Politik | 25.06.2018

Lesermeinung zum Thema „Woran krankt das Rettungswesen?“

„Das Rettungswesen steht kurz vor dem Kollaps“

Marcel Weber sieht Krankenkassen und Politik in der Pflicht, eine andere Finanzierungs- und Organisationsstruktur aufzubauen – Jeder Bürger sollte genau abwägen, ob er notärztliche Versorgung benötigt

Adenau. Mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag zum Thema „Woran krankt das Rettungswesen?“ aufgenommen. Ich arbeite seit Sommer 2013 beim DRK Kreisverband Ahrweiler e.V. auf der Rettungswache Adenau. Leider bekommen wir als Mitarbeiter die in den beiden Artikeln der letzten Ausgabe genannten Probleme täglich zu spüren.

Zu viele Bagatelleinsätze

Der Rettungsdienst wird leider viel zu häufig zu Bagatelleinsätzen alarmiert. Womit man früher noch zum Hausarzt gegangen ist, dafür wird heute der Rettungsdienst alarmiert. Rückenschmerzen seit mehreren Tagen oder auch die „einfache“ Grippe führen gerade an Wochenenden und in den Nachtdiensten vermehrt zu Einsätzen. Selbst junge Menschen bedienen sich der rettungsdienstlichen Hilfe, wenn es sich einfach nur um einen betrunkenen Freund handelt. Noch zu meiner Jugendzeit wären wir im Traum nicht auf eine solche Idee gekommen! Nach Hause bringen und schlafen lassen scheint wohl in einem solchen Fall nicht mehr als ausreichend angesehen zu werden; lieber blockiert man einen Rettungswagen und ein Bett im Krankenhaus, welches für einen lebensbedrohlichen Notfall dann blockiert ist.

Hier muss man öffentlichkeitswirksam vermehrt auf den ärztlichen Bereitschaftsdienst (Tel. 116-117) hinweisen. Außerdem muss man dem Rettungsdienstpersonal mehr rechtliche Sicherheit zusprechen, um offensichtliche Bagatellen an den Hausarzt bzw. den ärztlichen Bereitschaftsdienst verweisen zu können und so für Notfalleinsätze einsatzbereit zu bleiben. Die Mitarbeiter der Rettungsdienste sind gut genug ausgebildet, um solche Entscheidungen nach einer eingehenden Untersuchung der Patienten zu tragen; leider fehlt es nach wie vor an der rechtlichen Absicherung durch den Gesetzgeber.

Krankentransport und Notfallrettung klarer trennen

Als weiteren Schwachpunkt sehe ich das kombinierte System aus Krankentransport und Notfallrettung. Die Rettungswagen (RTW) sind personell und technisch für die Notfallrettung (z.B. Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Verkehrsunfälle) ausgelegt; Krankenwagen (KTW) sind für zeitunkritische und planbare Transporte ins und aus dem Krankenhaus oder zur Arztpraxis (z.B. Dialysetransporte, Fahrten zu ambulanten Versorgungen) vorgesehen.

Da das Fahrtenaufkommen der Krankentransporte aufgrund des Personalmangels auf Krankenwagen oft nicht bewältigt werden kann, werden häufig RTW für solche Fahrten eingesetzt. Dadurch ist der RTW im Falle eines Notfalles gebunden und kann nicht für die Notfallrettung eingesetzt werden.

Es muss dann ein RTW von einer weiter entfernten Rettungswache anrücken, was im ländlichen Gebiet der Eifel schon einmal schnell eine Wartezeit von 30 min bedeuten kann! Man muss dabei bedenken, dass das Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) unter Umständen in einem anderen Einsatz gebunden ist und ein Rettungshubschrauber je nach Wetter oder in der Dunkelheit nicht eingesetzt werden kann. Ich denke, jeder kann sich vorstellen, wie lang das Ganze wird, wenn man z.B. mit seinem atemnötigen Kind so lange auf Hilfe warten muss…

Die Notfallrettung muss von den Krankentransporten getrennt finanziert und betrieben werden. Krankentransporte mit Notfallrettungsmitteln nur um des Geldes wegen darf es nicht geben! Es muss der Mensch und nicht das Geld im Vordergrund stehen! Dadurch werden unter Umständen lebensgefährlich erkrankte Mitbürger vernachlässigt.

Leider lässt sich mit dem aktuellen Finanzierungsmodell die Notfallrettung ohne den Krankentransport für die betreibenden Organisationen in Rheinland-Pfalz nicht kostendeckend finanzieren. Hier sehe ich insbesondere die Krankenkassen und die Politik in der Pflicht, die Notfallrettung für die betreibenden Organisationen kostendeckend zu finanzieren. Die Notfallrettung und der Krankentransport müssen getrennt von der Landesregierung ausgeschrieben werden.

Dünne Personaldecke

Die oben genannten Faktoren führen bei den Mitarbeitern zu einer sinkenden Berufsmotivation, denn die Mitarbeiter haben in den drei Jahren der Berufsausbildung nicht die lebensrettenden Maßnahmen gelernt, um dann als „Taxifahrer“ missbraucht zu werden. Durch die fehlende Motivation kommt es zu einem hohen Krankenstand der Mitarbeiter.

Dadurch ist die regelgerechte Besetzung der Notfallrettungsmittel aufgrund der ohnehin schon dünnen Personaldecke bereits jetzt akut gefährdet. Regelmäßig werden Krankentransportwagen zugunsten der Notfallrettungsmittel abgemeldet, um das Personal auf dortigen einzusetzen. Dies wiederum führt zu vermehrten Einsätzen von Notfallrettungsmitteln im Krankentransport, da dann wiederum die KTW fehlen.

Bürger müssen solidarisch denken

Das Rettungswesen steht kurz vor dem Kollaps. Das Ausbleiben von schneller, lebensrettender Hilfe wird in naher Zukunft zunehmen. Darum muss sich jeder Mitbürger Gedanken darum machen, ob seine Rückenschmerzen oder ähnliche, nicht lebensbedrohliche Erkrankungen wirklich so schlimm sind; jemand anderes braucht die Hilfe vielleicht viel dringender. Oder wollen Sie, dass Sie, Ihre Angehörigen oder Ihre Kinder im Notfall lange auf überlebenswichtige Hilfe warten müssen? In manchen Fällen kann die Wartezeit auch mal zu lange sein…

Marcel Weber,

Adenau

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