Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Gewalt- und Friedenspotenziale im Christentum und im Islam
Rund 300 Besucher beim zweiten Akademietag der Pallottiner
Vallendar. Zum zweiten Akademietag der Pallottiner Vallendar an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) mit dem Thema „Gewalt- und Friedenspotenziale in Christentum und Islam“ fanden 300 Besucher den Weg zur Universität. Beide Religionen haben in ihrer vielhundertjährigen Geschichte, die nicht selten von kriegerischer Gewaltausübung begleitet war, der Auffassung Vorschub geleistet, dass vor allem monotheistische Religionen durch ihren Absolutheitsanspruch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen neigen. Dagegen spricht die Tatsache, dass eigentlich alle Schriften der großen Religionen, so auch Bibel und Koran, Botschafter des Friedens sind und Frieden stiftende und Frieden fördernde Kräfte freisetzen wollen.
Prof. Dr. Klaus von Stosch, Professor für Systematische Theologie und ihre Didaktik an der Universität Paderborn, stellte die These auf, dass der Aufruf zu Gewalt in allen monotheistischen Schriften, im Alten und Neuen Testament genauso wie im Koran, zu finden ist. Nun gehe es nicht darum, daran vorbeizusehen. Vielmehr müsse die Frage nach dem historisch-kritischen und literarischen Kontext gestellt werden. Manche auf den ersten Blick verstörende Schriftstellen gewinnen dann, nicht mehr aus dem Zusammenhang gerissen, ein ganz anderes Gesicht. So sind manche „Drohungen“ der Schriften in eine ganz bestimmte geschichtliche Situation hineingesprochen. Es mache keinen Sinn, diese einfach in unsere Zeit zu übertragen und damit die Religion als ganze zu diskreditieren. Wenn auch der Koran in gläubiger muslimischer Auffassung im Wortlaut inspiriert ist, so wurden seine Verse dennoch nicht alle zur gleichen Zeit gegeben.
Damit sei die Grundlage für ein historisches
Verständnis durchaus offen. Am Beispiel des Übergangs zum Monotheismus des Volkes Israel und Mohammeds und seiner Anhänger in Mekka machte von Stosch deutlich, dass der Glaube an den einen Gott nicht von oben herab diktiert wurde, sondern aus einfachen, an den gesellschaftlichen Rändern stehenden Gruppen erwuchs. So enthält zum Beispiel der Vers aus dem Lobgesang Mariens (Magnificat) „Gott stürzt die Mächtigen vom Thron“ ein heute von Christen im Namen des barmherzigen Gottes oft überlesenes Potenzial, Gewalt einzusetzen, um Gerechtigkeit wiederherzustellen.
In die Tat umsetzen
Die zweite Tagesreferentin, Muslima Rabeya Müller vom Zentrum für islamische Frauenforschung in Köln, ergänzte den Vortrag von Prof. Dr. Klaus von Stosch in handlungspraktischer Hinsicht mit Erfahrungen aus ihrer Tätigkeit mit gemischt religiösen Gruppen von Jugendlichen in Köln und zeigte auf, wie Friedenspotenziale in die Tat umgesetzt werden können. „Ziel ist es, eine gute Pädagogik mit Menschen machen zu können“, so Rabeya Müller, mit ergebnisoffenem Unterricht und der Schaffung von Raum für unterschiedliche Auffassungen innerhalb der Religionen.
Rabeya Müller zeigte aus islamischer Sicht drei Aspekte des Friedens auf: die Hingabe an Gott, den Frieden mit den Menschen als von Gott geschaffenen Mitgeschöpfen und den Frieden mit sich selbst, das Stehen im Einklang. Unrecht dem gegenüber sei laut Koran: unwissendes Handeln, Lästerungen, Verleumdungen, Ungerechtigkeit auf wirtschaftlicher Ebene und Zwang in der Religion. Letzteres, die Freiheit innerhalb der Religion, sei jedoch gerade heute innerhalb der verschiedenen islamischen Gruppierungen ein großes Problem, so Müller.
Für den Dialog zwischen Islam und Christentum nannte die Referentin die folgenden
unabdingbaren Voraussetzungen: 1. grundsätzliche Gesprächsbereitschaft; 2. gleiche Ebene im Gespräch - keine Abwertung von Argumenten, weil sie aus der anderen Religion kommen, 3. eine gemeinsame oberste Instanz anerkennen, eventuell in Deutschland das Grundgesetz, 4. Ergebnisse möglichst schriftlich festhalten, 5. unterschiedliche Auffassungen stehen lassen. Diese Leitlinien erarbeitete sie gemeinsam mit christlichen und muslimischen Jugendlichen. „Ziel ist es, Unterschiede zu benennen und auszuhalten“, sagte Rabeya Müller. „Darin liegt das Potenzial, Gewalt- in ein Friedenspotenzial zu verwandeln.“ Dabei sei es wichtig, neben der emotionalen Ebene immer wieder den Verstand einzuschalten, als von Gott allen Menschen geschenkte Möglichkeit.
In der anschließenden Diskussion waren neben Rabeya Müller und Prof. Dr. Klaus von Stosch noch JProf. Dr. Alban Rüttenauer SAC (PTHV) als Moderator und Matthias Blöser (Pax Christi im Bistum Limburg, Bad Homburg) auf dem Podium, um mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen. Dabei ergaben sich Fragen aus der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation wie auch nach dem Frauenbild im Islam.
Die Akademietage der Pallottiner Vallendar sind in der Region Koblenz-Neuwied-Montabaur im Verlauf ihrer 40-jährigen Geschichte zu einer Institution geworden und werden in Zusammenarbeit mit der Fachstelle der Katholischen Erwachsenenbildung Koblenz und der Katholischen Erwachsenenbildung Bildungswerk Westerwald-Rhein-Lahn veranstaltet. Am Samstag, 23. Januar, findet der dritte und für dieses Jahr letzte Akademietag zum Thema „Martin Luther verstehen - Ökumene heute leben“ von 14 bis 17 Uhr an der PTHV, Pallottistraße 3, 56179 Vallendar, statt.
Nach der Veranstaltung ist Gelegenheit zur Teilnahme an der Vorabendmesse gegeben. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Eintritt ist frei. Weitere Auskünfte unter der Telefonnummer (02 61) 6 40 22 55.
Rund 300 Besucher fanden den Weg in die PTHV zum zweiten Akademietag der Pallottiner Vallendar im Jahr 2016.
Gäste beim zweiten Akademietag 2016 der Pallottiner in Vallendar (von links): Prof. Dr. Klaus von Stosch (Universität Paderborn), Matthias Blöser (Pax Christi im Bistum Limburg, Bad Homburg), Rabeya Müller (Zentrum für islamische Frauenforschung in Köln), JProf. Dr. Alban Rüttenauer SAC (PTHV) und Prof. Dr. Alfred Schuchart (PTHV).Foto: privat
