Theaterstück „Kassandra“ zum Gedenktag „Nein zu Gewalt an Frauen“
„Solange du lebst, bist du nicht verloren“
Bad Ems. Zu dem seit 1999 international bestehenden Gedenktag „Nein zu Gewalt an Frauen“ fand jetzt im Kreishaus der Verbandsgemeinde Bad Ems eine Theateraufführung statt. Die Gleichstellungsbeauftragte der Kreisverwaltung Alice Berweiler – Kaufmann hatte den Abend sorgfältig vorbereitet. Getränke, Plakate und Flyer mit Anlaufstellen für Hilfesuchende in zehn Sprachen übersetzt, waren zu haben. Draußen am Gebäude hing die internationale Fahne von „terre de femmes“ und wies den Weg.
Interessant war der historische Bezug zur Frauenrechtsbewegung. Die drei Schwestern Mirabal, die vom Machtsystem der Dominikanischen Republik gefoltert und umgebracht wurden, hatten sich gegen die Diktatur aufgelehnt. Kassandra, nach der Germanistin und Preisträgerin Christa Wolf (ausgezeichnet mit dem Elisabeth-Langässer-Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis, dem Uwe-Johnson-Preis und dem Thomas-Mann-Preis) wurde in Bad Ems aufgeführt. Die Gleichstellungsbeauftragte der Kreisverwaltung Rhein – Lahn begrüßte die Gäste und stellte einen Bezug her und sprach über die 130 000 Menschen, die in Deutschland heutzutage mit Gewalt konfrontiert wurden. Der Anteil an Frauen daran beträgt 82 Prozent. Auch, dass die 17 Frauenhäuser in Rheinland-Pfalz überfüllt sind und Hilfesuchende in ein anderes Bundesland vermittelt werden.
Die Schauspielerin und Theaterwissenschaftlerin Cornelia Gutmann – Bauer, vom Turmalin Theater, hat sich dem Thema Gewalt an Frauen intensiv zugewendet. Es gelang ihr die Kassandra in einem Einpersonenstück, für die Zuschauer fesselnd, auf die Bühne zu bringen. Kassandra, die Seherin, Priesterin und Königstochter wird nach zehnjährigem Krieg um Troja als Kriegsbeute von Agamemnon verschleppt. Schon damals wurden Frauen als Besitz gesehen, entführt, benutzt, ausgegrenzt und erniedrigt. In sparsamem Bühnenbild und dunkel schwacher Beleuchtung sahen die Zuschauer eine brilliante Darstellung mit sprachlich ausdrucksstarker Betonung; vom Flüstern bis zum lautstarken Schrei. Die Darstellung durch eine im Detail genaue Körpersprache ergriff das Publikum. Nicht ein kleinster Versprecher war in den eineinhalb Stunden Text zu vernehmen. Klytemnestra, Apoll, Äneas, Paris, Helena, Eumelos, Achill Troilos, Anchises oder Polyxena, alles kam präzise formuliert über die Lippen der Darstellerin mit jeweilig authentischem Gesichtsausdruck. Leise, kreischend, schreiend und mit Gestik und Mimik fand sie den Kontakt zu den Besuchern. Hintergrundgeräusche und diffuses Licht wurden vom Regisseur und Germanisten Günter Bauer dazu geschickt inszeniert.
Das Leid von Kassandra und ihre Erkenntnis über Machtstrukturen, Verblendung und Betrug am Königshof konnten durch die Darstellung nachempfunden werden. Mut, die eigene Kraft zu spüren und die eigene Stimme zu hören, war die Botschaft zur Selbstwirksamkeit (heute Resilienz genannt) von der Antike bis heute. Die Zuschauer verharrten nach der Vorstellung noch eine Weile stumm in ihren Sesseln.
Sie erlebten dieses Stück als ebenso zeitlos wie aktuell.
Ein Satz blieb den Zuschauern in Erinnerung: „Solange du lebst, bist du nicht verloren“
