Allgemeine Berichte | 01.07.2026

Mehrere Maßnahmen stehen zur Verfügung.

Ahrtal: Wie könnte eine erneute Flut verhindert werden?

In Kreuzberg ist die Aufweitung der Ahr schon vollzogen. Das kleine Foto zeigt die Situation vor der Maßnahme.  Foto: GS

Kreis Ahrweiler. HoRaK- diese Abkürzung steht für ein Wortungetüm, das gleichzeitig die Zukunft des Kreises Ahrweiler in sich birgt. HoRak ist die Stabsstelle Hochwasserresilienz und Aufbaukoordination der Kreisverwaltung Ahrweiler. In dieser ist alles gebündelt, was dazu beitragen kann, künftige Katastrophen wie die Flut vor fünf Jahren zu verhindern.

Wobei Stabsstellenleiter Markus Göbel bei einer Info-Tour an der Oberahr auch klar machte: „100-prozentigen Schutz gibt es nicht.“ Göbel gab im Bürgerhaus von Insul sowie an der Ahr in Kreuzberg Informationen zur Vorgehensweise des Kreises beim Hochwasserschutz: „Die Gewässerwiederherstellung ist ein Teil des Hochwasserrisikomanagements im Kreis Ahrweiler. Daneben sind der überörtliche Maßnahmenplan, die Hochwasserpartnerschaft Ahr, die örtlichen Hochwasser- und Starkregenvorsorgekonzepte und örtliche Planungen sowie die Eigenvorsorge essentiell für eine effektive Hochwasservorsorge und greifen ineinander.“

Förderanträge gestellt

Die Gewässerwiederherstellung verfolge das Ziel, ein HQ 100 neu – also ein 100-jähriges Hochwasser - möglichst schadlos durch die Ortschaften oder daran vorbei zu bringen. „In manchen Bereichen wie in Altenahr ist dies aufgrund der Topographie jedoch nicht möglich“, so Göbel. Dort werde dann ein statistisches Hochwasserereignis HQ 20 als Planungsziel verfolgt. Für die einzelnen Teilabschnitte habe die Kreisverwaltung 40 Förderanträge mit einem geschätzten Volumen von rund 450 Millionen Euro beim Fördergeber eingereicht. Mit Stand Ende Mai 2026 seien bereits 26 Millionen Euro verausgabt worden.

Herausfordernd ist laut Göbel die Verfügbarkeit der Grundstücke: „Während die Kommunen entlang der Ahr die Inanspruchnahme der eigenen Grundstücke für Zwecke der Gewässerwiederherstellung dem Kreis in der Regel einräumen, müssen mit jeder privat betroffenen Person umfangreiche Abstimmungen getroffen werden. Baumaßnahmen ohne Zustimmung der Eigentümer sind ausgeschlossen. Die Kreisverwaltung versucht, möglichst alle Zustimmungen zu erhalten oder die betroffenen Flächen zu erwerben.“ Überzeugungsarbeit, die die Mitarbeiter der Stabsstelle leisten und in schwierigen Fällen – auch die gibt es – dafür auch „dreimal klingeln“. Denn Hochwasserschutz geht nur, wenn alle mitziehen, auch die, die die Horrorflut von 2021 innerlich verdrängt haben. „Und die nächste Flut wird kommen“, so der Stabsstellenleiter.

Intensive Abstimmungen

Daneben sind weitere Abstimmungen mit sonstigen Beteiligten, wie den Kommunen, dem Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz (LBM), der Deutschen Bahn, weiteren Leitungsbetreibern sowie Vertretungen des Naturschutzes und der Wasserwirtschaft erforderlich. „Je nach Komplexität sind intensive Gespräche und Verhandlungen notwendig“, sagt Göbel, der in Insul und Kreuzberg vor Ort auch über konkrete Maßnahmen informierte.

So werde in Insul auf Wunsch der Ortsgemeinde um Bürgermeister Ewald Neiß das Ziel verfolgt, ein HQ 20 schadlos durch den Ort zu führen. Für ein HQ 100 neu wären die Planung und Bau von Schutzmauern nötig, was jedoch im Dorf auf wenig Begeisterung stieß. Insgesamt geht die Kreisverwaltung derzeit von einem Ausgabevolumen von vier Millionen Euro aus. Baubeginn ist für Ende 2026 geplant. Hier ist die Planung des LBM wegen der kreuzenden Kreisstraßenbrücke integriert, die zurzeit durch eine Behelfsbrücke ersetzt wird und im Gegensatz zur von der Flut zerstörten Brücke dann zweispurig verlaufen soll.

In Kreuzberg konnte laut Göbel Ende 2025/Anfang 2026 die Gewässerwiederherstellung auf der rechten Ahrseite durch umfangreiche Absenkung des Vorlandes erreicht werden. Der Fachbegriff dafür lautet: Sohllagemit abgesenkter Sekundäraue. Oder einfach gesagt: Mehr Platz für die Ahr im Fall der Fälle. Dafür wurden insgesamt rund 20000 Kubikmeter Erdreich mit rund 2200 Lkw-Ladungen entfernt, um so der Ahr im Hochwasserfall mehr Raum zu geben. „Das macht sich nicht an einem Samstagvormittag“, so Göbel, der auch betonte: „Bei der Maßnahme in Walporzheim muss dann überall eine Null drangehangen werden: 200000 Kubikmeter, 22000 Lkw.“ Alle das mit dem Ziel, dass die Ahr sich verändern kann, denn sie sei ein lebendes Organismus.“

Um aber ein Flutereignis wie 2021 mit 1150 Kubikmetern Wasser pro Sekunde zumindest auf ein Hochwasser wie 2016 mit 400 Kubikmetern pro Sekunde reduzieren zu können, dafür sind laut Göbel im Einzugsbereich der Ahr, der über die Kreisgrenzen hinaus geht, 16 Rückhaltebecken notwendig. Eine Generationenaufgabe für einen Zweckverband, die zuzüglich eines Beckens im Vinxtbachtal, also nicht im Ahrgebiet, mit rund 1,7 Milliarden Euro veranschlagt wird. In der Prioritätenliste stehen dabei die Becken an den Zuflüssen Sahrbach, Armuthsbach, Ahbach und Trierbach ganz oben stehen.

LBM baut neue Brücken

Ganz oben steht für Nicole Marzi, Fachgruppenleiterin für den konstruktiven Ingenieurbau beim Projektbüro Wiederaufbau Ahrtal des LBM, beim Bau von neuen Ahrbrücken für die Kreisstraßen „die Optimierung der Hochwasserresilienz“ unabdingbar. Diese könne durch einen größeren Abfluss oder angepasste Bauweisen erreicht werden, sagt die Ingenieurin, die vielen noch vom Tunnelbau der Umgehung Altenahr ein Begriff ist. Der LBM führt im Auftrag des Kreises die Umsetzung von drei Brücken durch: die Ahrbrücke der K 25 in Insul (4,1 Millionen Euro), die Ahrbrücke der K 28 in Liers (4,1 Millionen Euro) und die Ahrbrücke der K 29 in Brück (5,3 Millionen Euro). Marzi: „Alle drei Bauwerke befinden sich in der Planung. Hier werden zunächst Variantenuntersuchungen durchgeführt, um die optimale Variante zu ermitteln. Ziel ist es, die Hochwasserresilienz unter Berücksichtigung der jeweiligen Situation vor Ort maßgeblich zu erhöhen.

Details finden sich für Interessierte auch im „Gestaltungshandbuch – Brücken im Ahrtal“ (abrufbar unter https://lbm.rlp.de/), das sowohl dem Land wie auch den Kommunen und Gestaltungsbüros als Leitfaden dienen soll. Es wurde zusammen vom LBM-Projektbüro Wiederaufbau Ahrtal und weiteren Baulastträgern (Bad Neuenahr-Ahrweiler, Sinzig, die Verbandsgemeinde Altenahr und die Deutsche Bahn) entwickelt. GS

In Kreuzberg ist die Aufweitung der Ahr schon vollzogen. Das kleine Foto zeigt die Situation vor der Maßnahme. Foto: GS

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