DFB-Pokal Damen: Sensation in Andernach
Die Party geht weiter, aber ab jetzt wird´s schwer
Die SG99 siegt sich 6:1 ins Viertelfinale!
Andernach. Eine winterlich, rötliche Abendatmosphäre lag schon über dem Mittelrhein-Tal, als die Mädels der SG99, gut hörbar für jene wenige auserwählte im Außengelände der Andernacher Sportanlage, ihre Umkleide-Kabine im ersten Stock des Vereinsheims zur wahrscheinlich fröhlichsten und einzig geöffneten Diskothek Deutschlands erklärten. Nur wenige Minuten zuvor, gelang den „unaufhaltbaren Power-Girls“, um die erst vor wenigen Tagen 25 Jahre alt gewordenen Spielführerin Magdalena Schumacher die nächste „Schlagzeilen-Sensation“, beim 6:1 Sieg im DFB-Pokal der Frauen gegen die FSV Gütersloh.
Auch wenn diese Sensation, schon lange keine sportliche Überraschung oder ein Zufall, sondern viel mehr bereits das Ergebnis von hochprofessioneller sportlicher Arbeit um das „Übungsleitungs-Dreamteam“ Isabelle Hawel und Florian Stein ist. Weil rechnet man alle sechs Pflichtspiele der Andernacher Fußballfrauen in dieser Saison zusammen, kommt man auf eine Bilanz von fünf überzeugenden Siegen, einer unglücklichen Niederlage im Auftaktspiel und einer positiven Torbilanz von 23:4! Wobei die Hälfte der Gegentore bei der Auftaktniederlage gegen Ingolstadt zusammen gekommen sind, die letzten drei Spiele hingegen allesamt mit jeweils mehr als fünf Toren Vorsprung gewonnen wurden.
Dabei sind solche herausragenden Leistungen trotz alle dem, absolut nicht selbstverständlich. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass das letzte Pflichtspiel der Andernacherinnen bereits rund sechs Wochen zurückliegt und man nur dank der besonderen Umstände für das DFB-Pokal-Spiel als „Profi-Mannschaft“ eingestuft wurde, welche dadurch entsprechend über all die Wochen trainieren durfte. Auch wenn Florian Stein gegenüber BLICK aktuell zu gibt, dass es einfach nicht möglich ist, ein solches Spiel im Training zu simulieren oder die Spannung über Wochen ohne Spiel hochzuhalten. Trotzdem schwärmte der Übungsleiter von den letzten Wochen. So berichtete Stein über eine hohe Trainingsbeteiligung im vergangenen, spielfreien Monat und über eine selbstbewusste Grundstimmung im Team.
Eigentor brachte die SG99 schnell auf Siegkurs
Das alles führte dazu, dass dem derzeit erfolgreichen Trainergespann, der komplette Kader für das Spiel zu Verfügung stand. Daher vertraute man auch wieder für das letzte Spiel des Jahres auf Torhüterin Jana Theisen. Die Stammtorhüterin ersetzte damit wieder Kathrin Günther, welche beim letzten Pokal-Spiel gegen Saarbrücken zum Zug kam. In der Abwehr spielten eine abermals sehr starke Karla Engels, welche in der 76. Minute durch Carolin Dillenburg ausgewechselt wurde, Marie Schäfer, die mit viel Übersicht spielende Magdalena Schumacher sowie Alina Wagner. Das eingespielte, fünfköpfige Mittelfeld bestand, wie bereits beim letzten Spiel, aus Vanessa Zilligen, die Schwestern Kathrin und Julia Schermuly, Lisa Umbach sowie Maren Weingarz. In der Spitze wirbelte wie so oft die auch heute torgefährliche Antonia Hornberg.
Das erste formale Geisterspiel in der Andernacher Fußballgeschichte begann direkt nach wenigen Minuten mit einem Paukenschlag. Demi Victoria Pagel von der FSV Gütersloh erzielte nach nur drei Minuten bereits das 1:0. Pech nur für die Gäste, dass Pagel nach scharfer Hereingabe von Julia Schermuly den Ball, trotz einer fangbereiten Isabell Mischke im Tor der Westfalen, den Ball ins eigene Tor verstolperte. Gestärkt von dieser Führung und dem Selbstbewusstsein eines Tabellenzweiten marschierten die Gastgeber mit viel Druck weiter nach vorne.
So passierte es, dass nur neun Minuten später Stürmerin Antonia Hornberg zweimal ungehindert zum Schuss ansetzen konnte. Prallte Versuch eins noch an einer Gegnerin ab, zirkelte Sie den Ball beim zweiten Versuch erfolgreich ins lange Eck zum verdienten 2:0. Gütersloh fand keinerlei Zugriff zum Spiel und wurde entsprechend auch in der 25. Minute durch das dritte SG99 Tor bestraft. Eine über weite Strecken starke Vanessa Zilligen erkämpfte sich den Ball im Mittelfeld und stürmte im schönen Kombinationsspiel mit Maren Weingarz in den Strafraum, um dort gekonnt auch noch Gäste-Keeperin Isa Mischke für das zwischenzeitliche 3:0 auszuspielen.
Einen kleinen „Hallo-Wach“ gab es dann kurz vor der Halbzeit, als in der Nachspielzeit der ersten Hälfte die starke Außenstürmerin aus Gütersloh Pauline Berning mit dem Anschlusstreffer zumindest wieder ein Stückchen Spannung ins Spiel brachte.
Diese Spannung hielt nach Wiederanpfiff rund neun Minuten, ehe die gut aufgelegte Toni Hornberg ihren zweiten Treffer des Tages erzielte. Doch die Bäckermädchen hatten auch nach dem 4:1 noch lange nicht genug. Schließlich wartet nun ein langer, fußballloser Winter, wo man keine Tore mehr bejubeln kann. So erzielte in der 76. Spielminute Kathrin Schermuly nach einem Freistoß von der Mittellinie ungehindert im Strafraum stehend, dass auch in der Höhe verdiente 5:1. Den Schlusspunkt setzte die für Hornberg in der 80. Minute eingewechselte Laura Weißenfels. Das 17 Jahre alte Nachwuchstalent erzielte mit Ihrem Jokertor, einem wunderschönen sattem Schrägschuss in der 87. Minute den 6:1 Schlusspunkt.
Fazit nach dem „nächsten historischen Sieg!“
„Wegen Corona liegt der Fokus ganz klar auf die Meisterschaft! Wir müssen auf jeden Fall die Liga halten, da die zweite Liga aufgrund der hohen Anzahl von Absteigern eine echte Herausforderung ist. Daher war der Pokal vor der Saison gar keine Zielsetzung, auch wenn der heutige Sieg uns wieder wichtige 8000 Euro für die Vereinskasse bringt. Um so schöner, wenn man jetzt diese besonderen Momente, natürlich auch dank Los-Glück begünstigt, mitnehmen kann“, sagte Isabelle Hawel gegenüber der Presserunde nach dem Spiel.
Die langjährige Spielerin schwärmte von Ihrer Mannschaft in höchsten Tönen. „Wir sind derzeit vom Personal richtig gut aufgestellt. Wir können da Spiel selbst gestalten, können aber im Zweifel auch Kontern. Wir sind mittlerweile total variable. Unsere Kette hinten steht. Es ist eine absolut spielstarke Mannschaft hier entstanden. Man kann also bei solchen Ergebnissen wie heute einfach nicht mehr von Zufall oder Glück sprechen, sondern von Qualität“. Kollege Stein ergänzt: „Die Mannschaft hat sich Jahr für Jahr verbessert. Puzzlestück für Puzzlestück. Obwohl der Kern der Mannschaft seit Jahren zusammen ist. Wir wollen der Leuchtturmverein im Rheinland werden. Weswegen wir auch den Hashtag #hierentstehtwas“ ins Leben gerufen haben.“
Wer könnte der nächste Pokal-Gegner werden?
Durch den überzeugenden Sieg an Nikolaus, können die torhungrigen Bäckermädchen nur noch auf Mannschaften aus der Flyeralarm 1. Bundesliga treffen, vorausgesetzt dem Sieger aus der Nachholpartie Jahn Delmenhorst gegen Walddörfer SV gelingt gegen den FC Bayern kein Wunder. Die möglichen anderen Gegner fürs Viertelfinale könnten der SC Freiburg (9:1 gegen Weinberg), Eintracht Frankfurt (4:0 gegen RB Leipzig), der VfL Wolfsburg (3:1 gegen Duisburg), die TSG Hoffenheim (6:1 gegen den 1. FC Köln) oder die Sieger aus den an diesem Wochenende abgesagten Spielen Bremen gegen Meppen und Turbine Potsdam gegen Sand sein. Eines steht jetzt schon fest. Egal, welche dieser Profi-Mannschaften der nächste Pokal-Gegner für Andernach am 20. oder 21. März 2021 wird. Ein Halbfinal-Einzug wird gegen diese Gegner, auch wenn dann hoffentlich wieder Zuschauer dabei sein dürfen, allesamt verdammt schwer!
Dem Trainer ist es letztlich trotzdem egal, wer kommt, wie er zum Schluss mit einem Augenzwinkern anmerkt: „Wenn die Bayern kommen, hauen wir die eben weg!“
Weitergehen mit dem Spielbetrieb wird es nach der nicht überraschenden Absage des Liga-Spiels gegen Eintracht Frankfurt II, welches am 13. Dezember noch hätte stattfinden sollen, nun frühestens erst wieder am 7. Februar. Oder im schlechtesten Fall gar erst mit eben jenen nächster Pokalrunde, bevor dann am 28. März ein Szenario mit vielen englischen Wochen eintreten würde. So oder so, wartet nun ein längerer Winterschlaf auf die sensationell agierenden Mädels vom Mittelrhein.
Zu guter Letzt noch ein kleiner TV-Tipp: Das SWR-Fernsehen Rheinland-Pfalz begleitete für Ihre Sendung „SWR Sport“ am Sonntagabend die beiden Spielerinnen Magdalena Schumacher und Lisa Umbach in Form einer „Homestory“. Darin gestatteten die beiden „Amateuer-Sportlerinnen“ einen Blick in Ihren beruflichen Alltag als Pädagogin und Marketing-Spezialistin zu Corona-Zeiten. Wer sich den schönen Beitrag der Kollegen des öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch anschauen möchte, sollte sich in der Mediathek des Südwestrundfunk umschauen.
