Allgemeine Berichte | 04.11.2022, 10:17 Uhr

Ein Dokumentarfilm über Gerd Müller im ZDF

Der Fußballstar, der nur Torjäger sein wollte

Uli Weidenbach aus Bad Neuenahr-Ahrweiler gibt Einblicke in den Lebensweg eines Ausnahmefußballers

Torschütze Müller (M.) nach dem WM-Sieg 1974. Nach dramatischem Verlauf und einer zweiten Halbzeit voller Druck durch die Niederländer konnte die deutsche Mannschaft am 7. Juli 1974 in München das Fußball-WM-Finale glücklich mit 2:1 für sich entscheiden.  Foto: ZDF/Karl Schnoerrer
273

Bad Neuenahr-Ahrweiler/Mainz. Mit der Doku über Gerd Müller bewegt sich der Filmemacher Uli Weidenbach auf einem Terrain, in dem er sich bestens auskennt. Biografisch konzipierte Filme über Franz Beckenbauer und Paul Breitner hat er bereits produziert. Diese beiden Dokumentationen über den „Kaiser“ (2020) und den „Rebellen“ (2021) zeigten die Handschrift des Filmemachers aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, dem es wichtig ist, seine dokumentarisch untermauerten TV-Biografien in die Zeitgeschichte ihrer Epoche einzubetten. Man kann den Film über Gerd Müller als eine neue Episode in einer Trilogie über die damaligen Stars des FC Bayern München betrachten. In Verbindung mit den beiden bereits vorliegenden ZDF-Filmen zeigt sich der besondere Wert dieser neuen Produktion. Beckenbauer, Breitner und Müller waren herausragende Fußballstars der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

In ihren Biografien spiegeln sich exemplarisch die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Bundesrepublik jener Jahre und die neuen Strukturen des sich damals rasant entwickelnden Profifußballs. An diesen Fußballidolen ist bemerkenswert, dass sich diese drei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten vor dem Hintergrund gleicher Zeitumstände und ähnlicher Rahmenbedingungen entwickelten.

Weidenbach zeigt in seinem Film die ganze Bandbreite markanter biografischer Fixpunkte im Leben von Gerd Müller. Sie reichen von seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen in der bayrischen Provinz, seinen großen sportlichen Erfolgen, den Konflikten mit Mitspielern und Vereinsoberen, bis hin zu privaten Tiefpunkten, der Arbeit als Assistenztrainer und dem Schicksal seiner Demenzerkrankung. Diese Doku profitiert davon, dass es dem Autor gelang, mit Paul Breitner, Sepp Maier und Hermann Gerland langjährige Weggefährten des Fußballstars als Interviewpartner zu gewinnen. Weidenbach konnte Ehefrau Uschi Müller zur Mitarbeit an diesem TV-Projekt über ihren Mann bewegen. Eine Seltenheit, denn in fünf Jahrzehnten hatte sie es stets vermieden Fernsehinterviews zu geben. Zum ersten Mal kommentiert sie in diesem Film einzelne Lebensphasen ihres verstorbenen Ehemanns. So entstanden authentische Einblicke in das Leben eines Ausnahmefußballers, der als „Bomber der Nation“ gemeinsam mit dem „Kaiser“, Franz Beckenbauer, den deutschen Fußball der 70er Jahre wie kein anderer prägte.

Die zeitgeschichtlichen Aspekte von Müllers Karriere kommentiert in dieser ZDF-Produktion der Historiker Hans Woller. Er ist ein ausgewiesener Experte für dieses Thema. 2019 publizierte er das Buch „Gerd Müller, oder wie das große Geld in den Fußball kam“ und beschrieb am Beispiel der Biografie des Torjägers die Verquickung von Profifußball, Finanzinteressen und dem politischen Establishment. Die verschiedenen Abschnitte seines Lebens, die Woller in seinem Buch faktenreich beschrieb, werden in diesem Film deutlich. Weidenbachs Doku ist also mehr als eine gut bebilderte nostalgische Heldenstory über ein Fußballidol vergangener Tage. Sie zeigt, dass sportlicher Erfolg, Geld und der Aufstieg zum „Weltstar“ für Gerd Müller zunehmend zu einer Belastung wurde. Sein rasanter Aufstieg fiel in eine Zeit, in der von einem Fußballstar neben dem Können auf dem Fußballplatz auch das Talent zur medialen Selbstinszenierung und Selbststilisierung erwartet wurde.

Gespräche mit Uschi Müller, Paul Breitner, Sepp Maier und dem Historiker Hans Woller

Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Uli Hoeneß und Günther Netzer hatten das erkannt. Gerd Müller konnte und wollte an diesem Punkt nicht in gleicher Intensität mithalten. Er fühlte sich in dieser neuen Welt des Profifußballs, die faktisch zu einem Teil der Unterhaltungsindustrie wurde, nie so richtig wohl und immer ein wenig fremd.

An seiner Biografie wird außerdem das Spannungsfeld deutlich, in dem sich gesellschaftliche Aufsteiger bewegen. Dem Herkunftsmilieu entfremdet und in den besseren Kreisen noch nicht angekommen, musste Müller erkennen, dass zum modernen Fußballidol mehr gehört als ein außergewöhnliches sportliches Talent. Neben dem Fußballplatz gewannen stetig andere gesellschaftliche Spielfelder eine immer größere Bedeutung. Ohne den sportlichen Erfolg war es mit dem „Starkult“ um prominente Fußballer zwar schnell vorbei, aber nur mit vielen Toren und Siegen auf dem Fußballplatz wurde man in der „Ersten Liga der Stars“ nicht akzeptiert. Diese Konstellation fand Gerd Müller ungerecht. Schließlich waren es seine Tore, die den sportlichen Erfolg auch für jene Mitspieler garantierten, die sich medial geschickter in Szene setzten und geschmeidig in neue gesellschaftliche Milieus integrierten. Er fühlte sich deshalb oft zurückgesetzt und verkannt. Er blieb in gewissem Sinne bekennender Kleinbürger, der seinen materiellen Wohlstand genoss, aber ansonsten seine Ruhe haben wollte. Er wollte ein berühmter Fußballer sein, aber sonst nichts. Diese Einstellung hatte ihre Tücken und war schon damals problematisch. Sie setzt einer optimalen Vermarktung des eigenen Images deutliche Grenzen. Als gewieften, smarten und imagebewussten Geschäftsmann kann man sich Gerd Müller auch schlecht vorstellen.

So wundert es nicht, dass sein Plan, nach seiner aktiven Zeit als Fußballprofi im sonnigen Florida ein Restaurant zu betreiben, in einem Fiasko endete. Er hatte für ein berufliches und privates Leben nach seiner Karriere als Profifußballspieler schlicht kein Konzept. Dieses Defizit begünstigte den Weg in die Alkoholsucht und in eine Ehekrise. Er fiel tief, aber es gelang ihm, den Absturz ins Bodenlose zu stoppen. Dabei halfen ihm seine ehemaligen Wegefährten Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß.

Er wagte einen Neuanfang als Assistenztrainer beim FC Bayern, diesmal nicht als Torjäger, sondern als „normaler Arbeitnehmer“. Von 1992 bis 2014 arbeitete er in dieser Funktion für den Münchner Spitzenclub. Für Gerd Müller wurden dies keine schlechten Jahre, denn er hatte hier nun eine Rolle gefunden, die zu ihm passte. Man konnte ihn jetzt für einen zufriedenen Menschen halten. Das änderte sich erst, als ihn eine tückische Demenzkrankheit traf. Sie sollte das letzte Kapitel seines Lebens verdunkeln, bevor er im vergangenen Jahr in einem Pflegeheim im Alter von 75 Jahren verstarb. Der Film von Uli Weidenbach zeichnet ein intimes Portrait eines Sportlers, den sein Torjägertalent in den Profifußball führte und zu einem Weltstar werden ließ. Mit dieser Rolle hatte er auf dem Fußballplatz keine Schwierigkeiten, diese begannen erst, wenn er das Spielfeld verließ und auf der gesellschaftlichen Bühne andere „Kunststücke“ gefordert wurden als die, die er vor dem gegnerischen Tor so oft gezeigt hatte. Nach seinem „Absturz“ landete er in der Normalität. Dies war für ihn aber keine Strafe, wie für viele andere ehemalige Stars. Er war nach diesem Neuanfang auf seine Art in der unaufgeregten Normalität angekommen, die er eigentlich immer gesucht hatte.

Helmut Schwarz

Der TV-Tipp: GERD MÜLLER - Der „Bomber der Nation“ im ZDF am Sonntag, 13. November, 23.40 Uhr und in der ZDF Mediathek.

Gerd Müller wird bei der Geburtstagsgala aus Anlass des vierzigjährigen Bestehens der Fußball-Bundesliga am Samstagabend, 23. August 2003, in Köln zum besten Bundesliga-Spieler gewählt. Foto: ZDF/Valeria Witters

Gerd Müller wird bei der Geburtstagsgala aus Anlass des vierzigjährigen Bestehens der Fußball-Bundesliga am Samstagabend, 23. August 2003, in Köln zum besten Bundesliga-Spieler gewählt. Foto: ZDF/Valeria Witters

Torschütze Müller (M.) nach dem WM-Sieg 1974. Nach dramatischem Verlauf und einer zweiten Halbzeit voller Druck durch die Niederländer konnte die deutsche Mannschaft am 7. Juli 1974 in München das Fußball-WM-Finale glücklich mit 2:1 für sich entscheiden. Foto: ZDF/Karl Schnoerrer

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Empfohlene Artikel
10

Neuwied/Unkel/Erpel. Die KreisVolkshochschule (kvhs) Neuwied lädt Ende November zu drei vielseitigen Workshops in Unkel und Erpel ein. Den Auftakt macht am Dienstag, 24. November (18:00–21:00 Uhr) in der Stefan-Andres-Schule in Unkel der Kochkurs „Suppen als Vorspeise, zum Sattessen und festlich“ (U351-26-2), bei dem wärmende Rezeptvariationen zubereitet und gemeinsam verkostet werden. Ebenfalls in...

Weiterlesen

BLICK aktuell-Bilderrätsel: Folge 30
58

Regelmäßig präsentieren wir Euch einen neuen Schnappschuss aus dem BLICK aktuell-Land. Die Bilder zeigen bekannte Orte, besondere Details oder überraschende Perspektiven aus der Region – doch nicht immer ist auf den ersten Blick erkennbar, was genau zu sehen ist.

Weiterlesen

Bildergalerien
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis – inkl. E-Paper
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Traueranzeige Wolfgang Kruft
Titelanzeige
Herbstaktion KW 45
Kursangebote 2. Semester
Goldener Werbeherbst
Gebrauchtwagenanzegie
Titelanzeige
Stellenanzeige: Sachbearbeiter Vorzimmer und Gärtner (m/w/d)
Weitere Artikel
Links: Straßenschild Rheinstraße, Mitte: Nostalgisches Bild der Rheinstraße/Vater Rhein (vom Stadtmuseum Andernach), Rechts: Frau Grafen heute
470

Andernach. Wenn Christina Grafen von ihrer Zeit in der Andernacher Rheinstraße erzählt, klingt es fast so, als würde man für einen Moment die Musik von damals wieder hören. Tanzflächen voller Menschen, mehrere Theken, an denen die Getränke ausgeschenkt wurden, ausgelassene Stimmung und mittendrin sie – meistens hinter dem Tresen, wo es selten ruhig zuging.

Von Dilara Köksal aus Andernach

Weiterlesen

v.l.n.r.: Daniel Phiesel, Christel Engeland, Stefan Raetz, Marcel Richter, Martin Warkentin
138

Rheinbach. Die Bürgerstiftung „Wir für Rheinbach“ hat auch für 2027 wieder einen Rheinbach-Kalender herausgebracht. Die Vorstände Bürgermeister Dr. Daniel Phiesel und Marcel Richter: „Der Bildkalender erfreut sich auch in der 13. Auflage großer Beliebtheit und zeigt wieder interessante Rheinbacher Motive.“ Mit Martin Warkentin hat die Bürgerstiftung erneut einen jungen Fotografen aus Rheinbach gefunden, der mit einem eigenen Blick auf die Rheinbacher Motive schaut.

Von Stefan Raetz aus Rheinbach

Weiterlesen