Allgemeine Berichte | 22.12.2025

Harte Zeiten im Heim: Von den Kindern wurde vor allem erwartet, diszipliniert und anpassungsfähig zu sein

Vor 120 Jahren erbaut: das „Fünfte Deutsche Reichswaisenhaus“ in Bad Breisig

Das Gebäude fällt ins Auge - doch die Geschichte dahinter kennt kaum jemand.  Fotos: HG

Bad Breisig. Wer die B9 Richtung Koblenz befährt, sieht am Ortseingang Bad Breisigs rechts ein herrschaftliches Gebäude aus roten Backsteinen, heute Sitz medizinischer Einrichtungen und IT-Unternehmen, einst jedoch Hort für Hunderte elternlose oder vernachlässigte Kinder. Vor 120 Jahren wurde der Grundstein für das ehemalige fünfte Reichswaisenhaus zu Niederbreisig gelegt. Ein Blick zurück erfasst gute und weniger gute Zeiten für die Schutzbefohlenen am Rhein, bis 1964 die letzten von ihnen das Haus verlassen mussten, weil es geschlossen wurde.

Betonter Eingang, mächtiger Sockel, Treppengiebel und Turm – keine Frage, der rote Backsteinbau eingangs Bad Breisig in Richtung Süden ist ein Hingucker. Erst recht war er es zur Erbauungszeit, als im Umfeld kaum andere Häuser standen. Die Orts- und Schulchronik von Niederbreisig vermerkt für das Jahr 1905: „Am 27. April - nachmittags um 4 Uhr - wurde dahier der Grundstein gelegt zu dem vom Verband Cöln der deutschen Reichsfechtschule zu erbauenden Rheinischen Reichswaisenhaus.“

Was war die Reichsfechtschule? Keineswegs ein Degen schwingendes Institut, sondern ein 1880 gegründeter, deutschlandweit verbreiteter sozialer Verein. „Fechten“ meinte Betteln. Neben den Mitgliedsbeiträgen gelang es durch Sammeln kleiner Geldbeträge, Zigarrenabschnitte, Korken, Stanniol, ausdrücklich „nur aus Kreisen fröhlicher Leute“, Waisenhäuser im Deutschen Reich zu errichten und zu unterhalten.

Die ersten Kinder ziehen ein

Am 1. Oktober 1905, also vor gut 120 Jahren, bezogen 25 Jungen und Mädchen das damals modern betriebene fünfte Reichswaisenhaus. Modern bedeutete: Anstaltskleidung war passee, Besuch öffentlicher Schulen angesagt. Als besonders fortschrittlich galt, dass Jungen und Mädchen verschiedener Konfession miteinander aufwuchsen, wohingegen bestimmte katholische Kreise unterstellten, dass so jede religiöse Erziehung unmöglich sei. Die Fechtschule indes strebte für die Zöglinge ein familienartiges Zusammenleben an und in der schulfreien Zeit die häusliche und landwirtschaftliche Beschäftigung.

1909 berichtet der Verband Rheinland der Deutschen Reichsfechtschule: „Die Kinder entwickeln sich zu unserer Freude körperlich und geistig gut“. Als im selben Jahr der „Protektor“ Fürst von Wied mit Gemahlin das Waisenhaus besucht hatte, war es festlich beflaggt worden, wie auch die Niederbreisiger an den Hauptstraßen Fahnenschmuck aufgezogen hatten.

Das Haus hielt nebenan eigenes Vieh, bewirtschaftete Gärten, auch Korn- und Kartoffelfelder, wie sich Volker Bodenbach erinnert, der mit Heimkindern befreundet war und ihnen in der Landwirtschaft half.

ln den ersten 25 Jahren lebten 245 Kinder im Heim, meist vom vierten bis zum 14. Lebensjahr. Von den 125 Kindern, welche bis zur Schulentlassung dort blieben, erlernten 51 Jungen Handwerksberufe, je sieben wurden Arbeiter, Kaufleute und Landwirte, acht Angestellte, Beamte oder Freiberufler. 40 Mädchen wurden Hausgehilfinnen, eine Verkäuferin und vier Krankenschwestern.

Sonnenterrassen und Stahlwannen

Der heutige Hauseigentümer und -vermieter Wilfried Scheffler, dessen Vater Willi das Anwesen 1966 erwarb, kennt noch die Aufteilung: Rückseitig gab es zwei Sonnenterrassen. Die Haustechnik, Küche, Wäscherei und eine Schusterwerkstatt waren im Keller. Halbstöckig tiefer lag der Luftschutzkeller. Aufenthalts- und Leseräume gab es in der Eingangsetage und getrennte Schlafräume für Mädchen und Jungen sowie Waschräume mit Stahlwannen im ersten Stock. Im Dachgeschoss schliefen die Betreuer.

Zwar betraf die „Gleichschaltung“ nach Hitlers Machtübernahme 1933 auch die Wohlfahrt, doch die Betreuung der Kinder, nun durch die NSV (Nationalsozialistische Volksfürsorge), soll auch während des Krieges gut gewesen sein.

Aber 1945 beschlagnahmten die Amerikaner das Heim. Sie übergaben es später den Franzosen. „Seitdem waren erholungsbedürftige Kinder aus Frankreich hier untergebracht“, so die Orts- und Schulchronik. 1949 erreichte der Rheinische Waisenfürsorgeverein (RWFV), wie der Regionalverband der Deutschen Reichsfechtschule seit demselben Jahr hieß, die Freigabe des malträtierten Heimes. Die Franzosen hatten sich zunächst geweigert, „weil sie die Reichsfechtschule als eine militärische Einrichtung betrachteten.“

Unter Heimleiter Friedrich Geiger ging das Haus mit 70 Kindern, davon 55 aus Köln, wieder in Betrieb. Geiger war brutal. „Kinder, die im Flur rannten, „haben eine geschmiert bekommen“, sagt Bodenbach. „Ein eiskalter Erzieher“, schreibt Christine Broichhagen in ihrer Biografie „Mutti, fühl mal mein Herz“. Sprach ein Kind beim Essen, zerrte er es in die Saalmitte, „drehte ihm ein Ohr um, riss daran“ und schlug ihm ins Gesicht. Das vor allen gedemütigte Kind musste bis Ende der Mahlzeit „Strafe stehen“. Besonders bedrückte sie, wenn Freund Wolfgang wegen Bettnässens laut ausgeschimpft wurde.

Mängel in der Betreuung

Eltern klagten über mangelhafte Wäschepflege, waren entsetzt über die einseitige Ernährung. „Eintönig“, bestätigt Heimkind Christine gleichmütig. Missbrauch kannte sie nicht. Dass sie aber im Wald einem Paar zur Adoption vorgeführt und gedrängt wurde, sich von ihrer Mutter loszusagen, setzte ihr zu.

1953 führten Probleme mit der Heimleitung und Kindeswohlgefährdung zum Abzug der Kölner Kinder in Kölner Heime. 1954 forderte die Bezirksregierung Koblenz, Geiger abzuberufen. Nachfolger Max Melech verbesserte die Situation wirtschaftlich, was seine „mangelhaften pädagogischen Fähigkeiten“ (Bericht des Trägers) nicht ausglich. Eine Heimbewohnerin berichtete der Artikelverfasserin: „Der hat mich immer angetastet, mir aber nicht weh getan“. Von 1955 bis 1963 lebte sie im Waisenhaus, das damals viele Kinder alleinerziehender Mütter aufnahm.

Schlimm sei der ständige Wechsel von Erzieherinnen gewesen. Dennoch urteilt die 1946 geborene Frau: „An sich war es ein gutes Heim. Es war ja unser Zuhause. Wir haben immer gesagt ‚das rote Schloss am Rhein‘.“ Etliche einstige Bewohner sehen es genauso, hielten sich an die freundlichen Mitarbeiter, etwa einen Flickschneider, eine ältere Köchin, „Tante Marianne“, Schuster Söller, Herrn Hasenohr, der früh verunglückte. Allerdings fand der Käufer des Hauses auf dem Speicher massenhaft abgefangene Briefe und Postkarten der Jungen und Mädchen, in denen sie sich über harte Strafen, das Essen und die Heimleitung beschwerten.

Nicht nur im Waisenhaus, auch in der Volksschule Niederbreisigs ging es streng zu. Die meist evangelischen Heimkinder besuchten die zweiklassige evangelische Schule, im einst überkonfessionellen Niederbreisiger Schulhaus mit überwiegend katholischen Kindern. Der Schulhof und die Toiletten waren konfessionell getrennt. Während der Pause durften Evangelische und Katholische nicht miteinander reden, wozu doch der gemeinsame Schulweg reichlich Gelegenheit bot. Auch hier gab es körperliche Züchtigungen. Lehrer gaben „Kopfnüsse“ im Vorbeigehen, Schläge auf die Hände und den Po. Besonders oft traf es die Heimkinder.

Verständnisvolle Zuwendung fehlte

Sie hätten besonders viel verständnisvolle Zuwendung benötigt, ob nun völlig elternlos oder, was insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg zutraf, aus sozial schwierigen Verhältnissen stammend. 1964 verzeichnet die Chronik der Evangelischen Volksschule: „Außer der minderen Begabung und oft schwerer seelischer Schäden der Kinder litten die Kinder unter der schlechten Betreuung durch das Heimpersonal, das fast ausschließlich aus Praktikanten,´Nothelfern` aus aller Welt und Wehrdienstverweigerern bestand.

1957 hatte der Verein „Nothelfergemeinschaft der Freunde“ das Heim übernommen. Als 1958 Willi Hammelrath das Heim mit seiner Ehefrau Margret ein Jahr lang leitete, besserte sich das pädagogische Klima. Danach mangelte es weiterhin vor allem an geschultem Personal. Kinder und Helfer wechselten rasch. Die Klagen über schlechte Betreuung ließen nicht nach. Auf Anordnung der Bezirksregierung Koblenz als zuständiger Aufsichtsbehörde wurde das Heim geschlossen. Laut einer Aktennotiz im Stadtarchiv Bad Breisig haben am 25. Juni 1964 die letzten Kinder das Waisenhaus verlassen. Zwar berichtet die Bonner Rundschau im Februar 1964 von Bemühungen der Nothelfergemeinschaft, mithilfe eines Förderkreises ein neues Waisenheim in Niederbreisig zu erbauen. Aber diese Pläne wurden nicht verwirklicht. Ein ausführlicher Beitrag findet sich im Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 2026. HG

Kinder und Jugendliche des Waisenhauses am Rheinufer.  Foto: Repro HG

Kinder und Jugendliche des Waisenhauses am Rheinufer. Foto: Repro HG

Diszipliniert und anpassungsfähig wünschte man sich die Waisenkinder. Foto aus einem Leporello der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt. Repro: HG

Diszipliniert und anpassungsfähig wünschte man sich die Waisenkinder. Foto aus einem Leporello der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt. Repro: HG

Die Sonnenterrassen standen für Mahlzeiten und Spiel zur Verfügung. Foto aus einem Leporello der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). Repor: HG

Die Sonnenterrassen standen für Mahlzeiten und Spiel zur Verfügung. Foto aus einem Leporello der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). Repor: HG

Rund 20 Betten standen in den großen Schlafsälen. Foto aus einem Leporello der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt).  Repro: HG

Rund 20 Betten standen in den großen Schlafsälen. Foto aus einem Leporello der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). Repro: HG

Das Gebäude fällt ins Auge - doch die Geschichte dahinter kennt kaum jemand. Fotos: HG

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