Kulturstammtisch Kettig
Historische Führung durch den Ort
Kettig. Der im März 2013 gegründete Kulturstammtisch zur besseren Integration der Bewohner der Förder- und Wohnstätten Kettig hat unlängst eine historische Dorfführung unter der fachlichen Leitung des Ortschronisten Gerhard Elingshäuser durchgeführt.
An der „Kaiserlinde“ (Ecke Bassenheimer Straße, Ochtendunger Straße) begrüßte Gerhard Elingshäuser einige Bewohner der FWS mit ihren Betreuern und den NaturFreunden.
Er erklärte, dass die Linde 1913 zum 25. Jubiläum von Kaiser Wilhelm II (Kaiser seit 1888) unter Teilnahme aller Schulkinder mit Gesangs und Gedichtsvorträgen gepflanzt wurde. Weiter ging es durch eines der Grabengässchen zum Kettiger Bach. Der Ortschronist konnte den interessierten Zuhörern erklären, warum die Flurbezeichnung am Kindergarten „in der Pfütze“ heißt. Im Jahre 1481 war Kettig eine „Festung“ mit Palisadenzaun rund ums Dorf und einen großen wassergefüllten Graben, der vor Eindringlingen und Angreifern schützen sollte.
An den Ortseingängen waren Tore wie das „Andernacher Tor, die „Kärlicher Port“ oder das „Zolltor“ und die „Kirch-Pforte“ Die Senke am heutigen Kindergarten „in der Pfütze“ war vom Bach mit Wasser angestaut und galt als natürliche Barriere. Nach dem 30-jährigen Krieg waren die Befestigungen nutzlos und verschwanden. Jedoch sind die „Grabengässchen“ rund ums Dorf großteils erhalten geblieben. Unweit des Baches gab es eine Mehl-Mahlmühle die 1815 von Kasper Werle erbaut wurde. Die Mühle wurde bis ca. 1960 betrieben.
Weiter ging dann die Gruppe zur Bachstraße. Gerhard Elingshäuser erklärte, dass hier der Bach bis 1954 offen durch die Straße verlief. Das war für alle Kinder immer ein beliebter Spielort, so Elingshäuser. An der Schnürstraße konnte man erfahren, dass diese früher Schnurgasse und später auch Judengasse genannt wurde. Dort wohnten Seiler, aber auch seit 1550 mehrere jüdische Familien. Ebenfalls ist belegt, dass es in Kettig eine Glockengießerei gab, von der heute noch eine Glocke in Heppingen/Ahr in der Kirche hängt. Der ehemalige Kindergarten (heute Schwesternhaus und Pfarramt) wurde seit 1911 als Bewahrschule geführt. Diese wurde betreut von 1921 bis 1984 von den „Schwestern vom Göttlichen Heiland“ aus Wien.
Bei der Dobenstraße beziehungsweise Dobengasse oder in Kettiger Platt auch „Douvegass“ genannt, berichtet Gerhard Elingshäuser, dass hier früher „Dauben“ also „Fassdauben“ für Weinfässer hergestellt wurden.
Dort gibt es heute noch ehemalige Weinkeller mit dem altbewährten Tonnengewölbe. In alten Lagerbüchern wird berichtet, dass von 1718 bis 1720 Kettig mit 584000 Weinstöcken nach Güls an zweiter Stelle im Weinanbau kam.
An der Ecke Bach - Synagogenstraße zeigte Gerhard Elingshäuser die Stelle, wo bis 1976 eine Synagoge gestanden hat. Diese wurde in der Reichskristallnacht vom 9. - 10. November 1938 nicht von den Nazis geschändet, so wie in vielen Städten und Dörfern in Deutschland. Dann kamen die Teilnehmer der Führung zum „alten Pfarrhaus unten am Bach“. Hier stehen noch die Reste des aus dem 14 Jahrh. erstmals erwähnten Pfarrhauses. Eines der ältesten Häuser stand unweit davon auf der anderen Straßenseite bis kurz vor 1990. Das „Mannse Häusje“ hatte wegen der damaligen Fenstersteuer nur sehr kleine beziehungsweise zur Straßenseite hin gar keine Fenster. An der Ecke Bachstraße/Kärlicher Straße steht die „Villa Wald“. Das Herrenhaus wurde 1904 erbaut und seither im Besitz der Familie Wald.
Direkt gegenüber endet die Führung am „Godilda Platz“. Gerhard Elingshäuser erklärt zum Abschluss, dass auf diesem Platz bis 2001 die alte Hofreite der jüdischen Familie Veith gestanden hat. Zum Gedenken an die Opfer des Naziregimes und an die jüdischen Mitbürger wurden dort 2012 Stolpersteine und ein Gedenkstein gegen das Vergessen aufgestellt.
In der alten Kapelle (Besitz der Familie Wald) auf dem Platz befinden sich alte Grabsteine und Kreuze, aber auch Grabplatten mit den Namen aller Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkrieges.Pressemitteilung des
Kulturstammtisches Kettig
