Allgemeine Berichte | 23.11.2021

Der Wiederaufbau im BLICK

Wirtschaft im Ahrtal: „Die Menschen merken: Hier passiert etwas!“

Hermann Kruop interessiert sich für den Wiederaufbau im Ahrtal.

Hermann Kruop interessiert sich für den Wiederaufbau im Ahrtal.

Sinzig. Nach der verheerenden Flutnacht vor über vier Monaten ist im Kreis Ahrweiler nichts mehr so, wie es einmal war. Das gilt auch für die heimische Wirtschaft. Enorm viele Unternehmen an der Ahr sind von der Zerstörung betroffen, manche Einzelhändler haben nicht nur ihr Geschäft, sondern auch ihr Privathaus verloren. Dass es trotzdem weiter gehen muss, ist auch für Volker Danko, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Bad Neuenahr, und Tino Hackenbruch, Leiter der Wirtschaftsförderung des Kreises Ahrweiler, klar. Wie die Zukunft des Wirtschaftsstandortes im Kreis Ahrweiler aussehen kann, wollte nun Hermann Krupp wissen. Der BLICK aktuell-Chefredakteur und Geschäftsführer des Krupp Verlages hatte Hackenbruch und Danko zum Redaktionsgespräch nach Sinzig eingeladen.

Die Flut im Ahrtal hat nicht nur die Region verändert, sondern auch die Menschen. „Wie haben Sie sich am Morgen des 15. Juli gefühlt?“, möchte Krupp von seinen Gesprächspartnern wissen. Volker Danko, der in der Kreuzstraße in Bad Neuenahr ein Wein- und Feinkostgeschäft betreibt, schildert seine Erlebnisse. „Ich war praktisch live mit dabei,“ sagt er. Zunächst galt seine Sorge allerdings vorrangig dem Arbeitsplatz seiner Frau, die in der Adler-Apotheke, ebenfalls in Bad Neuenahr, arbeitet. Die Apotheke liegt nahe am Ahrufer und Danko half dort mit, um das Geschäft „hochwassersicher“ zu machen. Medikamente, die gekühlt werden mussten, brachte er in sein Geschäft in die dortigen Kühlschränke. Dass auch sein Geschäft in nur wenigen Stunden einem Trümmerfeld gleichen würde, ahnte er zu diesem Punkt nicht im Geringsten. Die Nacht verbrachte Danko noch zu Hause in Heppingen. Glücklicherweise blieb sein Wohnhaus verschont. Doch die Kreuzstraße glich noch um 6.45 Uhr des 15. Juli einem „reißenden Strom“ wie er sagt. Erst dann habe er das ganze Ausmaß der Katastrophe realisiert.

Tino Hackenbruch war am Abend des 14. Juli noch unterwegs und hatte einen Außentermin in Kempenich. Dort sah er bereits die Feuerwehr im Einsatz, aber konnte sich nicht vorstellen, dass eine Katastrophe historischen Ausmaßes bevorstehe. Hackenbruch wohnt mit seiner Familie in Heimersheim. Das Wasser stand bei ihm nur fünf Zentimeter hoch. Das Wasser kam nicht von der Ahr, sondern floss von einem nahen Weinberg ab. Als dramatisch beschreibt er das Gefühl, als er den Kontakt zu seinen Schwiegereltern in Bachem nicht herstellen konnte. Zwar konnte er mit deren Nachbarn telefonieren, fuhr aber am Morgen des 15. Juli schließlich selbst dort hin. Glücklicherweise waren die Schwiegereltern wohlauf, doch die allgegenwärtige Zerstörung werde ihn als Eindruck noch lange begleiten, so Hackenbruch.

Menschen für Warnungen sensibilisieren

„Was hätte man im Vorfeld anders machen können, um diese Katastrophe zu verhindern?“, fragt Krupp. Angesichts der Flutkatastrophen der vorherigen Jahrhunderte habe man versäumt, der Ahr genügend Raum zu lassen, ist sich Volker Danko sicher, fügt aber hinzu: „Im Nachhinein ist das ganz einfach zu sagen, was besser gewesen wäre.“ Hochwasserschutz müsse neu gedacht werden, gerade in Zeiten des Klimawandels. Auch das Brückenproblem müsse gelöst werden. Durch die Stauung von Treibgut wurde die Kraft des Wassers verschärft, so Danko.

Für Tino Hackenbruch stehe fest, dass das Alarmierungssystem verbessert werden müsse. Ein Schritt sei bereits getan. Mit der Erweiterung des Sirenennetzes im ganzen Kreis Ahrweiler könne nun effizienter gewarnt werden. Es gehe in Zukunft darum, die Bevölkerung für das Alarmsignal zu sensibilisieren. Dazu benötige es ein Warnsignal mit Wiedererkennungswert. „Die Menschen müssen sofort anhand des Tons der Sirenen erkennen, welche Art von Gefahr droht.“

Sofort nach der Katastrophe kamen viele Menschen in das Ahrtal, um beim Aufräumen kräftig anzupacken. Auch die Spendenbereitschaft war gigantisch, weiß Krupp. „Wie bewerten Sie diese Hilfe?“, möchte der BLICK aktuell-Chef wissen. Volker Danko ist immer noch begeistert. Egal ob Freunde oder Fremde - alle packten mit an. Auch die organisierte Hilfe sei sehr hilfreich gewesen. Er erinnere sich gut daran, wie Helfer der DHL seine Weinflaschen spülten – und dies mit Motivation und Freude. Zu diesem Zeitpunkt sei er hingegen „am Boden zerstört“ gewesen. Sein Geschäft war zerstört, seine Mitarbeiter waren ebenfalls persönlich betroffen. Die waren zu diesem Zeitpunkt im Hilfseinsatz. Aber der Optimismus, mit dem die Helfer ans Werk gingen, habe ihn aufgebaut.

Das sieht auch der Wirtschaftsförderer so. „Ich habe keinen Zweifel, dass es doch echte Menschlichkeit gibt“, sagt Tino Hackenbruch. Seit der Flut sei er sich da wieder sicher. Auch sein Netzwerk, bestehend aus den Wirtschaftsförderern anderer Kommunen, habe bestens funktioniert. Niemand habe sich weggeduckt, sondern direkt geholfen. Diese Erfahrung habe er auch bei Automobilherstellern gemacht, die im Kreis helfen wollten. Denn die Kreisverwaltung brauchte kurz nach der Flut dringend Busse und geländegängige Fahrzeuge. Die Antwort war nicht „ob, sondern wie viele?“, blickt Hackenbruch zurück. Gleiches galt für Bauunternehmer, die mit ihren Baggern anrückten. „So etwas hätte ich niemals gedacht“, so Hackenbruch.

Reden und Zuhören ist auch helfen

„Viele Unternehmer im Ahrtal sind gleich doppelt betroffen,“ sagt Krupp. „Neben dem Geschäft ist auch oft das Privathaus beschädigt oder zerstört. Wie geht man mit den menschlichen Schicksalen um, die Sie in ihrem Alltag erleben?“ Tino Hackenbruch kennt diese Situation. Als Wirtschaftsförderer des Kreises ist er direkter Ansprechpartner für betroffene Unternehmer. „Ich habe sehr viel Kummer und Sorgen erlebt,“ so Hackenbruch. Aber es sei wichtig, „auch mit den Ohren zu helfen,“ sagt er. Es war wichtig, den Ängsten der Menschen zuzuhören und den betroffenen Unternehmern die richtigen Signale zu senden. „Wer behauptet, dass der Wiederaufbau „Zehn plus x“ dauert, nimmt den Menschen allen Mut“, so Hackenbruch. Aussagen wie diese, seien für ihn kontraproduktiv für den Wiederaufbau. Und: Man dürfe diejenigen nicht vergessen, die eben nicht anrufen oder vorbeikommen, sondern in Stille trauern. Um diese Menschen müsse man sich kümmern. Gerade so kurz vor dem Weihnachtsfest stehen „uns harte Wochen bevor.“ Es werde schwierig, zu begreifen, dass dieses Fest ein völlig anderes als üblich sein wird und manche feiern in einer anderen Unterkunft als dem eigenen Zuhause. Da diese Situation für viele Menschen schwierig sein wird, rät Hackenbruch, das Angebot des Beratungsbusses des Kreises Ahrweiler wahrzunehmen.

Für Danko stehe fest, dass es für viele seiner Kollegen schwer sei, nach nur so wenigen Wochen nach der Flut in die Zukunft zu schauen. Dennoch herrsche „realistischer Optimismus“. Dieser Optimismus müsse nun nach außen gestrahlt werden. „Es lohnt sich auch jetzt, das Ahrtal zu besuchen“, sagt er. „Hier müssen wir eine klare Nachricht aussenden“, so Danko weiter. Besucher von auswärts müssen die Scheu verlieren, das Ahrtal zu besuchen. Zur Stimmung im Tal befindet der Vorsitzende der Werbegemeinschaft, dass die Menschen erschöpft seien, aber es ihnen den Umständen entsprechend gut ginge. Jedoch bemerke auch er, dass viele Menschen emotionaler und durchaus dünnhäutiger wären als vorher. Danko schließt sich dabei nicht aus. Deshalb sei es wichtig, über das Erlebte und die Herausforderungen der Zukunft zu reden.

Pop-Up-Malls als wichtiges Signal

„Wie sehen die weiteren wichtigen Signale aus, die die Einzelhandels- und Unternehmerbranche senden kann?“, hakt Krupp nach. „Die Eröffnung der Pop-Up-Malls war ein ganz wichtiges Zeichen“, ist sich Danko sicher. Es gäbe Einwohnerinnen und Einwohner, die mit dem Ahrtal weniger emotional verwurzelt seien, als manche andere. Sobald die Einkaufsmöglichkeiten oder Kulturangebote nicht mehr vorhanden wären, verabschieden sich diese Bürger und ziehen um. Mit den Malls sei ein Zeichen gesetzt worden, um diesem Effekt entgegenzuwirken. „Die Menschen merken: Hier passiert was!“ Dem pflichtet auch Tino Hackenbruch bei. Dies sei insbesondere den Unternehmern zu verdanken, die mit großem Gestaltungswillen und Kreativität den Wiederaufbau angehen. Geht es nach Hackenbruch, muss der Aufbau nun zügig vorangehen. Denn viele Menschen denken, dass es den Händler erst seit der Flut schlecht gehe. Das sei jedoch nicht korrekt: Es ging den Unternehmern schon seit Corona schlecht. Umso schneller müssen jetzt wieder die Geschäfte öffnen.

Als nächstes erwähnte Hermann Krupp ein Thema, dass gerade Unternehmer sehr betrifft. „Maschinen oder Geräte, die durch die Flut Schäden davontrugen, sollen ersetzt werden“, so Krupp. „Wird dann der Zeit- oder der Neuwert ersetzt?“ Tino Hackenbruch sagt: „Falls die Maschinen reparierbar sind, werden die Reparaturkosten erstattet, falls sie komplett kaputt sind, wird der Zeitwert ersetzt“, so der AW-Wirtschaftsförderer und fügt hinzu: „Wir wissen, dass das nicht der Goldene Weg ist.“ In der Folge seien jedoch die Ersatzeinkommen zum Kompensieren der Ausfälle verlängert worden.

Der Katastrophenstatus ist vorbei

„Wo stehen wir gerade im Ahrtal, wie ist der Ist-Zustand?“ lautet Krupps nächste Frage. Hackenbruch: „Der Katastrophenstatus ist seit einigen Wochen vorbei“. Es sei erstaunlich, in welcher kurzen Zeit beispielsweise Gasleitungen verlegt wurden. Tolle Initiativen wie „Handwerk baut auf“ stellen kreative Ideen dar, um den Aufbau zu beschleunigen. Jetzt gelte es, Vorteile für die Zukunft zu ziehen. Zum Thema Aufbau hat der BLICK aktuell-Chefredakteur eine weitere Frage: „Hätten Sie gedacht, dass die Behelfsbrücken in so kurzer Zeit stehen?“ Dazu Tino Hackenbruch: „Nein. Ich wusste zwar, dass der Bund diese Brücken besitzt“, sagt er, aber „dass die dann auch so schnell stehen, war eine positive Überraschung.“

„Was muss besser werden, auch in der Außendarstellung des Ahrtals?“, fragt Hermann Krupp seine Gäste. Danko: „Wir müssen uns nicht nur fragen, wie der Aufbau gelingt, sondern auch, wie die Zukunft im Ahrtal aussehen soll“, sagt er. Für die touristische Außendarstellung müssen Markenaussagen gefunden werden. Eine Vorstellung habe Danko schon: „Für mich steht in Bad Neuenahr das Thema Essen und Trinken im Vordergrund, während Ahrweiler eine Manufakturstadt ist“, erläutert er das Konzept. Tino Hackenbruch sieht es in Bezug auf die Außendarstellung ähnlich. Durch die vielen Helfer hat das Ahrtal nationale und internationale Bekanntheit erlangt. „Es gilt jetzt, dieses Eisen weiter zu schmieden.“ Genau jetzt habe das Ahrtal Rückenwind und dieses Potential gelte es zu nutzen.

„Der Wiederaufbau ist eine große Herausforderung, bietet aber auch enorme Chancen,“ fasst Krupp zusammen. „Welche Chancen sehen Sie konkret?“ Für Danko sei es wichtig, neue Erlebnisräume in der Stadt zu gestalten. Auch das Einkaufen soll wieder mehr zum Erlebnis werden. Dazu benötige es neue, kreative Angebote. Die Digitalisierung muss endlich im Einzelhandel ankommen. Volker Danko war hier schon vor der Flut und Corona gut aufgestellt. Sein Online-Shop helfe ihm nach der Katastrophe ungemein. Wichtig sei, dass die Projekte in der Stadt nicht nur Ideen bleiben. „Wir müssen den Aufbau umsetzen und die Chancen nutzen – das geht nur gemeinsam“, sagt Danko. Tino Hackenbruch betrachtet den Wiederaufbau ebenfalls als Möglichkeit, das Ahrtal moderner zu gestalten. „Modellregion“ sei hier möglicherweise nicht das richtige Wort, sagt er. Aber es bestände jetzt die einmalige Chance, das Tal auf den Stand von 2021 zu bringen. Das beinhalte neueste Glasfasertechnik und moderne Heizungen in jedem Haus. Auch die Elektrifizierung der Ahrtalbahn sei ein Thema. Hackenbruch sehe es jedoch genauso wie Danko: „Alle diese Projekte können wir nur gemeinsam umsetzen.“

Text/Foto: Daniel Robbel

Hermann Kruop interessiert sich für den Wiederaufbau im Ahrtal.

Hermann Kruop interessiert sich für den Wiederaufbau im Ahrtal.

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