Allgemeine Berichte | 19.06.2026

Podiumsdiskussion der Friedrich-Naumann-Stiftung in der ehemaligen Ahrweiler Synagoge fünf Jahre nach der Flut

Hier Gemeinschaftsgefühl, dort Versagen des Staates

In der ehemaligen Ahrweiler Synagoge diskutierten (von links) Nick Falkner, Ulrich van Bebber, Susanne Bell und Dr. Martin Wein.

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Wie hat die Flut den Zusammenhalt im Ahrtal verändert. Welche Konflikte bestehen noch? Wo trägt bürgerschaftliches Engagement weiterhin? Wo brauchen Menschen, Vereine und Kommunen mehr Unterstützung? Und was muss Politik aus dieser Katastrophe lernen, damit Warnketten funktionieren, Zuständigkeiten klar sind und der Staat im Krisenfall schneller handeln kann?

Um diese Fragen ging es vor mehr als 40 Gästen auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung bei einer Podiumsdiskussion in der ehemaligen Ahrweiler Synagoge. Diskutanten waren unter Moderation von Dr. Martin Ulrich van Bebber, Vorsitzender der Lebenshilfe im Kreis Ahrweiler, die Bonner Katastrophen- und Krisenforscherin Susanne Bell und Nick Falkner, Gründer und ehrenamtlicher Geschäftsführer der Stiftung Ahrtal.

Susanne Bell von der Uni Bonn beschrieb, wie Menschen in Extremsituationen enger zusammenrücken. Nach der Flut seien Unterschiede des Alltags plötzlich in den Hintergrund getreten. „Eine Leidensgemeinschaft führt dazu, dass unterschiedliche Lebensumstände gleichgemacht werden. Wir stehen plötzlich alle da und schippen den gleichen Schlamm“, sagte sie. Gerade in solchen Momenten entstehe ein starkes Gemeinschaftsgefühl.

Starker Zusammenhalt

Das bestätigte van Bebber, der erklärte, Zusammenhalt sei in der akuten Notlage besonders stark gewesen. Menschen hätten sich gegenseitig geholfen, ohne lange zu fragen. Für ihn ist dieser Zusammenhalt bis heute da. Er habe sich zwar normalisiert, sei aber noch immer stärker als vor der Flut. Fakt ist für ihn aber auch: „Der Staat hat versagt.“ Und Falkner schilderte, wie aus spontaner Hilfe in der Flutnacht eine dauerhafte Struktur entstand - die Stiftung Ahrtal. Für ihn zeige diese Erfahrung vor allem eines: Viele Menschen seien bereit, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie merken, dass sie gebraucht werden. Nicht jeder müsse Sandsäcke Schlamm schippen. Genauso wichtig seien Menschen, die organisieren, koordinieren, Kontakte knüpfen oder Verantwortung für einzelne Aufgaben übernehmen „Jeder kann irgendwas.“

Menschen aus dem Tal halfen ebenso wie Tausende von Freiwilligen au des ganzen Republik. Und: „Die Hilfsorganisationen von Feuerwehr über THW bis Bundeswehr haben funktioniert. Versagt hat die Organisation von staatlicher Seite.“

Engagierte Menschen

Aus dem Publikum erinnerte Ulrich Stieber, Ortsvorsteher von Bachem, daran, wie schnell sich nach der Flut Menschen aus dem Ort zusammenfanden, Suppenküchen aufbauten, Kleiderkammern einrichteten und Betroffene versorgten. Dieses Ehrenamt, sagte Stieber, habe man in dieser Zeit „unglaublich schätzen gelernt“.

Susanne Bell verwies darauf, dass sich Gemeinschaftsgefühl über die Zeit verändere. Die akute Not schaffe Nähe, später kehrten aber zunehmend Unterschiede und auch Konflikte zurück. Van Bebber schilderte, dass mit stockendem Wiederaufbau und langen Verfahren auch der Frust gewachsen sei. Und wenn der Nachbar schneller vorankomme als man selbst, gehe Verständnis verloren. Dennoch blieb der Tenor des Abends, dass das Ehrenamt im Ahrtal weit mehr war als eine kurze spontane Welle. Falkner berichtete, dass die Stiftung Ahrtal weiter wachse, bei den Projekten ebenso wie bei den Menschen, die Verantwortung übernehmen wollten: „Die Stiftung Ahrtal ist der Versuch, dieses Engagement in die Zukunft zu retten.“

Kritisch wurde allerdings angemerkt, dass dieses Engagement von staatlicher Seite oft eher gebremst als erleichtert werde. Sowohl Falkner als auch van Bebber beklagten bürokratische Hürden, die Ehrenamtliche Zeit und Kraft kosteten. Wertschätzung für Engagement zeige sich aus ihrer Sicht nicht in Reden, sondern darin, dass man Helfenden nicht unnötig Steine in den Weg lege. „Daher haben die Bürger beim Wiederaufbau auch mehr Vertrauen in ihre örtlichen als in übergeordnete Behörden“, so Bell.

Forschungsprojekt

Die Bonner Wissenschaftlerin verbindet mit ihrem Forschungsprojekt nun auch die Frage, wie sich dieser Zusammenhalt langfristig entwickelt hat. Ende Juli startet sie dazu im Ahrtal eine große Aktion mit Fragebögen. Dabei soll erfasst werden, wie Menschen den sozialen Zusammenhalt seit der Flut erlebt haben und wie sie die Lage heute einschätzen.

Resümee des Abends: Der Zusammenhalt ist geblieben, wenn auch nicht so ausgeprägt wie direkt mach der Flut. Aber viele Menschen identifizieren sich mehr als früher mit ihren Heimatorten. Die Erlebnisse nach der Flut wirken bis heute nach und fünf Jahre nach der Naturkatastrophe ist das Ehrenamt ein tragender Teil des Wiederaufbaus.

GS

Blick in das Publikum in der ehemaligen Synagoge.

Blick in das Publikum in der ehemaligen Synagoge. Foto: GS

In der ehemaligen Ahrweiler Synagoge diskutierten (von links) Nick Falkner, Ulrich van Bebber, Susanne Bell und Dr. Martin Wein. Foto: GS

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