Politik | 08.10.2019, 16:15 Uhr

Vortrag zur „Urbanen Landwirtschaft“ in Sinzig

Das Erfolgsmodell „Essbare Stadt“

Dr. Lutz Kosack, Diplom-Geoökologe der Stadt Andernach, referierte auf Einladung von Bündnis 90/Die Grünen

Hardy Rehmann dankte Dr. Lutz Kosack für den interessanten Vortrag. Foto: privat
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Sinzig. Mit verschiedenen Maßnahmen setzt die Stadt Andernach ein nachhaltiges Baukastensystem der kommunalen Grünraumplanung um, wobei es das Ziel ist, gleichermaßen ökologische, ökonomische und soziale Aspekte in ein Gesamtkonzept zu integrieren. Wesentliches Element ist die Integration von Aspekten der urbanen Landwirtschaft in den städtischen Grünraum. Mit der Anpflanzung von zum Beispiel öffentlichen Gemüsebeeten, die nicht nur jedermann zugänglich sind, sondern auch von allen Bürgern geerntet werden können, geht die Stadt Andernach einen neuen Weg. In der Kombination mit einer 14 Hektar großen periurbanen Permakulturanlage und vielfältigen Aktivitäten in der Stadt ist es das Ziel, öffentliche Grünräume auch unter dem Aspekt einer schwierigen Haushaltsituation kreativer zu gestalten und urbane Biodiversität zu fördern.

Öffentliche Grünanlagen stehen eigentlich jedermann zur Verfügung. Aber nur zu oft werden sie von Bürgern als Fläche der Stadt oder der Kommune gesehen – und nicht als Flächen der Bürger. Die Stadt wiederum sieht ihre Aufgabe darin, mit möglichst minimalem ökonomischem Aufwand halbwegs „gepflegte“ Flächen zu präsentieren, was allzu oft zu lieblosen, pflegeleichten und artenarmen Grünanlagen führt. Neben der attraktiven Gestaltung der Grünflächen der Stadt sollen diese gleichzeitig im Sinne einer Multifunktionalität ökologische, ökonomische und auch ästhetische Funktionen gleichermaßen unterstützen. Dabei gilt es im Konzept der „Essbaren Stadt“, diese als „Lebens“-mittelpunkt wieder mit „Lebens“-mitteln erlebbar zu machen. Ein neuer Ansatz, den öffentlichen Grünräumen zumindest teilweise neue Funktionen zukommen zu lassen, liegt in der kreativen Umsetzung von Konzepten der urbanen Landwirtschaft. Aufbauend auf einer historischen Recherche der lokalen landwirtschaftlichen Situation wurden in Andernach kreative Konzepte entwickelt, um mit „Nutzpflanzen“ solche Flächen für Bürger wieder erlebbarer zu gestalten.

Probleme mit Vandalismus blieben aus

Als Standort wurden gezielt sogenannte städteplanerische „Angsträume“ gewählt: Orte, die vorher eine geringe Aufenthaltsqualität hatten und zudem für den städtischen Baubetriebshof mit viel Arbeit verbunden waren. Im Zuge des Projekts wurde insbesondere zu Beginn der Kampagne in der Stadt auch intensiv die Gefahr des Vandalismus diskutiert. Dieser blieb allerdings weitestgehend aus, und die Bedenken konnten aus dem Weg geräumt werden. Es hat sich in diesem Fall gezeigt, dass mit der Wahrnehmung die Verantwortung der Bürgerschaft wächst, frei nach dem Motto: Stelle dem Bürger eine hochwertige Anlage zur Verfügung, und er geht hochwertig damit um. Solche Rückschlüsse sind sicherlich nicht zu pauschalisieren, aber die Erfahrungen zeigen, dass vielleicht auch ein besonderer, gegebenenfalls auch archaischer Respekt gegenüber „Lebensmitteln“ in allen sozialen Schichten vorhanden ist und so Vandalismus als Problem kaum auftritt. Es zeigte sich im Zuge von Recherchen, dass die Motivation der Bürger, die die Grünflächen nutzen, teils sehr unterschiedlich war: Einige Bürger ernteten, um die karge Haushaltskasse aufzubessern, für andere war es die Möglichkeit, abends auf dem Heimweg mit ganz frischem Gemüse das Abendessen gesund und abwechslungsreich zu gestalten. Auch ist es insbesondere für Kinder und Jugendliche von Bedeutung, die Pflanzen und ihre Früchte überhaupt wieder erlebbar zu machen, da viele völlig den Bezug hierzu verloren haben.

Bürger verantwortlich einbeziehen

Gepflegt werden die Flächen in Andernach durch die Perspektive gGmbH, die örtliche Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft. Hier arbeiteten bis 2014 sechs Bürgerarbeiter unter Anleitung ausgebildeter Gärtner. Auch das neue Beschäftigungsprogramm der Bundesregierung stellt ab 2015 wieder eine Vielzahl von Mitarbeiter zur Verfügung. Im Zuge der Flüchtlingswelle wurde auch dieser Personenkreis in die Pflege eingebunden und auf diese Weise die Integration gefördert. Zunehmend ist es Ziel, auch Bürger mit in die Verantwortung zu nehmen. Basierend auf bürgerschaftlichem Engagement lassen sich Vereine, Senioren, Schüler, Flüchtlinge etc. auch in die Pflege „ihrer“ Flächen einbinden. Ziel ist es, einzelne Beetpatenschaften zu vergeben und dadurch langfristig auch in der Pflege Kosten zu senken.

Durch das durchgängige biodiverse und ökohumane Konzept werden alte Denkstrukturen aufgehoben, und die Stadt und ihre Bürger bekommen eine neue Wahrnehmung von der Ästhetik und Wertschöpfung durch Biodiversität im städtischen Raum. Ein Umdenken hinsichtlich des kommunalen Grüns war mit einer Vielzahl von anfänglichen Bedenken und Vorbehalten behaftet. Häufig wurde seitens anderer Kommunen auch nach zum Beispiel bereits ausgearbeiteten Kostenplänen und Stadtratsvorlagen gefragt. Es zeigte sich, dass nicht allein der Kostenrahmen und der politische Raum ausschlaggebend sind, sondern die Kreativität und der Mut der lokalen Akteure neue Wege zu gehen.

Pressemitteilung

von Bündnis 90/Die Grünen

Ortsverband Sinzig

Hardy Rehmann dankte Dr. Lutz Kosack für den interessanten Vortrag. Foto: privat

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