Gerd Kaul füllt den christlichen Brauch seit 50 Jahren mit Leben
Ein gütiger, gut gekleideter Nikolaus mit Leib und Seele
Miesenheim. Das „Original“ war im vierten Jahrhundert Bischof von Myra. Um diesen rankten sich im Laufe der Zeit zahlreiche Legenden und seit dem 17. Jahrhundert erinnert ein christlicher Brauch an ihn. Die „Kopie“, Gerd NIKOLAUS (zweiter Vorname) Kaul, war früher Maler und Lackierer, wirbelt heute als Hausmeister im Bürgerhaus seines Heimatortes Miesenheim und steht seit nunmehr einem halben Jahrhundert aktiv für den von ihm geliebten Nikolaus-Brauch. Der 69-Jährige Familienvater, Rentner und praktizierende Katholik verkörpert den Heiligen leidenschaftlich. Auf traditionelle Art, im Bischofsgewand, mit Mitra und Stab, ohne „Knecht Ruprecht“ und Engelchen. Denn als Kind hatte er immer Angst, wenn Nikolaus mit dem Knecht vor der Türe stand. Es ist ihm daher wichtig, rücksichts- und liebevoll mit den besuchten Kindern umzugehen.
Ein schönes Gewand
1965 sollte er eigentlich nur seinen Bruder in der Rolle des Nikolaus' vertreten. Dieser mimte den Bischof aus Myra jährlich für die St. Nikolaus-Nachbarschaft, wurde dann jedoch zur Bundeswehr einberufen. Als in der Vertretungszeit die Nachfrage nach dem Besuch von Nikolaus, Gerd Kaul, im Ort stärker wurde, wuchs in dem damals 20-jährigen Feuerwehrmann das Begehren, endgültig als "heiliger Mann" durch die Vorweihnachtszeit zu gehen. War es zunächst nur ein einfaches, rotes, weiß-besetztes Wichtelkostüm einer Karnevalsgruppe, das er erwarb, so sollte ein paar Jahre später sein Traum von einem würdigen Messgewand in Erfüllung gehen. Durch eine Freundin der Familie war der Nikolaus-Ruf des Miesenheimers zu einem Pfarrer in der Eifel gelangt. Der bedachte ihn kurz vor seinem Tod in seinem Vermächtnis mit einem wertvollen Gewand. Ein weiteres Gewand nähte ihm später eine Schulfreundin, ein drittes bestellte Kaul bei einem Kirchenbedarfshandel. „Ich bin ein reicher Nikolaus!“, lacht Gerd NIKOLAUS Kaul, als er seine Ausstattung betrachtet.
60 Einsätze im Jahr
Rund 60 Einsätze hat er in jedem Jahr in der Andernacher Region. In den 1980/90er-Jahren wirkte er zehn Jahre als Nikolaus des Weihnachtsmarktes in Andernach. Wenn er von seinem damaligen Auftritt mit dem Tölzer Knabenchor erzählt, werden noch heute seine Augen feucht. Was sich in den 50 Jahren seines Nikolaus-Daseins verändert hat? „Heute werden die Kinder mit Geschenken überhäuft“, stellt Kaul fest und bedauert, dass es bei einigen Wenigen an einer angemessenen vorweihnachtlichen Atmosphäre fehlt. Manchmal müsse er auch mal darum bitten, dass man den Fernseher ausschaltet.
Da kannst Du was erleben …
Auf berührende Begegnungen mit kranken Kindern schaut Nikolaus Kaul zurück, aber auch auf lustige Erlebnisse mit seiner jungen Klientel. Da war zum Beispiel ein kleines Mädchen, das von ihm gefragt wurde, ob es dem Nikolaus ein Lied singen könne. Und durch das Wohnzimmer marschierend tönte die Kleine „Ja, wenn et Trömmelche jeht“. Oder der Fünfjährige, der sich die, von der Mutter in Nikolaus‘ goldenes Buch gelegten, Ermahnungen anhören muss, die Belehrung dann aber eindrucksvoll mit “Verdammter Mist. Ich mach den Krempel hier nicht mehr mit!“, beendet und sich in seinem Zimmer einschließt. Als Nikolaus Kaul vor vielen Jahren mal Kinder, die ihm nachstellten, „verscheuchen“ wollte, stolperte er über seinen hölzernen Bischofsstab, sodass dieser zerbrach. Schnell erfolgte im Keller die Reparatur und die Tournee konnte weitergehen. Dieses Missgeschick wird ihm wohl nicht mehr widerfahren, verfügt er doch heute über einen glänzenden Messingstab. „Solange der Herrgott mich lässt.“, antwortet Gerd NIKOLAUS Kaul auf die Frage, wie lange er noch den Heiligen spielt und schaut dann ernst, aber gütig den "Blick aktuell"-Mitarbeiter an, der zunächst den Interview-Termin verschwitzt hatte: „Als Nikolaus sage ich Ihnen einen Satz: Ich hoffe, dass Sie sich im nächsten Jahr bessern!“
„Welches Gewand trage ich heute?“- auch ein Nikolaus hat Kleidersorgen.
