Fachgruppe Obstbau Bonn/Rhein-Sieg feierte 50. Geburtstag
Virtuelles Obstbau-Museum mit 40 Räumen zum Jubiläum offiziell gestartet
Mehr als 2000 historische und aktuelle Fotos und Dokumente über die Historie und Entwicklung des Obstbaus
Wachtberg-Villip. Mit einem Festakt beging die Fachgruppe Obstbau Bonn/Rhein-Sieg ihr 50-jähriges Gründungsjubiläum im Hotel Görres in Villip. Dabei wurde das „Virtuelle Obstbau-Museum“ offiziell gestartet, das der Ältestenrat der Fachgruppe gemeinsam erarbeitet und umgesetzt hatte. Ab sofort können alle Interessierten auf der Internetseite www.obstbau-museum-rheinland.de eine Zeitreise durch 150 Jahre Obstbau im Rheinland unternehmen. Insgesamt 40 virtuelle Räume laden zum Stöbern in mehr als 2000 historischen und aktuellen Fotos und Dokumenten ein. „Eine großartige Sache“, so der Vorsitzende Ferdinand Völzgen (Bonn).
Im „Virtuellen Obstbau-Museum Rheinland“ gibt es wie in einem „echten“ Museum Räume, Vitrinen und Galerien, die chronologisch oder nach Sachzusammenhängen geordnet sind. Franz Bellinghausen, Anton Dick und Elmar Schmitz-Hübsch hatten als Verantwortliche viel Zeit investiert, um einen umfassenden Überblick zu den Themen Obstbau, Baumschule, Technik, Regionalität und Vermarktung zusammenzustellen. Weil das Angebot ständig erweitert werden soll, appellierten sie an alle Obstbauern, weitere historische und aktuelle Aufnahmen aus allen Bereichen leihweise zur Verfügung zu stellen.
Fundgrube für Praktiker und Interessierte
Das Museum soll aber nicht nur einen Rückblick bieten, sondern auch eine Fundgrube für Praktiker, berufsständische Institutionen und am Gartenbau Interessierte sein, so Anton Dick bei der Vorstellung. Von der Anzucht von Obstgehölzen und den Baumschnitt über die Düngung und den Frostschutz bis hin zur Nacherntebehandlung und Vermarktung reicht dabei das Themenspektrum. Aber auch aktuelle und historische Veranstaltungen und Persönlichkeiten werden ebenso vorgestellt wie die heimischen Mitgliedsbetriebe. „Wenn man sich alles anschauen möchte, braucht man rund vier Wochen“, schmunzelte Elmar Schmitz-Hübsch.
Am 2. Juli 1966 kam die neu gegründete Fachgruppe Obstbau des Kreises Bonn erstmals in den Obstanlagen von Wilhelm Ley in Meckenheim zusammen. Drei Jahre später wurden durch die kommunale Neuordnung der Kreis Bonn und der Siegkreis zum Rhein-Sieg-Kreis zusammengelegt, zwei Jahre später schlossen sich auch die Fachgruppen Obstbau beider Kreise zur heutigen Fachgruppe zusammen. Sie vertritt rund 100 Obsterzeuger aus dem Rhein-Sieg-Kreis und der angrenzenden Grafschaft, die Kern-, Stein- und Beerenobst anbauen. Die Fachgruppe kümmert sich nicht nur um die Fortbildung der Mitarbeiter, sondern auch um die Öffentlichkeitsarbeit und veranstaltet dafür unter anderem das Meckenheimer Blütenfest oder den Rheinischen Obstbautag mit.
Es begann mit der Vertreibung aus dem Paradies
In seiner Festansprache beschrieb Johannes Frizen, der Präsident der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, die Historie des Obstbaus in Deutschland und speziell in der hiesigen Region. Sein Blick ging zurück bis zu Adam und Eva, die laut Bibel den Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen hätten und deshalb aus dem Paradies verbannt worden seien. „Danach mussten die Menschen ihre Nahrung selber anbauen“, datierte Frizen augenzwinkernd den Beginn des Obstbaus.
Doch über eine sehr lange Zeit habe der Obstbau lediglich der Selbstversorgung gedient, erst im 19. Jahrhundert habe es infolge der Industrialisierung und der damit verbundenen höheren Nachfrage nach Lebensmitteln bei zunehmender Landflucht einen Markt für den Überschuss gegeben. Findige Landwirte in der hiesigen Region hätten die Chance frühzeitig erkannt und in Oberpleis, Merten und Meckenheim die ersten Baumschulen errichtet, die aber noch nach dem französischen Fruchtholzschnitt gearbeitet hätten. Doch der sei für das hiesige Klima ungeeignet und außerdem überwiegend auf ästhetische Wirkung und weniger auf Ertrag ausgerichtet gewesen. Pioniere wie Otto Schmitz-Hübsch hätten die Grundlagen für den modernen Baumschnitt gelegt.
Verzahnung von Wissenschaft und Praxis
Mit der Versuchsanlage Klein-Altendorf sei mittlerweile eine vorbildliche Verzahnung von Wissenschaft und Praxis gelungen, die die bundesweite Vorreiterrolle der heimischen Obstbauern begründet habe. Allerdings habe der heimische Obstbau auch mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen gehabt, Frizen erinnerte unter anderem an die „Schattenmorellenkrise“ 1984 bis 1986 und an Hitzeperioden, Blütenfrost und Hagelschlag, die die Ernte in so manchen Jahren beeinträchtigt hätten. Durch Schaden klug geworden, setzten die Obstbauern der Region mittlerweile auf den geschützten Anbau und seien in diesem Bereich führend in Deutschland.
„Der Obstbau hat viele Turbulenzen durchgemacht und überstanden, das Sortenkarussell dreht sich immer schneller und die politischen Rahmenbedingungen werden zunehmend schwieriger“, fasste Frizen zusammen. Der Strukturwandel werde sich fortsetzen und zu größeren, aber effizienteren Betrieben führen, sagte er voraus. Ein Grund hierfür sei auch die Einführung des Mindestlohns. In der heutigen Zeit sei das Vertrauen zwischen Obstbauern und Verbrauchern entscheidend für den einzelnen Betrieb, hier bietet die regionale Vermarktung gute Chancen. „Die Voraussetzungen sind jedenfalls da, dass der Obstbau auch in Zukunft eine Erfolgsgeschichte sein kann“, war er überzeugt. JOST
