Allgemeine Berichte | 10.07.2026

„Singen ist das Atmen der Seele“

Brigitte Thilmann-Hilger (r.) geht in den musikalischen Ruhestand.  Foto:KH

„It’s Time to Say Goodbye“, so lautete das Motto eines ganz besonderen Konzerts, das am zurückliegenden Wochenende in Kettig stattfand. Brigitte Thilmann-Hilger und ihre Solistinnen und Solisten, das Ensemble und der Chor präsentierten ein Musik-Potpourri aus fast 30 Jahren. Was es mit dem ungewöhnlichen Titel des Konzerts auf sich hat, beantwortet Brigitte Thilmann-Hilger im nachfolgenden Interview mit Blick aktuell.

Weshalb kann man die Veranstaltung als „Abschiedskonzert“ bezeichnen?

Es war für mich schon immer völlig klar, zu einem gewissen Zeitpunkt aufzuhören: wenn der Kopf noch klar entscheiden kann, ob es an der Zeit ist, nach vielen Jahrzehnten in Würde mit einem schönen Konzert das Publikum noch einmal zu begeistern. Und dieser Zeitpunkt ist jetzt für mich da. Es hat längere Zeit der Überlegung bedurft, bis Kopf und Gefühl sich einig waren, dass es jetzt gut ist.

Sicherlich gab es in diesem langen Zeitraum herausragende Ereignisse, an die Sie sich besonders gern erinnern. Welche waren dies?

Für mich jerausragend waren eigentlich alle Konzerte, auch wenn ganz besondere darunter waren. Beispielhaft nenne ich unsere großen Aufführungen mit Szenen und Kostümen in verschiedenen Hallen der VG Weißenthurm, zwei große Programme bei der Buga in Koblenz, unsere Konzerte im Kölner Dom oder auch im letzten Jahr gemeinsam mit der Landesmusikakademie Engers das Inklusionskonzert im Trierer Dom. Da wir alle Solisten und Ensembles in den eigenen Chorreihen haben, war es immer eine besondere Herausforderung, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Das haben alle meine Sängerinnen und Sänger mit Bravour geschafft. Das Engagement aller war immer ganz besonders, auch wenn die Proben oftmals sehr anstrengend waren, da jeder im Chor sein Bestes gegeben hat – eine musikalische und menschliche Gemeinschaft, die ihresgleichen sucht.

Gab es bei den Proben oder Auftritten auch besonders heitere oder kuriose Situationen?

Ja, einige (lacht). Besonders im Gedächtnis geblieben ist eine: Wir sangen im Forum Antonius in Waldbreitbach das Trinklied aus der Oper La Traviata. Alle Sänger hatten Sektgläser in der Hand. Eine Sängerin sollte im Nebenraum die Sektflasche öffnen. Ihrem Temperament entsprechend ging das nicht ohne Geräusch: Mit lautem Knall sprang der Sektkorken aus der Flasche, und das vor Überraschung ziemlich heftige „Sch…“, das unserer Mitsängerin herausrutschte, war bis in die letzte Ecke des Saales gut zu hören.

Textdichter gab es natürlich auch, wenn einfach die Worte nicht einfallen wollten. Einem Sänger gelang die Kunst, bei einer italienischen Arie sämtliche Nudelvariationen in italienischer Sprache zu benennen, weil der wirkliche Text nicht mehr im Kopf war. Ein anderer Sänger besang die Sonne von Capri mehrfach in einer Gesangsschleife, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als zur Bühne zu gehen, den Sänger während des Liedes zum Tanz zu bitten und ihm die weiteren Worte ins Ohr zu flüstern, damit die Sonne eine Chance hatte, unterzugehen. Ein anderer Sänger hängte die „brennenden Kinder an den strahlenden Baum“; eigentlich sollte es heißen: „die strahlenden Kinder am brennenden Baum“.

Das generationenübergreifende Singen ist Ihnen stets wichtig. Sicherlich ist bei verschiedenen Generationen auch der Musikgeschmack unterschiedlich. Wie schafft man es als Chorleiterin trotzdem, alle auf einen musikalischen Nenner zu bringen?

Die Altersunterschiede waren nie ein Thema. Die jüngste Sängerin unseres Abschiedskonzerts ist 25, der älteste Sänger 90 Jahre alt. Da der Chor aus meiner Gesangsschule heraus entstand, war immer klar, in welche Richtung die Literatur ging: vom Kunstlied zur Oper, Operette, Film- und Musicalmusik, wobei Letztere in den vergangenen Jahren immer häufiger gesungen wurde. Und es war niemals ein Problem, alle für alles zu begeistern. Erstaunlich war oftmals, dass gerade die jüngeren Sänger, die Oper und Operette gar nicht kannten, diese Musik plötzlich für sich entdeckten und voller Elan mitmachten. Was man nicht kennt, kann man nicht schätzen. Und so haben auch die Älteren die Musicals für sich entdeckt. Also eine absolute Gewinnsituation für alle, die ich nur empfehlen kann.

Sie haben Ihren Sängerinnen und Sängern schon frühzeitig Stimmbildung angeboten. Heute ist diese selbstverständlich, seinerzeit eher die Ausnahme. Gibt es darüber hinaus Tipps, die Sie einem Anfänger mit auf den Weg geben würden?

Als ich vor ca. 30 Jahren das erste Konzept zur Stimmbildung für Chorsänger entwickelt habe, war das noch völliges Neuland in der Chorlandschaft. Über die VHS konnte ich sodann die ersten Kurse abhalten, die überaus gefragt waren und von vielen Chören übernommen wurden. Heute ist Chorgesang ohne Stimmbildung nicht mehr denkbar. Im Übrigen sind auch jetzt noch einige Sänger aus diesen Kursen in meinem eigenen Chor. Jedem Gesanganfänger rate ich auf jeden Fall zur Stimmbildung. Sie gehört einfach dazu. Jeder Sportler wärmt sich vor seinem Training auf, das ist für die Stimme ebenfalls notwendig, damit sie keinen Schaden nimmt.

Nicht ohne Grund fand das Konzert in der Förder- und Wohnstätte statt. Warum spielt dieser Veranstaltungsort eine besondere Rolle?

Wie so oft in meinem musikalischen Leben kam auch die Verbindung zur Förder- und Wohnstätte in Kettig ganz unerwartet: Norbert Hansen, damals Ortsbürgermeister von Kettig, fragte mich, ob ich ein Konzert geben könne, um die Öffentlichkeit auf die neue Einrichtung aufmerksam zu machen. Und so haben wir 2004 die erste öffentliche Veranstaltung dort als Konzert gestaltet. Es war ein großer Erfolg. 2005 wurde der Förderverein gegründet, und unser Chor durfte den Erlös von 1.100 Euro als erste Spende dort einbringen. Inzwischen ist es Routine, dass viele Veranstaltungen zugunsten der Einrichtung stattfinden. Mein Chor singt also jetzt seit 22 Jahren dort. Es ist mir ein besonderes Anliegen, gerade hier meinen Abschluss zu machen.

Seit drei Jahren singen zwei Bewohner der Einrichtung bei uns voller Elan mit. Sie machen alle Konzerte mit und begleiten uns zu Chorwochenenden. Natürlich bringt das mehr Arbeit mit sich, denn sie müssen von mir zusätzlich unterstützt werden. Mein ganz großer Dank richtet sich an alle meine Sängerinnen und Sänger, die diese Form der Inklusion voll und ganz mittragen. Und das ist mein Appell an alle Chöre: Mut zu haben, Zweifel und Ängste zu überwinden und – wie im Lied „Für Alle“ von Hanne Haller beschrieben – beeinträchtigten Menschen die Möglichkeit zur Teilhabe zu bieten. Es ist für alle ein großer Gewinn.

Landauf, landab hört man davon, dass insbesondere Männerchöre Nachwuchssorgen haben. Wie kann man Ihrer Einschätzung nach dieser Entwicklung entgegentreten?

Männerchöre haben meines Erachtens Nachwuchssorgen, da sie teilweise auch den Anschluss an aktuelle Entwicklungen verpasst haben. Im Laufe der Jahre verändert sich alles, so auch der Gesangsstil. Häufig hilft es einfach, über den Tellerrand zu schauen, sich mit anderen zusammenzuschließen und gemischte Chöre zu gründen, wobei es durchaus möglich ist, innerhalb eines gemischten Chores auch die Männer allein singen zu lassen. All das erfordert vielleicht etwas mehr Arbeit und Weiterdenken seitens der Sänger und Chorleiter.

Es gibt viele sehr engagierte Chorleiter, die den Spagat zwischen den Generationen schaffen, um allen gerecht zu werden. Aber ich habe keine Angst um die Gesanglandschaft, da es immer noch viele tolle Chöre gibt, auch Kinder- und Jugendchöre. Manchmal braucht es einfach einen neuen Blick.

Wie ist Ihre Meinung zu Gesangswettbewerben?

Ich persönlich habe niemals an Gesangswettbewerben oder sogenannten Leistungssingen teilgenommen, da Singen meiner Meinung nach keine olympische Disziplin ist – nicht höher, weiter, besser –, sondern Ausdruck von Gemeinschaft. Nur gemeinsam und ohne Konkurrenzdruck ist es möglich, die große Freude, das gemeinsame Erleben von Emotionen und das Vergessen des Alltags zu erfahren, wobei jeder an seinem Platz wichtig ist. Ganz nach dem Motto meiner Arbeit: Singen ist das Atmen der Seele.

Wichtige Frage zum Schluss: Wird man Sie überhaupt nicht mehr bei vergleichbaren Konzerten sehen, oder gibt es noch eine kleine Hintertür?

Große Konzerte wird es von mir nicht mehr geben, ein Abschiedskonzert heißt nicht ohne Grund so. Ohne Musik geht es bei mir natürlich nicht. Kleinere Aktivitäten wird es weiterhin geben; im kleinen Rahmen ist bereits einiges geplant, auch Stimmbildung und Gesangsunterricht. Aber alles unter dem Motto: „Ich gehe in Rente.“

Brigitte Thilmann-Hilger (r.) geht in den musikalischen Ruhestand. Foto:KH

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