Allgemeine Berichte | 05.06.2026, 08:58 Uhr

„Heimat?Land!“ #008: Der Ausscheller von Mülheim-Kärlich

von Daniel Robbel

Weiß immer, was Sache ist: Der Ausscheller von Mülheim-Kärlich. Foto: privat
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Wer den Kapellenplatz vor dem Rathaus in Mülheim-Kärlich besucht, begegnet einem Mann aus Metall. Er steht dort geduldig, schweigt seit Jahrzehnten und wirkt dennoch, als wolle er jeden Moment lautstark etwas verkünden. Es handelt sich um den Ausscheller Peter Linden, besser bekannt als „Lindemann“.

Das Denkmal erinnert an einen Beruf, der heute vermutlich sofort an Personalmangel scheitern würde. Denn der Ausscheller hatte die ehrenvolle, aber nicht immer dankbare Aufgabe, amtliche Bekanntmachungen unter die Leute zu bringen. Dazu stellte er sich mit einer Glocke auf die Straße, läutete lautstark und verkündete anschließend, was die Obrigkeit wieder einmal beschlossen hatte.

Nun muss man fairerweise sagen: Der Unterhaltungswert solcher Mitteilungen hielt sich meist in engen Grenzen. Bestenfalls ging es um Verwaltungskram. Schlimmstenfalls darum, dass die Stadtväter beschlossen hatten, den Bürgern etwas tiefer ins Portemonnaie zu greifen. In solchen Momenten dürfte der Ausscheller ungefähr so beliebt gewesen sein wie eine Wurzelbehandlung am Rosenmontag.

Peter Linden hielt dennoch tapfer durch. Bis September 1961 war er aktiv, und das im stolzen Alter von 86 Jahren. Ein Alter, in dem andere längst ihren Ruhestand genießen, während er sich noch tapfer auf den Kapellenplatz stellte und die neuesten amtlichen Überraschungen verkündete. Ein Jahr später, am 11. Dezember 1962, verstarb der letzte große Botschafter der kommunalen Neuigkeiten.

Seit August 2002 erinnert das vom Bildhauer Peter Mittler geschaffene Denkmal an den Mann mit der Glocke. Doch wer glaubt, damit sei die Geschichte beendet, irrt gewaltig.

Denn in Mülheim-Kärlich lebt die Tradition des Ausschellers weiter, zum Beispiel in Form der beliebten „Ausscheller-Führung“. Stadtführer Horst Hohn nimmt Besucher mit auf eine ebenso informative wie unterhaltsame Reise durch die Geschichte der Stadt. Dabei werden wichtige Fragen geklärt, die vermutlich schon Generationen beschäftigen: Warum hört man rund um den Kolpingplatz den Ausruf „Marie mach Platz“? Sprechen Mülheimer und Kärlicher überhaupt denselben Dialekt? Und was haben Römer, Franzosen und Preußen hier eigentlich hinterlassen?

Die zweistündige Tour beginnt an der Alten Kapelle, dem ältesten vollständig erhaltenen Gebäude der Stadt. Historische Gebäude und Plätze gibt es dabei zwar auch zu sehen, doch der eigentliche Star ist die Mentalität der Mülheim-Kärlicher selbst. Mit viel Humor werden Eigenheiten, Traditionen und lokale Originale vorgestellt. Ganz nebenbei erfährt man auch, warum die Stadt zu einer echten Karnevalshochburg wurde.

Ein besonderer Hingucker ist dabei das Outfit des Stadtführers. In goldenem Glanz gekleidet erinnert er an den wohl berühmtesten Mann der jüngeren Stadtgeschichte. Wer also nach Mülheim-Kärlich kommt, sollte dem Mann mit der Glocke unbedingt einen Besuch abstatten. Über das Führungsangebot informiert Horst Hohn auf seiner Homepage www.horst-hohn.de

Wo gehts hin: Kapellenplatz in Mülheim-Kärlich

Wo muss ich hin: Von der L125 aus Richtung B9 kommend auf die Bahnhofstraße, rechts auf Ringstraße, danach auf die Kurfürstenstraße und dann links auf die Poststraße

Was nehme ich mit: Selfie-taugliches Smartphone für Fotos mit dem Ausscheller

Über „Heimat?Land!“

In der Kolumne „Heimat?Land!“ schreibt Daniel Robbel, BLICK aktuell-Journalist und prämierter Reisebuchautor (111 Orte im Ahrtal die man gesehen haben muss, 111 Orte im Westerwald die man gesehen haben muss, 111 Orte an der Sieg die man gesehen haben muss) über die schönsten Ecken in der Region, inklusive Mittelrhein, Ahrtal, Westerwald und Siegtal.

Autor Daniel Robbel. Foto: ROB

Autor Daniel Robbel. Foto: ROB

Weiß immer, was Sache ist: Der Ausscheller von Mülheim-Kärlich. Foto: privat

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