Lohnschdener Zores
Fünfmal „Zores“ im JUKZ
Lahnstein. Der Lahnsteiner Alternativkarneval, bekannt unter dem Namen „Lohnschdener Zores“, feierte eine schöne Champagne, äh, sorry: Kampagne!
Bei fünf ausverkauften Sitzungen im Jugendkulturzentrum in der Wilhelmstraße gab‘s zum Finale mit dem Song „Wegen dem Brauchtum“ jeweils stehende Ovationen.
Über vier Stunden lieferten 13 Sketch-Nummern einen Parvorceritt der alternativen Fassenacht. Dazu zehn Songs der Zores-Band in der Besetzung Steffi Sanner (Gesang), Walter Nouvortne (Drums), Florian Auras (Keyboard), Michael Scholl (Gesang), Paul Arzheimer (Bass) und Gerd Stein (Gitarre). Von „Locomotive Breath“ bis „Because the night“ über den Ohrwurm „No roots“ wurde schwungvoll mitgemacht. Gerhard Schmidt war ein Running-Gag mit seinen Texten zu „Ehemals“.
In Filmsequenzen ging es um „Trade Wives“, die mit ihren Tiktok-Einspielern viel Geld verdienen. Den Zuschauern des Oberlahnsteiner Rosenmontagszuges am Altstadtcafe blieb ob des ausbleibenden Lindwurms wegen eines Baugerüstes in der Hochstraße nichts anderes übrig, als zu filosofieren a la: „Wenn meine Stammkneipe schließt, bin ich dann einer von den Wirtschaftsweisen?“ Oberbürgermeister „Liefert“ hatte zur Stadtratssitzung mit dem Verkehrskonzept 3.0, vorgetragen durch Herrn Andreas Kreuz, einen Referenten von der Firma „Collapsing Solutions GmbH“, eingeladen.
Die lastverteilende Koexistenz von Pedal und PS, in welcher auch noch die Ostallee für den Verkehr umgedreht wurde, führte in den Plänen dazu, dass es nur noch in eine Richtung geht. Mit musikalischen Grüßen von den „Ärzten“ finalisierte der OB die Nummer mit dem Song „Ich bin dagegen“. (warum ist doch egal…) Kardinal Marx stellte sich in einem Interview erhellenden Fragen zur Fastenzeit, während er genüsslich dinierte. „Augen auf bei der Berufswahl“ war die Devise in der Maskennummer „Occupational Hazard“ mit viel Biss, Ironie sowie schwarzhumorig. Die überwiegend stumme Nummer im Wartezimmer eines Arztes verdeutlichte die zwei-Klassengesellschaft in der Gesundheitsfürsorge. Zeitkritik clownesk verpackt. Blödsinn mit Niveau lieferte die „Tagesschau in einfacher Sprache“ mit dem Bericht über die Lahnsteiner Trockensitzung. Beim Karnevals-Battle- traten Vertreter der beiden großen Lahnsteiner Karnevalsvereine farbenfroh kostümiert gegeneinander an. NCV-„Kitchen-Climber“ Uwe und die zweite CCO-Vorsitzende Eva hatten in verschiedenen Aufgaben mit ihren Tänzerinnen zu bestehen.
Dem Vereinskarneval wurde mit Freude an der Parodie der Spiegel vorgehalten. Einen musikalischen Glanzpunkt setzten die „Zores-Bitches“ mit Bettina Braun, Jutta Beuttenmüller und Steffie Sanner. „Adele“ stand Pate für die Melodie mit dem Text, in welchem es darum ging, in Lohnschde besser „Helau“ statt „Olau“ zu rufen. Beim „Karneval der Diktatoren“ kamen die „Drecksäcke“ des Weltgeschehens aus Amerika, China und Russland auf die Bühne und lieferten sich eine „Schlacht der Weicheier“. Einmal mehr wurden Autoritäten mit spöttischem Humor und Witz hinterfragt. Die Unsympathen der Welt- und Bundespolitik kamen auch in den Moderationstexten zwischen den einzelnen Nummern ihr Fett ab. Ein Moderationsteil befasste sich mit dem Karneval und einer mit der Lokalpolitik in der einzigen Stadt an Rhein und Lahn mit nachhaltigen Witzen aus regionalem Anbau. Einen Blick in die Zukunft gab es beim „Konklave 2030“ mit der Vision „Habemus maman“, violett gewandet in der Sixtinischen Kapelle. Blödsinn mit Niveau wurde beim „Kauf im inhabergeführten Fachgeschäft“ ins Publikum gestreut. Da wanderten Unsinn, Leichtsinn oder auch Starrsinn und Gerechtigkeitssinn über den Ladentisch, als es darum ging, ein viertel Pfund „Sinn“ an die Käuferin zu bringen. Ganz ohne Worte ging der Flirt in einer Bar über die Bühne in Erinnerung an eine Satire-Zeichnung von F.K. Waechter in einer der ersten „Titanic“-Ausgaben. Eine Hommage.
Poetische Momente, aber auch eine gesellschaftliche Anklage hatte die Schlussnummer, welche das Wasser als Menschenrecht thematisierte, überall auf der Welt. Dem Staat, der Stadt, der Politik, der Gesellschaft und dem Karneval wurde beim Zores ein humorvoller, scharf gezeichneter Spiegel vorgehalten. Der Zores mit Verballhornung statt Schunkelseligkeit bewies einmal mehr, dass er dem Brauchtum Karneval am Rhein-Lahn-Eck ein Stück Pluralität geschenkt hat. Das 30köpfige Ensemble, wie Gärpilze im uniformierten Fastnachtsteig, konnte nach den kurzweiligen Shows vor 400 Besuchern freudig ausrufen: „Dat is nix klores – dat is Zores…“ Die Gesamtregie des Anarcho-Fastnachtserlebnisses hatte einmal mehr Dieter Schwan inne.
Die Zores Bitches wagten sich an „Adele“.
Das Karnevals-Battle endete unentschieden.
Die „Drecksäcke“ der Weltpolitik beim Karneval der Diktatoren.
