Politik | 05.04.2014

Lokaler Aktionplan: Stadtführer Oliver Schmitz mit der Schützenjugend unterwegs

Auf den Spuren der deutschen Geschichte

Am Mahnmal erfuhren die Jugendlichen die Geschichte der jüdischen Gemeinde, hörten vom Brand der Synagoge in der Pogromnacht 1938. AB

Remagen. Die erste Stadtführung im Jahr sollte für Oliver Schmitz eine Herausforderung werden: Ein Dutzend Jugendliche im Alter zwischen 12 und 16 Jahren in die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte einzuführen, da macht sich vielleicht manch Schulpädagoge so seine Gedanken. Der „Olli“ auch. Fantastisch vorbereitet hatte er sich. Hatte „Dinge zum Anfassen“ mit in den kleinen „Kronensaal“ gebracht - und Heinz Kleebach, Jahrgang 1933. In diesem Jahr fing der „Schlamassel“ an, fand Olli direkt die Sprache der Jugendlichen. Diese und drei erwachsene Begleiter waren auf Einladung des Lokalen Aktionsplanes unterwegs.

Tommi Pieper, der Jugendwart der Sankt-Sebastianus-Schützengesellschaft, hatte die Idee entwickelt, seine Schützlinge an der Aktion des Bundesfamilienministeriums „Gemeinsam gegen Rechts“ zu beteiligen. Beim „Tag der Demokratie - Remagen gegen Rechts“ auf dem Marktplatz war ihm im vergangenen Jahr diese Idee geboren.

Die deutsche Geschichte kennenlernen

So sollen die Jugendlichen nun erst einmal die deutsche Geschichte kennenlernen, dann die Ausstellung „Mitbürger unter Vorbehalt“ auf der Insel Nonnenwerth besuchen, und im August geht es ab nach Berlin. Dort wird Demokratie live erlebt - der Besuch im „Reichstag“ steht auf dem Plan. „1933 wurde der mit dem Schnäuzer in Berlin Reichskanzler“ erläuterte Olli. Den mit dem Schnäuzer kannte alle, dass der aber auch im Heimatjahrbuch des Kreises abgebildet war, erstaunte. „Doch der war überall“, sagte der Stadtführer. „Und seine braunen Schergen“. Doch was in Berlin gewesen sei, interessierte in Remagen erst einmal niemand. Es gab ja kein Fernsehen, Zeitung lesen hätte man nur beim Dreesbach im Fenster gekonnt, so erzählte ihm seine Oma, gab Olli als Mitglied der Schützen an seine Vereinsmitglieder weiter. Und die Erika Rambach war ja bekannt, war ja schließlich die Mutter von der „Kronenwirtin“, von „Queen Mum“. In Remagen lebten die Menschen damals von „Krumpere un de Säu“, vielleicht noch vom Wein, mussten ihrem Lebensunterhalt nachgehen, „da konnte sich keiner um die große Politik in Berlin kümmern“, so der Stadtführer.

Dass das ein Fehler war, erfuhren die Menschen bald am eigenen Leib. Als überall die „Braunen“ auftauchten. Da zeigte der Olli ein Emaille-Schild aus der Karmeliterstraße: Blockwart stand da drauf. Dessen Aufgabe: auf alles aufpassen, ein Hausmeister, der alles Ungewöhnliche meldete. Auch, wenn ein Jugendlicher nicht am sonntäglichen Appell auf dem Alten Sportplatz bei der Hitlerjugend (HJ) oder beim Bund deutscher Mädels (BDM) teilnahm. „Warum Mädels“, fragte Kleebach und gab gleich die Antwort: „Wegen ›dem‹ Österreicher.“ Heinz Kleebach, dessen Opa nicht wollte, dass er zur HJ ging, musste dann gehen. Weil die Polizei kam, erzählte der alte Eisenbahner. Die „Schützenjugend“ war mucksmäuschenstill, lauschte fasziniert den Worten der beiden Erwachsenen. Kleebach zeigte Bildet von Treffen der HJ, nannte Namen, die heute noch jedes Kind in Remagen kennt.

Schnell verging die Zeit, bis sich die Truppe auf den Weg durch die Stadt machte. Auf die Marktstraße, einst Adolf-Hitler-Straße. Olli zeigte ein Bild eines amerikanischen GI´s unter diesem Straßenschild vom 7. März 1945, als die Brücke eingenommen wurde. Der Amerikaner stand vor dem Haus Nr. 26 - heute noch zu erkennen.

Stolpersteine der Familie Faßbender

Vor den Stolpersteinen der Familie Fassbender blieb die Gruppe stehen. Oliver Schmitz umriss die Lebensgeschichte der Familie, die einen Gemüseladen am Drususplatz betrieb. Er erzählte, dass John Fassbender auch Mitglied bei den Schützen gewesen sei, im Turnverein, in vielen städtischen Gremien. Doch eines Tages waren sie weg - die Menschen. Für immer, deportiert, ermordet. Die Stolpersteine sollen erinnern. Erinnerung auch am Platz der ehemaligen Synagoge. Oma Rambach hatte als Kind gesehen, wer am 10. November 1938 die Synagoge in Brand gesteckt hatte. Niemals war der Name des mittlerweile ebenfalls verstorbenen Remagener Bürgers über ihre Lippen gekommen. Die braunen Schergen kamen von außerhalb, hinderten die Remagener Wehr an Löscharbeiten. Die Synagoge brannte ab, nur der Original-Stern am Mahnmal erinnert noch an die jüdische Gemeinde in Remagen. Fasziniert zeigten sich die Jugendlichen von der Remagener Geschichte.

Beeindruckende Stadtführung

„Ganz schwer, aber toll, dass wir das mal erzählt bekommen“, so der Tenor der Jugendlichen. Selbst die Erwachsenen zeigten sich beeindruckt. „Wusste ich alles nicht“, kam auch von dieser Seite. Beschlossen wurde, mit Olli auch eine Stadtführung „durch das alte Rom in Remagen“ zu machen. „Doch dann geht es nach Berlin“, freuten sich die Sankt Sebastianer schon auf den Besuch in der Bundeshauptstadt. Jetzt ging es erst einmal an den Martinsbrunnen, denn „direkt daneben ist doch der Eissalon“, sagte Tommi Pieper.

Das Heimatjahrbuch aus dem Jahr 1940 zeigte Oliver Schmitz der Schützenjugend.

Auf den Spuren der deutschen Geschichte

Am Mahnmal erfuhren die Jugendlichen die Geschichte der jüdischen Gemeinde, hörten vom Brand der Synagoge in der Pogromnacht 1938. Fotos: AB

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