Politik | 30.08.2015, 14:30 Uhr

Tagesfahrt führte die Europa-Union Mayen-Koblenz nach Speyer

Spannende Reise durch eine ereignisreiche Stadtgeschichte

Die Tagesfahrt nach Speyer hielt viele neue Informationen für die Mitglieder der Europa-Union bereit. privat
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Speyer. Die Europa-Union besuchte kürzlich im Rahmen einer Tagesfahrt die Stadt Speyer. Nahe beim Dom, Grablege zahlreicher gekrönter Häupter aus dem Haus der Salier, wurde die Gruppe schon erwartet - ein Mayener, seit etlichen Jahren in Speyer zu Hause, zeigte den Gästen „sein“ Speyer.

Ein Teil der Gruppe zog mit einer engagierten Stadtführerin los, Ludger Schulte aber, Restaurator der Landesarchäologie Rheinland-Pfalz in Speyer, führte die andere Hälfte zunächst durch den Domgarten. Die Gruppe konnte sehen, dass der Dom tatsächlich auf eine kleinen Anhöhe steht und hören, dass der Rhein zurzeit der Erbauung ziemlich nah vorbeifloss: Hochwasserschutz anno 1030. Der Besuch des Doms, Weltkulturerbe seit 1981, wurde erst einmal aufgeschoben, die Gruppe folgte Ludger Schulte, der sie auf oft unscheinbare Details aufmerksam machte, an denen man sonst achtlos vorbeiginge, durch kleine und verschlungene Gässchen bis hin zum Kloster St. Magdalena.

Wie Edith Stein die Schutzheilige Europas wurde

Im Klostergarten traf die Gruppe Sr. Raphaela, sie berichtete vom Leben und Wirken Edith Steins: Edith Stein, Tochter einer Familie jüdischen Glaubens, als Philosophin "summa cum laude" promoviert, als Frau, engagierte Frauenrechtlerin und obendrein als Jüdin damals ohne Chance auf eine universitäre Laufbahn, 1923 konvertiert, unterrichtete sie bis 1931 an der Klosterschule der Dominikanerinnen in Speyer. 1933 legte sie in Köln - nunmehr Teresia Benedicta a Croce - als Karmelitin das Gelübde ab, 1938 wurde ihre jüdische Abstammung offenbar; die Priorin ihres Klosters verriet sie. Nach Echt (Niederlande) geflohen, wurde sie nach der Besetzung der Niederlande nach Auschwitz verschleppt und dort am 9. August 1942 zusammen mit ihrer Schwester Rosa ermordet. Der Seligsprechung 1987 folgte 1998 die Heiligsprechung, ein Jahr später erklärte Papst Johannes Paul II. sie zur Schutzheiligen Europas - was den meisten der Zuhörer wohl nicht bewusst war. Haften wird bleiben, wie Edith Stein als geborene Jüdin, bewusste Atheistin und schließlich entschiedene Christin Grenzen überwand und Verbindungen zwischen jüdischer und christlicher Existenz, zwischen wissenschaftlicher Leistung und gläubiger Hingabe schaffte. Der Vortrag der Ordensfrau bewegte die Reisegruppe noch lange.

Aus dem Schatten spendenden Klostergarten trat die Gruppe in die Mittagshitze hinaus, traf die zweite Gruppe, die schon die Mikwe, das rituelle Judenbad und die wenigen Mauern der Synagoge, die die Jahrhunderte überdauert haben, gesehen hatte. Auch die andere Gruppe steuerte diese Zeugnisse eines einstmals weithin ausstrahlenden mittelalterlichen jüdischen Gemeindelebens an: Sie stieg mit ihrer urpfälzer, kernig-kenntnisreichen Führerin auf unterschiedlich hohen Stufen - Sinnbild für menschliche Unvollkommenheit - in die Tiefe des Bades, das die gleichen Baumeister errichtet haben müssen, die auch am Dom wirkten, hörten vom „lebendigen“ Wasser, das - hier als Grundwasser in einem metertiefen, quadratischen Becken - der rituellen Waschung diente, erfuhren, dass die jüdische Gemeinde von Speyer mit denen in Mainz und Worms einen Bund namens „SchUM“ schloss (nach den hebräischen Anfangsbuchstaben der Städte), den Juden in Deutschland und darüber hinaus als Autorität in rechtlichen und religiösen Fragen anerkannten.

Und sie hörten, dass auch in Speyer, als die Pest sich 1349 in Europa ausbreitete, die Juden dafür verantwortlich gemacht wurden - wer nicht gleich den Tod fand, floh; Kultstätten und Häuser wurden in Brand gesteckt mit dem wohl nicht unangenehmen Nebeneffekt, dass die Schuldscheine der christlichen Mitbürger dabei gleich mit verbrannten. Die jüdische Gemeinde in Speyer erlangte danach nie mehr die Bedeutung ihrer Blütezeit.

Auch in der Synagoge mussten die Gäste die Kühle der Steine in neun Meter Tiefe wieder verlassen - von oben drang schon die nächste Besuchergruppe herein. Viele warfen nur einen kurzen Blick auf die Köstlichkeiten, die die Speyerer Gastronomen auf der Maximilianstraße zwischen Dom und dem Altpörtel, dem imposanten Stadttor an der schier endlos langen Reihe von Tischen, der „Kaisertafel“, offerieren - die Hitze trieb einen in den Schatten der Kastanien eines domnahen Biergartens oder in die Kühle des romanischen Doms und seiner Krypta, zu Kaiser Konrad II., dem Dom-Erbauer, und den drei Heinrichen, bis zu Kaiser Heinrich IV. - der, der den ersten Canossa-Gang antrat.

Das Leben vor 2.000 Jahren ist noch immer gegenwärtig

Einige machen sich auf ins Speyerer Technikmuseum, ein Dutzend Unentwegte freilich folgt Ludger Schulte an seinen Arbeitsplatz, das sogenannte „archäologische Fenster“, wo er in überaus launiger Darstellung zeigte, wie ein Restaurator einer Handvoll antiker Scherben aus Keramik oder Glas nicht nur wieder Form und Stabilität zu geben vermag - nein, das Leben von vor 2.000 Jahren wird in einem solchen Objekt trotz fehlender Teile oder sichtbarer Ergänzungen gegenwärtig.

Gegen Abend schlenderte man noch einmal an Spanferkeln, an tausend anderen Genüssen, an den Weinbuden, am handgetriebenen „Riesenrad“ für Kinder und anderen Attraktionen vorbei. Eine Handvoll Mitreisender fand sich noch einmal im Halbdunkel des Doms ein: Der vielfach ausgezeichnete Chor des Musikgymnasiums Montabaur und ein englischer Chor sind zu hören - Altes neben Modernem, William Byrd neben Britten und Ligeti, a capella, beinah „englische“ Stimmen und eine tolle Akustik. Von der Hitze gezeichnet, aber zufrieden erreichten die Mayener nahe dem Obertor die Endstation ihrer Fahrt.

Pressemitteilung

Europa-Union Mayen-Koblenz

Die Tagesfahrt nach Speyer hielt viele neue Informationen für die Mitglieder der Europa-Union bereit. Foto: privat

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