Allgemeine Berichte | 02.02.2015

Nach über 130 Jahren Sangesfreude im Männerchor nun das Ende

MGV „Liedertafel“ wirft das Handtuch

Einer der letzten konzertanten Auftritte der „Liedertafel“ beim Hafenfest, Pfingsten 2013, in Brohl-Lützing. FA

Bad Breisig. Schon einige Zeit war es ein Gerücht in der Quellenstadt, jetzt ist es amtlich: Der MGV „Liedertafel“, der älteste kulturausübende Verein der Stadt, gibt auf. Nach mehr als 130 Jahren engagierter Pflege schönster Männerchor-Literatur, nach vielen Jahrzehnten unschätzbaren Einsatzes für das Kulturleben der Fremdenverkehrsstadt Bad Breisig, nach vielfältigen erlebenswerten Geschenken konzertanten Chorgesangs für Bürger und Gäste, geben die wenigen verbliebenen Sänger auf.

Sänger-Nachwuchs fehlt

Der MGV „Liedertafel“ ist ein Opfer der sich wandelnden Altersstruktur in der Einwohnerschaft von Bad Breisig geworden - es fehlt gravierend an Sänger-Nachwuchs. Damit steht die „Liedertafel“ nicht allein. Die Freude am Männerchor-Gesang muss anderen Trends im musikalischen Geschmack Tribut zollen. Bei dem Niederbreisiger Chor gilt: Alle Bemühungen, die sich auf natürlichem Weg lichtenden Reihen der Aktiven durch intensive Werbung aufzufüllen, schlugen fehl. Tatsache ist: Der jüngste Sänger der „Liedertafel“ ist aktuell 67 Jahre alt.

Unter diesen niederschmetternden Umständen kam bei der gerade stattgefundenen satzungsgemäßen Jahresversammlung im Restaurant Niederée unter dem Vorsitz von Viktor Schmickler der übereinstimmende Beschluss zustande, die Tätigkeit des Vereins für ein Jahr auszusetzen.

Proben werden eingestellt

Dem Dirigenten Eberhard Hohn wurde gekündigt, die Proben werden eingestellt, Beiträge werden nicht mehr erhoben. Insgesamt hat der noch in Amt und Würden agierende Vorstand wenig Hoffnung, dass sich die Bemühungen um Sanierung des Chors während des „Ruhe-Jahres“ lohnen werden; kurzum: man ist auf die Notwendigkeit zur endgültigen Auflösung des MGV vorbereitet. Inzwischen müssen Maßnahmen zur Sicherung des vorhandenen Notenmaterials und sonstigen Bestands getroffen werden. Sollte es zur abzusehenden endgültigen Auflösung kommen, fallen Kassenbestand und Inventar satzungsgemäß an die Stadt. Um Weichen in dieser Hinsicht zu stellen, traf sich der Vorstand jetzt mit Stadtbürgermeisterin Gabriele Hermann-Lersch. Die kürzlich in dieses Amt gewählte Bürgermeisterin zeigte sich betroffen über die Entwicklung in dem traditionellen, wichtigen Verein. Geschäftsführer Peter Krahforst rief noch einmal wesentliche Fixpunkte aus der Vita des Chors in Erinnerung: Von 21 Breisiger Bürgern im Jahr 1884 gegründet, erlebte die „Liedertafel“ höchst erfolgreiche Zeiten, wenn auch zwei Weltkriege jeweils empfindliche Lücken in die Sängerschar rissen.

Besondere Erfolge und große Dirigenten

Die alljährlichen großen Konzerte, besonders auch die „runden“ Geburtstage der „Liedertafel“, waren jeweils Feste, die in der Historie der Stadt bleibende Spuren hinterließen. Große Dirigenten führten den Chor zu besonderen Erfolgen. War es zur Gründerzeit Carl Breitbach mit seiner großen Musikalität, so waren es in der Folge Ludwig Bahn oder Willi Müller, die für angemessene Leistung des Chores sorgten. Von 1952 bis 1954 war es Carl Weismandel aus Bonn, der dem Chor zu einem hohen Ansehen verhalf. Nach Carl Weismandels Unfalltod und der vorübergehenden Aushilfe Peter Baumanns am Dirigentenpult übernahm Siegfried Prang aus Koblenz für 16 Jahre die Leitung der Liedertafel. Sein plötzlicher Herztod bescherte Claus Weber, dem renommierten Koblenzer Musiklehrer, die Berufung zur Leitung der „Liedertafel“. Unter seiner Leitung erlebte der Chor u.a. als Höhepunkt die Einladung zu Bundespräsident Richard von Weizsäcker, aus dessen Hand die „Liedertafel“ die „Zelterplakette“ erhielt. Damals hatte der Chor mit 63 Sängern seine größte Stärke. Nach Claus Webers krankheitsbedingtem Ausscheiden folgten Baro Becker als Dirigent, zuletzt Eberhard Hohn. Beide hielten die Qualität des Chores hoch. Dabei halfen auch eine Reihe bedeutender, langjähriger Vorsitzender der „Liedertafel“, darunter Dr. Franz Huyeng, Alois Lessenich, Erich Fabritius, Kurt Berlin und andere. Viele Chor-Freundschaften wurden gepflegt, so zum Passatchor Travemünde, zum Königlichen Marienchor Eupen/Belgien, zum Karwendel-Chor Mittenwald und zum MGV Langenbrand/Schwarzwald. Besuche und Gegenbesuche vertieften Freundschaften. Alle zwei Jahre machte die „Liedertafel“ erfolgreiche Konzertreisen, anlässlich derer manche Bande zu anderen Chören geknüpft wurden. Lange schien der Bestand der „Liedertafel“ zur Pflege deutschen und internationalen Liedguts und als Botschafter der Quellenstadt auf Dauer gesichert.

Zahlreiche Leistungsausfälle

Aber rund um seinen 130. Geburtstag deutete sich an, dass der Chor um sein Fortbestehen bangen musste. Unerwartet viele und plötzliche Ausfälle von Leistungsträgern in den verschiedenen Stimmlagen ließen den Chor schrumpfen, sodass zu guter Letzt kein qualitativ angemessenes Chorsingen mehr möglich war. Konsequente Folge: Das Einstellen der Proben, zunächst auf ein Jahr. Was danach kommt, wird man sehen.

Viele Generationen Breisiger Bürger und Gäste haben sich am Gesang der „Liedertafel“ erfreut - der Chor hat sich um die Quellenstadt, um ihr musisches und geselliges Leben verdient gemacht. Außerdem: der Chor war stets ein Aushängeschild für Bad Breisig. Man wird ihn vermissen.

Chorreisen unter den Sängern, aber auch große Ausflüge mit den Damen waren Höhepunkte des geselligen Lebens im Chor.

Chorreisen unter den Sängern, aber auch große Ausflüge mit den Damen waren Höhepunkte des geselligen Lebens im Chor.

Einer der letzten konzertanten Auftritte der „Liedertafel“ beim Hafenfest, Pfingsten 2013, in Brohl-Lützing. Fotos: FA

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