihre Mitarbeiterinnen sein, die Razieh trotz Sprachbarriere einarbeiten müssten. Außerdem lag ihr eine weitere interessante Bewerbung vor - von einer 16-Jährigen. Also wurde „Betriebs-Rat“ gehalten - mit überraschend schnellem und klarem Ergebnis: „Wir wollen es mit Razieh versuchen“, war der einstimmige Tenor. Für die Iranerin erfüllte sich mit der Nachricht aus Wolken ein Traum. Gerechnet habe sie mit der Zusage nämlich nicht, gesteht sie. Bis dahin hatte man der jungen Migrantin vor allem Praktikumsstellen als Bürokauffrau angeboten - dieser Berufsabschluss war ihr nämlich in Deutschland anerkannt worden. „Es war ein ganz unbeschreibliches Gefühl, als ich diese Chance tatsächlich bekommen habe“, sagt sie über ihre Ausbildung zur Steuerfachangestellten.
Seit einem halben Jahr fährt Razieh nun jeden Morgen nach Wolken, um sich mit Hilfe ihrer Kolleginnen in die deutsche Buchhaltung und ins Steuerrecht einzuarbeiten. Die Anfangsschwierigkeiten in der Berufsschule sind dank der Hilfe ihrer Mitschüler längst vergessen, alle Prüfungen hat Razieh bislang mit gut oder sehr gut abgeschlossen. Außerdem findet sie viel Freundschaft und Anerkennung in ihrer Basketballmannschaft. Mittlerweile, sagt sie, sei sie richtig glücklich mit ihrem neuen Leben, das frühere Heimweh ist vergessen. „Ich fühle mich hier zu Hause.“
Elisabeth Marquardt ist indes sicher, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat, als sie Razieh einstellte - wenn auch gerade die erste Zeit manchmal schwierig war. Doch so gut die Chefin sich die Einstellung der jungen Iranerin im Vorfeld überlegt hat, jetzt, wo sie zum Team gehört, hält die Diplom-Finanzwirtin wenig von theoretischen Debatten darüber, was alles passieren könnte. „Wir lösen die Probleme im Alltag so, wie sie anfallen. Eingearbeitet werden muss schließlich jeder Auszubildende.“ Außerdem ist sie ganz sicher, dass sie sich auf Razieh verlassen kann. „Sie hat mir versprochen, mich nicht zu enttäuschen. Und ich weiß, dass sie sich daran halten wird“, schmunzelt die Steuerexpertin.
„Unternehmen mit Zukunft“
Vertrauen, Optimismus und Pragmatismus - das sind die Zutaten, die selbst ungewöhnliche Integrationen gelingen lassen, meint auch Ulrike Mohrs und wünscht sich, dass viele Arbeitgeber dem Beispiel von Elisabeth Marquardt folgen werden. „Diese Kanzlei beweist täglich, dass auch ein sehr kleiner Betrieb die Herausforderungen meistern kann, wenn alle dies wollen und an einem Strang ziehen“, sagt die Chefin der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen, die Elisabeth Marquardt und ihre Mitarbeiterinnen nun als Anerkennung für ihr Engagement als „Unternehmen mit Zukunft“ auszeichnete.
Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen
